Und sie eilte schnell davon, während Fanny mit den Kindern nach hinten ging, um zum Aufbruch vorzubereiten.

Im Korridor stürmte Emma an ihr vorüber, denn laut und schrill war das Klingelzeichen der Gnädigen wieder erschallt. Diesmal hatte sie den Wunsch, den Kandidaten zu sprechen, und zwar sogleich, weil sie es für möglich hielt, daß Fanny noch vor ihrem Fortgehen mit ihm zusammenstoßen könnte. Er hätte ihr etwas anmerken können und würde sie vielleicht verleitet haben, ihm die Wahrheit zu sagen. Und Frau Roderich hatte ihre Gründe, das zu verhindern.

Als Fröhlich die Nachricht erhielt, war er gerade mitten in der Geographie. Stets bestrebt, seinen Schüler niemals stille sitzen zu lassen, gab er ihm rasch eine kleine Aufgabe und prüfte dann durch einen flüchtigen Blick im Spiegel seine Erscheinungsfähigkeit. Er war verdrießlich über die Störung, noch mehr aber darüber, daß sie gerade von der Hausherrin ausging. Seit einigen Tagen hatte er sein seelisches Gleichgewicht wiedererlangt und sich in der stillen Freude gesonnt, daß Frau Roderich ihre seltsamen platonischen Neigungen ein für allemal zurückgeschraubt haben werde.

In der Tat hatte sie sein Fortbleiben vom Tisch nur kurz mit einigen Worten des Bedauerns berührt und dabei nichts in ihrem Wesen gezeigt, woraus er auf eine Unfreundlichkeit gegen ihn hätte schließen können. Er hatte nur flüchtig von Walter gehört, daß seine Mama ihren Gesang des Nachmittags ruhig fortsetzte, allerdings nicht mehr in der Ausdehnung, wie zuvor; sie habe aber trotzdem befohlen, daß man sie nicht stören dürfe, und sei einmal sehr ärgerlich geworden, als Rudi darauf keine Rücksicht genommen habe. Der älteste Bruder habe sich dann zu ihm sehr lustig darüber gemacht, weil ihm aufgefallen sei, daß immer noch der Stuhl für den Kandidaten am Klavier bereit stehe, gerade so, als müßte er jeden Augenblick wieder Platz darauf nehmen.

Fröhlich hatte das in Gedanken etwas verrückt gefunden, dann aber doch mit heimlichem Grauen daran gedacht, er könnte eines Tages wieder als Opferlamm zur musikalischen Folter geschleppt werden, und zwar in einer Weise, die kein Widerstreben duldete.

XIV.

Als er eintrat und sich zur Begrüßung höflich verbeugte, empfing ihn Frau Roderich mit einem verheißungsvollen Lächeln. Ihre innere Wut über Fanny war verflogen, denn nun glaubte sie durch den Anblick des Verehrten reichliche Entschädigung für ihren Abfall zu haben. Rasch hatte sie inzwischen wieder den Handspiegel zu Rate gezogen, war mit der Puderquaste über die edlen Züge gefahren und hatte mit dem zarten Spitzentaschentuch um die Mundwinkel nachgeholfen, um die gefärbten Lippen, die so knospenrot leuchteten, durch keinen weißen Strich getrübt zu sehen. Noch immer durchglühte die Sonne den Vorhang, und so lag die schöne Frau da wie ein weißes Marmorbild auf einem jener Sarkophage, die geheimnisvolles buntes Licht durch versteckte Scheiben empfangen und durch das Spiel der Sonnenstrahlen die Täuschung des Lebens erwecken.

Frau Agathe lebte allerdings, und das bewies sie dem Kandidaten sogleich durch das holde Oeffnen ihrer Lippen und durch den sanften Wink mit der lässig erhobenen Rechten.

»Treten Sie doch näher, Herr Kandidat, und nehmen Sie ein Weilchen Platz — nicht dort, hier, bitte. Das Sprechen wird mir heute etwas schwer. Es ist gewiß einmal eine Erholung für Sie, den Unterricht angenehm zu unterbrechen. Unser Walterchen wird ja doch noch klug genug.«

Trotzdem sie vorher in einer hysterischen Anwandlung zu Fanny fast geschrieen hatte, tat sie jetzt so, als könnte sie die Worte nur mit Anstrengung über die Lippen bringen. Sie wußte, daß eine derartige Ermattung manchmal gut kleidet und auf schwermütige Naturen, zu denen sie den Kandidaten rechnete, ihre Wirkung nicht verfehlt.