Kandidat Fröhlich, der am Fenster sitzend, in seinem Kaffee rührte, vergnügte sich einige Augenblicke darüber, dann las er ruhig weiter. Er blickte erst wieder flüchtig auf, als ein junger Mann eintrat, der sich als dritter im losen Bunde an einem Marmortisch an der gegenüberliegenden Wand niederließ, durchaus aber nicht Sinn für geistige Befriedigung zu haben schien, vielmehr die Augen lebhaft kreisen ließ.
Das Fräulein brachte ihm einen Apfelkuchen mit Sahne, den er mit geteilter Aufmerksamkeit zu verzehren begann; denn er sah dabei wiederholt nach der Uhr und dem vorderen Raum, wo man durch die Glastür hin und wieder einige Damen erblicken konnte, die es vorzogen, sich dort niederzulassen.
Fröhlich glaubte in dem männlich offenen Gesicht, dessen starke Wetterbräune in einer scharfen Linie am Stirnabsatz abschnitt, bekannte Züge zu entdecken, die er irgendwo schon gesehen haben mußte. Entschieden war es ein Gast, der sich hierher nur verirrt hatte und aus gewissen Gründen nicht zur Ruhe kommen konnte. Er strich erregt seinen braunen aufgezwirbelten Schnurrbart, bückte sich dann wieder über dem Kuchen und roch schließlich an einer langstieligen roten Rose, die er neben sich gelegt hatte. Als er dann bemerkte, daß sein Gegenüber ihn länger als erlaubt betrachtete, nahm er sich endlich eine halb zerrissene Wochenschrift vom Nebentisch, um darin zu blättern, was er aber unstreitig wie jemand tat, der sich nur zerstreuen möchte und die Aufmerksamkeit eines andern von sich ablenken will.
Auch Fröhlich hielt es für taktvoller, sich mehr mit sich zu beschäftigen als mit dem andern. Plötzlich aber durchzuckte ihn ein leichter Schreck, denn die Glastür ging auf und Kornelia Roderich trat ein, mit all dem Duft, den ein hübsches und frisches, elegant gekleidetes Mädchen aus der Gesellschaft mit sich führt. Dem Kandidaten war es, als brächte man in diese verdorbene Luft von Blätterteig, Kaffeeresten und Zigarrenqualm einen großen taufrischen Blumenstrauß hinein, der erquickende Düfte ausströmt.
Sofort erhob sich der Herr, ging ihr entgegen und küßte ihr mit einem Dank für ihr Kommen die Hand.
»Haben Sie schon lange gewartet?« fragte sie und nahm neben ihm Platz.
»Eine kleine Ewigkeit von fünf Minuten,« wandte er heiter ein. »Ich wäre beinahe vor Sehnsucht gestorben.«
»Sie Aermster, was hätten Sie dann davon gehabt?« sagte sie mit derselben guten Laune. »Beinahe hätte ich's gar nicht möglich machen können, zu kommen. Wir haben zum Abend Gäste, und da ist Mama noch 'mal so nervös. Das ganze Haus ist dann rebellisch. Und Neli muß überall sein. Ich kann auch nicht lange bleiben, aber Sie sollten doch sehen, daß ich Wort zu halten verstehe.«
»Wenn ich zwei Köpfe hätte, würde ich Ihnen einen dafür zu Füßen legen,« warf er ein, »aber das teure Haupt muß ich schon für Sie aufbewahren.«
»Hübsch gesagt, Herr Leutnant, so etwas gefällt mir. Diese Rose ist natürlich für mich.« Sie nahm sie und sog den Duft ein.