»Legen Sie es nur dort hin, auf den Büchertisch!« Kein Wort des Dankes kam über ihre Lippen, aber mit einem großen Kennerblick umfaßte sie die schlanke und schmiegsame Figur Fräuleins. Und dabei war es ihr, als hätte sie niemals das junge Mädchen so lieblich gesehen. Sie wußte aus ihren Jugendträumen, die schon lange der Vergangenheit angehörten, daß die Liebe verschönt, und so schloß sie aus den roten Wangen Fannys auf eine derartige Umwälzung des Gemütes.
Aber sie wollte sich das auslegen, wie es ihr paßte, und so forschte sie plötzlich: »Sie sehen ja so erhitzt aus, ganz rot um die Augen. Es wird doch nicht wieder rückfällig mit Ihrer Krankheit sein?«
Fanny lächelte sorglos. »Aber, gnädige Frau, ich versichere Sie, mir ist völlig wohl, ich bin nur ein bißchen verschnupft, ich habe mich gestern beim Baden ein wenig erkältet. Aber das ist gar nicht von Bedeutung. Wegen der Kinder brauchen Sie wirklich nichts zu befürchten.«
»So. Nun, diesmal will ich Ihnen glauben. Reichen Sie mir doch das Riechfläschchen von dort her, das kleine japanische!«
Auch diesmal beeilte sich Fanny und wählte das richtige aus dem Dutzend Fläschchen, die in allen möglichen zierlichen Formen, teils aus Kristall, teils mit Gold und Farbe bepastet, auf einem kleinen Wandbrettchen unter dem hängenden Seidenbaldachin standen.
Abermals kam kein Dankeswort, aber mit geschlossenen Augen und tiefem Behagen, gleich einer Odaliske, die sich betäuben möchte, sog Frau Agathe den scharfen Duft ein. Dann taute sie allmählich wieder auf. Die Augen waren ihr übergegangen, und so sagte sie mit verschwommenem Blick: »Jetzt die Hauptsache. Es paßt mir nicht, daß mein Hausfräulein bei ihren Ausgängen in meinem Dienst die Zudringlichkeiten von Männern entgegennimmt.«
»Aber, gnädige Frau —!« Es klang wie ein Schrei der Entrüstung, der sich ihr entrang.
»Was wünschen Sie?« kam gedehnt die Frage. Frau Agathe vergaß ganz ihre schöne plastische Lage und erhob den Oberkörper etwas schief. Herausfordernd sah sie ihr Fräulein an, und etwas wie Genugtuung sprach aus ihren Augen, da ihre Welkheit durch die starke Ermunterung aus dem Fläschchen vorübergehend gewichen war.
»Ist es nicht so? Sie werden sich doch nicht etwa verteidigen wollen?«
»Das ist mein gutes Recht, gnädige Frau!« Trotzdem sich ihr ganzes Inneres gegen diese Beleidigung aufgebäumt hatte, kämpfte sie mit Tränen. Ihr umflorter Blick richtete sich abermals auf die Kleinen. »Frau Bankdirektor, ich bitte Sie —, die Kinder! Was sollen sie davon denken!«