Der Kandidat fand das so überaus komisch, daß er lachte und dabei seine schönen Zähne zeigte. »Verliebt bin ich allerdings,« sagte er dann mit leiser Erregung.

»Aber, Herr Kandidat! Wie können Sie nur —!« entfuhr es ängstlich ihren Lippen. »Sie können sich ja um Ihre ganze Stellung bringen. Eine Mutter mit großen Kindern — nein! Ich begreife Sie nicht! Ich hab mir wohl gedacht, daß sie immer hinter Ihnen etwas her sein könnte, aber Sie, ein junger Mann —!«

»Es fragt sich nur, in wen ich verliebt bin,« fuhr Fröhlich unbeirrt fort und sah sie dabei so merkwürdig an, daß sie verwirrt die Augen niederschlug. »Sie werden mir wohl die Geschmacklosigkeit nicht zutrauen, noch weniger aber die niedrige Gesinnung, die Augen zu der Gattin meines sogenannten Brotgebers zu erheben.«

»Nein, wahrhaftig nicht, Herr Kandidat.«

»Da sehen Sie also gleich, wo die Verleumdung steckt, aber ich will mich milde ausdrücken: die gänzliche Verdrehung der Tatsachen. Und das zwingt mich, ganz offen zu Ihnen zu sein, jedoch mit der Bitte, der unschönen Gesinnung des jungen Herrn keinen allzugroßen Wert beizumessen. Menschen wie er, die die Arbeit gründlich hassen, sind schon gestraft durch ihr eigenes Dasein. Sie haben den Frieden ihrer Seele nicht, sie kennen das eigene Glück im Menschen nicht, deshalb zerstören sie so gern dasjenige anderer. Und ihr einziger Freund ist der eigene Schatten, der sie ruhelos verfolgt und sie stets an ihr Alleinsein erinnert ... Ich bitte also nochmals, mehr Mitleid als Mißachtung für den jungen Herrn zu haben ... Uebrigens habe ich viel darüber nachgedacht —: er kommt ganz nach seiner Mutter. Dieselbe Unruhe, dieselbe Sprunghaftigkeit des Wesens, dieselben Charakterschwächen. Und diese gewissen Triebe erstrecken sich sogar bis auf die Eitelkeit und Putzsucht. Es ist mir aufgefallen, daß er schon an einem Tage dreimal den Anzug gewechselt hat. Er soll fünfzig verschiedene Krawatten besitzen und ein Dutzend bunter Westen. Mein Schüler Walter machte sich gelegentlich darüber lustig ... Sie dürften gewiß schon etwas von einer sogenannten Vererbung gehört haben, und von der Degeneration der Arten.«

Sie wandelten unter den Bäumen auf und ab, während die Kinder sich wieder über den Sand hergemacht hatten. Wenn der Kandidat von einem bestimmten, gelehrten Gedanken erfaßt wurde, dann vergrub er sich in ihn und holte zur Entwicklung seiner Ansicht die verborgensten Fäden hervor, die er mit großer Klarheit weiterspann. Und so hielt er es denn auch im Augenblick für durchaus notwendig, dem Fräulein darüber einen kleinen Vortrag zu halten, wobei er nach Lehrart mit der lebhaften Bewegung seiner Hände nicht zurückhielt. Er zergliederte die ganze Familie Roderich, zerfaserte die Eigenheiten eines jeden Mitgliedes und teilte schließlich die sieben Häupter in zwei ungleiche Lager.

»Kornelia und Walter sind der Vater, die übrigen die Mutter,« schloß er lebhaft. »Dort die Beständigkeit, die kompakte Ruhe, die Sicherheit des Strebens und die Festigkeit des Charakters; und hier das gerade Gegenteil: absolute Trägheit, Hang zum Müßiggang, zur Unaufrichtigkeit, um nicht zu sagen zur Lüge, zu großen Worten, hinter denen die Selbsttäuschung steckt, und zu vielen anderen Dingen. Sie werden das vielleicht schon bei den Kleinen entdecken, wenn Sie acht darauf geben.«

»Gewiß, bei dem Jungen. Sie bringen mich erst darauf,« warf Fanny ein, die zuerst nicht ganz bei der Sache war, nun aber Verständnis zeigte. »Wollen Sie glauben, Herr Kandidat: er ist schon ganz nervös, gerade wie seine Mama; die Phantasie geht immer mit ihm durch. Na, und Bescheidenheit kennt er gar nicht.«

Sie bekam Lust sich zu setzen, denn die ganze Nacht hatte sie in einem Schwitzbad gelegen und sich heute früh tapfer zusammengenommen, um ihre Schuldigkeit im Hause wieder zu tun. Die gesunde Natur in ihrem Körper hatte ihr zwar rasch über die Erkältung hinweggeholfen, aber sie fühlte doch noch das Unbehagen einer gewissen Schwäche. Sie fanden abseits von dem Kindertrubel eine leere Bank, wo sie sich niederließen, nachdem Fanny sich ängstlich umgeblickt hatte. Es wäre ihr nicht angenehm gewesen, Rudi noch in der Nähe zu wissen, der dieses Zusammentreffen wieder wenig harmlos ausgelegt haben würde. Als sie ihn aber nicht sah, war sie beruhigt. Sie hatte ohnedies schon zu viel von ihm anhören müssen, was sie schwer bedrückte und wie eine stille Last mit sich herumtrug, die man sich scheut, einem andern aufzubürden.

Frau Roderich hatte auch heute früh noch die lächerliche Ansteckungsfurcht, die sich nicht eher legte, bis der Sanitätsrat um elf Uhr kam und in seiner geraden Art dazwischen fuhr. Er lachte vergnügt, als er die Kranke schon auf sah, und wünschte sich selbst noch einmal in diese Jahre zurück, um so schnell alle ärztlichen Bemühungen durchkreuzen zu können. Im übrigen hatte er gegen den täglichen Ausgang nichts einzuwenden, denn der Puls sei normal, und der Appetit werde mit dem Essen kommen. Die Medizin könne man weggießen. Er vergaß jedoch nicht, hindurchblicken zu lassen, daß diese rasche Wendung zum Guten seiner Hilfe zu verdanken sei. Zum Schluß empfahl er wenig Aerger, was seine ständige boshafte Redensart war, die er im Hause Roderich regelmäßig nach jedem überflüssigen Nervenbesuch bei der Hausherrin als Stichwort hinterließ.