Das Stichwort konnte kommen.
Es herrschte kühle Dämmerung im Zimmer, denn die Seidenvorhänge waren dicht zugezogen, weil morgens die Sonne auf dieser Seite stand. Nur mit einem schwachen Leuchten drang sie durch und ließ das gemusterte Rot sanft erglühen, so daß ein Schein davon das Antlitz der Ruhenden traf und künstliche Lebensglut auf ihre Wangen malte. Das wußte Frau Agathe, deshalb lag sie so gern des Vormittags hier, wenn sie empfing und Hausbefehle erteilte.
»Aeffi, kusch dich! ... Kinder, seid ein wenig still!« fertigte sie den Pintscher und die Kleinen zu gleicher Zeit ab. Das Hündchen, hübsch zurechtgemacht wie seine Herrin, heute rosa garniert, lag wie gewöhnlich mollig in seinem Polsterpfühl, um dessen oberen Korbrand eine grelle Stickerei lief. Es hatte sich plötzlich gemeldet, weil es eine verirrte Fliege nicht loswerden konnte.
Hans und Trudchen hockten im äußersten Winkel, eingeschüchtert durch die Mutter, deren verändertes Wesen sie heute nicht begriffen. Die Händchen im Schoß, neugierig die Augen auf das Ruhebett gerichtet, machten sie fast den Eindruck kleiner, verkümmerter europäischer Pflanzen, die in einem fremden Erdteil versetzt sind und die neue Luft nicht vertragen können. Selten kamen beide hier herein, und dann ging der Blick voll Scheu stets in der Runde herum, weil sie niemals etwas berühren oder anfassen durften. So waren diese fremden Herrlichkeiten etwas für sie Totes, das ihre Spielsucht nicht erwecken konnte.
Mit kläglicher Miene schauten sie nach der Tür, denn sie hatten gehört, daß Fräulein kommen sollte, und so befürchteten sie fast Strafe für etwas, das sie noch nicht kannten; namentlich hatte Hans dieses unsichere Gefühl, denn seine Mutter hatte ihn vorhin, als sie ihm unsanft die Haare scheitelte, sich die Zunge zeigen ließ und Stirn und Händchen auf Hitze prüfte, auch danach gefragt, was der Herr Kandidat neulich im Zoologischen Garten wohl gemacht habe, und dabei hatte sie wirklich herausgebracht, daß Fröhlich zum zweiten Male erschienen war. Fortwährend waren ihm dabei die Hände voll Sand eingefallen, die er Fröhlich, unter der Bank herumkriechend, auf die Stiefel geworfen hatte. Und so witterte er die fürchterliche Zeugenschaft Fräuleins dafür.
Dann trat Fanny ein und machte einen kleinen Knicks, weil die Gnädige diese Begrüßung von Anfang an gern gesehen hatte.
»Frau Bankdirektor haben mich gewünscht.«
»Ich bin gar nicht mehr zufrieden mit Ihnen, Fräulein.«
»O, das tut mir sehr leid, gnädige Frau, ich bin mir wirklich nichts bewußt.« Ihre Augen gingen auf die Kleinen, die sich plötzlich untergeärmelt hatten und sich dicht zusammenschmiegten.
Frau Roderich ließ mit Absicht sanft das Buch auf den Teppich gleiten, was Fanny veranlaßte, es ihr mit Eifer wieder zu überreichen.