»Um Himmelswillen, es ist schon genug Skandal im Hause ... Na, jetzt lachen Sie wieder. So ist's recht. Tränen sind ein Bad, das nur häßlich macht.«
Fanny lachte wirklich, denn eigentlich war sie nicht mehr traurig gestimmt; nur Verlegenheit hatte sie grimmig gemacht. So war sie auch schon in ihrer Familie gewesen: wenn sie sich über sich selbst ärgerte, kam die Salzflut, die ihre frischen Wangen badete.
Kornelia sagte sich, daß in einem solchen Falle die Ertappte sich innerlich austoben müsse, und so entfernte sie sich wieder mit einigen letzten Scherzworten. Sie war zufrieden mit ihrem ersten Forschungsversuch, und so wollte sie abwarten, wie sich weiter die Augen Fannys öffnen würden.
Bisher ahnte sie nicht, was ihre Mutter bewog, die Haustyrannin gegen Fanny zu spielen.
XIII.
Seitdem Frau Roderich Rudis obendrein noch sehr entstellten Bericht über das »zoologische Ereignis«, wie er es boshafterweise nannte, entgegengenommen hatte, war ihr Groll gegen Fräulein bis zum Siedepunkte gestiegen. Sie zweifelte nicht mehr daran, daß der Kandidat den schönen Mittagstisch und die darauf folgenden Stunden nur auf Fannys Wunsch aufgegeben habe, damit sie sich beim Ausführen der Kinder mit ihm treffen könne. Fröhlich war für sie nur der Verführte, der sich in seiner schüchternen Unschuld durch die glatte Larve hatte betören lassen.
»Sie gampelt nur nach einem Mann,« ließ sie sich hinreißen, zu ihrem Sohne zu sagen. Und Rudi steckte wieder die Miene des Talmi-gentlemans auf, klemmte das Glas ein, pfiff erst vor sich hin und erwiderte verständnisvoll: »Sache, Mama! Da wird sie auch was Rechtes kriegen. Glaub ich noch nicht einmal. Sie will nur ihre Poussade haben. Hättest Du das von diesem kleinen Ding geglaubt? Schon ganz hübsch ausgewachsen. Entwickelt sich vielleicht noch zur Asphaltpflanze.«
In einer andern Stimmung hätte die Frau Bankdirektor ihm vielleicht ein »Pfui!« entgegengehalten. Da jetzt aber ihre verletzte Eitelkeit stark dabei beteiligt war, rügte sie nur sanft diesen Ausdruck und verbot ihm, ihn jemals in ihrer Gegenwart zu wiederholen. Sie fühlte sich selbst dadurch beleidigt, weil sie die Wahl für ihre Kinder getroffen habe; er möchte in dieser Beziehung überhaupt etwas vorsichtig sein.
Rudi lenkte sofort ein und gebrauchte die Ausrede von den »Berliner Redensarten«, die man so schwirren lasse, ohne sich viel dabei zu denken. Die Hauptsache für ihn war, daß er durch diese neueste Wendung eine gewisse Befriedigung empfand. Fanny erschien ihm jetzt begehrenswerter, noch reifer für seine heimlichen Schliche, eigentlich auch viel interessanter dadurch, daß sie sich so offen zu dem Kandidaten bekannte.
Er konnte zugleich gegen zwei Feinde kämpfen und seine Galle langsam in ihr Glück tröpfeln. Nach dem Sprichwort, daß Müßiggang aller Laster Anfang sei, empfand er die Freude des Zerstörers, der gerne Menschen auseinanderbringt. Wenn er nur dabei auf seine Kosten käme, alles übrige sollte ihn wenig kümmern.