Um Fannys Lippen zuckte es. »Ich verstehe sehr wohl, was gnädige Frau damit meinen, aber ich kann die Versicherung abgeben, daß ich nichts Aergerliches dabei empfinde. Frau Bankdirektor werden wohl selbst wissen, daß der Herr Kandidat ein Ehrenmann ist, der niemals etwas Unrechtes tut.«

»Gerade, weil ich das weiß, möchte ich ihn vor Verirrungen bewahren,« sagte Frau Roderich scharf, während unter den nun wieder müden Augen ein leichtes Blitzen hervorschoß.

»Bei mir verirrt sich niemand, gnädige Frau, nicht in dem Sinne, wie Sie es meinen. Mein Vater war Offizier, und mein Bruder ist es noch. Frau Bankdirektor wollen daraus die Schlüsse auf mich ziehen. Es darf eigentlich niemand zu Hause wissen, wie ich hier behandelt werde.«

Es reckte sich etwas in ihr, was sie bisher nie gekannt hatte. Das Soldatenblut regte sich, alle die geraden Lehren ergriffen sie, die sie von frühester Jugend im Hause empfangen hatte. Kraftvoll und gerade stand sie da, den Blick furchtlos auf die Tyrannin gerichtet, und sie empfand, wie noch andere Worte sich ihr auf die Lippen drängten.

Frau Roderich kniff den Mund zusammen und verschluckte klug das, was sie eigentlich hätte sagen müssen, um diese kleine Rebellin aufs neue zu demütigen. Aber sie empfand, daß sie damit doch keine Bändigung ausrichten würde, vielmehr Unabsehbares heraufbeschwören könnte. Und so lenkte sie mit süßlicher Miene ein. »Schlecht behandelt? Aber Kindchen! Sie werden doch meine guten Vorhaltungen nicht mißverstehen? Nein, das dürfen Sie nicht; das würde mir schrecklich leid tun! Sie stehen doch sozusagen auch unter meinem — Schutz.« Sie wollte »mütterlichen« sagen, unterdrückte aber schnell das unbehagliche Wort.

Fanny, rasch erfreut durch diese Wendung, ließ sich täuschen. »Das weiß ich auch zu schätzen, gnädige Frau.«

»Das freut mich. Es ist mein Wunsch, daß diese Unterredung unter uns bleibt.«

»Gnädige Frau können davon überzeugt sein. Ich trage nie etwas aus dem Hause, in dem ich Vertrauen genieße.«

»Das gefällt mir an Ihnen. Nun, bitte, gehen Sie mit den Kindern. Lassen Sie aber vorher erst für Frühstück sorgen!«

Fanny machte wieder einen Knix und ging. Als sie ins Speisezimmer trat, kam ihr Kornelia entgegen, die, ihr Skizzenbuch in der Hand, zum Ausgehen bereit war. »Was war denn jetzt wieder los?« raunte sie ihr zu. »Ich habe nicht alles verstanden. Ich kann Mama nur bedauern ... Ich hörte, daß Sie jetzt schon in den Zoologischen sollen. Das macht sich gut, denn ich will auch hinüber. Wir treffen uns bei den Raubtieren. Ich habe Ihnen manches zu sagen.«