Innerlich war Frau Roderich weniger entrüstet über die Auffassung ihres Sohnes. Ihr schiefes Urteil ging wieder mit ihr durch, ihre Wahnvorstellungen zerflatterten ins Riesenhafte, und so war sie nur zu sehr geneigt, Fanny alle schlechten Eigenschaften anzudichten. Und das war ihr holder Selbstbetrug, der ihr genügend Entschuldigung für Ausübung ihrer Tyrannei gab. Und da Rudi merkte, daß es in ihr gärte, so nutzte er die Gelegenheit wieder aus.

»Wenn Dir daran liegt, Mama, daß sich die beiden da nicht treffen sollen, dann hätte ich einen Ausweg,« sagte er großartig. »Pump mir aber erst zehn Mark, ich gebrauche sie notwendig.«

»Wann wird das mal mit Dir aufhören,« stieß sie ärgerlich hervor, faßte aber schon in die Tasche und gab ihm das Gewünschte. »Hier, ich will noch einmal milde sein. Sprich nur nicht immer von ›Pumpen‹, ich schenke es Dir schon lieber.«

»Schick doch Fräulein immer vormittags nach dem Zo, dann wird die Freude zu Wasser!«

Richtig, daß sie daran noch nicht gedacht hatte! »Schade, daß Du zu nichts Lust hast,« sagte sie, milde gestimmt. »Gute Einfälle hast Du, das muß man Dir lassen.«

An diesem Montag machte sie gleich den Anfang damit. Sie klingelte und ließ Fräulein kommen, denn inzwischen hatte sie selbst eingesehen, wie töricht ihre neue Ansteckungsfurcht wieder war. Es war ihr auch hauptsächlich darum zu tun gewesen, Fanny ihre Allgewalt zu zeigen.

Malerisch hingegossen lag sie auf ihrem türkischen Ruhebett, in der rechten Hand den neuesten Moderoman, in dem der Zeigefinger als Lesezeichen steckte. Diese Beschäftigung sollte stets einen guten Eindruck machen, sobald sie jemand empfing, mit dem sie nicht große Umstände zu machen brauchte. Leider steckte diese geistige Nahrung stets in einem Gewande, das mit der peinlichen Toilette der Hausherrin im schreiendsten Widerspruch stand. Trotzdem der Bankdirektor nichts dagegen gehabt hätte, wenn seine Gattin die neuesten literarischen Erscheinungen durchaus tadellos beim Buchhändler gekauft haben würde, zog es Frau Roderich vor, ihre Lieblingsschriftsteller aus der Leihbibliothek zu beziehen. Und so hatte sie auch jetzt ein dickes Stück Literaturware in ihren zarten Fingern, das entschieden schon durch zahllose Hände gegangen war und einen derartig befetteten und beschmutzten Einband zeigte, daß jeder Gesundheitsgelehrte aus Gründen der Uebertragung von Mikroben seine warnende Stimme dagegen erhoben hätte.

Frau Agathe nahm jedoch daran keinen Anstoß, denn sie folgte nur dem großen Zuge der Zeit, der die Früchte der Bildung so billig als möglich genießen möchte, alles Unreine am eignen Körper verdammt, durchaus aber nicht wählerisch ist, sobald es sich um fremde Werte handelt. In dieser Beziehung hatte für sie ein derartiges Buch, in dem auch die Seiten bereits klebrig waren, viel Aehnlichkeit mit dem Gelde, dem gleiche üble Eigenschaften anhaften, und das man anstandslos entgegennimmt.

Heute roch es im Boudoir mehr denn je nach »Orient«, es schien sogar nach allen Wohlgerüchen Arabiens zu duften, unter denen das Rosenöl sich wieder besonders bemerkbar machte.

Schneeiges Weiß mit zartblauen Andeutungen umrauschte in luftiger Fülle die Gnädige, sobald sie dem üppigen Körper eine neue Lage gab, was bei ihrer großen Unruhe mit jedem Minutenwechsel geschah. Sie legte die Falten kunstgerecht, wie ein geschicktes Modell, das den Meister erwartet, ordnete die Spitzen des Saumes solange, bis der gestickte Morgenschuh kokett sichtbar war, und reckte den bepuderten Arm mit Anstrengung aus dem weiten Aermel heraus, damit die blendende Rundung sich endlich vorteilhaft zeige. Wiederholt griff sie zum Handspiegel, um dieses göttliche Haustheaterbild mit befriedigtem Lächeln zu bewundern. Dann schüttelte sie das künstlich getollte Haar, das sie um diese Zeit noch aufgelöst trug, mit einer kühnen Hauptbewegung nach hinten, stützte den Kopf in die Linke und gab mit der Rechten dem Buche, das sich wie ein dunkler Fettfleck auf dem duftigen Morgenkleide ausnahm, die alte Lage.