Neben dem Ruhebett stand ein runder Seidensessel ohne Lehne, auf den sie gedeutet hatte. Und so trat Fröhlich zögernd näher, mit den Gefühlen eines armen Mannes, dem man eine saure Frucht dargeboten hat, die er aus Höflichkeit genießen muß, ohne den Geschmack zu verraten.
Er nahm Platz, den Schreck noch in den Gliedern, der ihn steif und unbeholfen machte. Nicht gewöhnt, auf solchen niedrigen, weichen Pfühlen zu sitzen, was ihm immer wie eine gesellschaftliche Kunst erschienen war, die man erst lernen müsse, wußte er nicht recht, wo er die langen Beinen lassen sollte, und so standen sie etwas schief, so daß die herausgedrückten spitzen Kniee oben zusammenstießen; und die Hände lagen gespreizt auf den Oberschenkeln. Die Flügel des schwarzen Taillenrockes jedoch, der mit seinem pastoralen Anstrich so gar nicht in diese bunt schillernde Umgebung von Tausend und eine Nacht paßte, hingen trostlos auf den türkischen Teppich hinab, als sollten sie die Trauer im Gemüte ihres Besitzers andeuten.
Trotzdem der Kandidat mit Vorliebe dunkel gekleidet ging, trug er stets tadellose Anzüge, wie es sich für ein vornehmes Haus gehörte, und dazu blendend weiße Wäsche, auf deren gestärkten Zustand er besonderes Gewicht legte; auch um einwandsfreie Krawatten war er stets besorgt. Da er überdies einen sehr reinen Teint hatte, »durchgeistigten«, wie Frau Agathe wiederholt behauptete, und da sein schönes braunes Haar in natürlichen Wellen sorgsam geordnet war, so gehörte er zu den Menschen, die auf die Dauer unbedingt fesseln müssen, trotzdem man sich gegen das Düstere in ihrer Erscheinung zuerst gesträubt hatte. Seine Hände und Füße waren auffallend klein, und die letzten steckten in durchaus modernem Schuhwerk, das ihre Zierlichkeit noch mehr hervortreten ließ.
Während sich Frau Agathe mit einigen nichtssagenden Worten nach den Fortschritten Walters erkundigte, betrachtete sie ihn mit gnädigem Wohlgefallen. Das Wort »Familiensklave« schoß ihr durch den Sinn, und so knüpfte sie daran eine Gedankenkette, die sich um Fröhlich schlang. Dieser Mann, der des Hauses Brot aß, hatte ihre Herrschernatur verletzt, und so sollte er wieder das Knie beugen und, Verzeihung erflehend, zu den alten Spielen zurückkehren. Es gab auch Frauensklaven, die sich lustig in der Gesellschaft herumtummelten und auf einen Wink gehorchten (der Bankdirektor nannte sie »Salongeschmeiß«), die der Frau vom Hause niemals von der Seite gingen, ihr die Schleppe geistig nachtrugen, jedes Wort aus ihrem Munde wie eine Offenbarung anerkannten, stets bereit waren, kleine Gefälligkeiten zu erweisen und auf den Tag der Erfüllung ihrer Sehnsucht hofften, der aber niemals kam. Im Grunde genommen waren sie die lebende Salontapete, die sich jeder freigebige Hausherr leisten konnte.
Und in der Villa Roderich gab es an den Winterabenden, wo sämtliche Räume in einem Lichtmeer schwammen, ein ganzes Rudel solcher männlicher befrackter Sklaven, die sich alle angenehm verschworen zu haben schienen, einen Blick der üppigen Sirene zu erhaschen, oder sich im Beifallklatschen zu überbieten, sobald sie am Bechstein saß und die Ueberreste ihrer Stimme mit Anstrengung zusammenhielt. Größtenteils waren es junge, unverheiratete Prokuristen aus der Bank, oder kleine ledige Bankiers, denen daran lag, über die Hausherrin hinweg sich die Freundschaft ihres mächtigen Mannes zu erhalten. Dazwischen tummelten sich junge Künstler, Bildhauer und Maler, die danach gampelten, eine Büste oder ein Porträt der Gnädigen vom Gastgeber bestellt zu bekommen. Beim kalten Buffet, das Sektglas in der Hand, wurde Stimmung dafür gemacht, in so lauten Schönheitsanerkennungen, daß dem Bankdirektor ganz Angst wurde bei dieser Fülle von Eigenschaften, die er selbst an seiner Frau noch nicht entdeckt hatte.
Dann hieß es in den gehörigen Abstufungen und mit Rücksicht auf die Gelegenheit dazu: »Gnädige Frau sind heute wieder von einer Frische — bezaubernd! Ich wollte, ich könnte diese Farben einmal auf meiner Palette haben ..... Gnädige Frau haben einen Hals zum modellieren, geradezu klassisch. Wann darf ich auf die erste Sitzung hoffen?« Und ein besonders kecker Atelierzigeuner, der dafür bekannt war, alles auf eine Karte zu setzen, sagte unverwüstlich: »Also abgemacht, Frau Bankdirektor, nächsten Sonnabend geben Sie mir die Ehre. Die Leinwand steht schon auf der Staffelei. Ich male Sie als Königin der Nacht. Die Blüte, die sich öffnet, sind Ihre Lippen, die den Gesang entströmen lassen.« Sofort raunte ihm ein anderer witzig zu: »Wenn sie doch nur einmal im Jahre singen wollte!«
Später, im Café, wenn die Beruhigungsschwarze getrunken wurde, hieß es dann: »Aufgetakelt war sie wieder und angestrichen, wie die schönste Kalkwand.« ... »Ich bin ordentlich froh, daß ich sie nicht zu malen brauche.«
Frau Roderich kannte diese Sorte und wußte, was von ihrem Lob zu halten war. Deshalb versprach sie jedem etwas und hielt keinem nichts. Sie aßen und tranken sich alle durch und steckten obendrein noch die echtesten Zigarren ein, die berühmte »Eine«, die auf dem Nachhausewege reichen sollte, sich jedoch verdoppelte und verdreifachte. Aber es waren fidele Gesellschafter, die den Abend verkürzten, und da man sich gegenseitig durchschaute, hatte man sich nichts vorzuwerfen.
Fröhlich war von anderer Art, vom Zauber gesellschaftlicher Unkenntnis umwoben, noch ungetrübt von der Doppelzüngigkeit dieser Welt, mit einem Stich ins Naturburschenartige, das von der Kulturlüge noch nicht beleckt war. Er hatte noch die großen Ideale im Herzen, die die andern eigentlich nur auf den Lippen führten; er strahlte Sonne aus, die andern nur elektrisches Licht. Sie verglich ihn mit einem Spielzeug, das noch Harzgeruch ausströmte und nicht wie das übliche öde angestrichen und bunt bewimpelt war. Was er sagte, konnte nur einer Frau gelten, die vielköpfige Salontapete schwatzte es hundert andern ins Gesicht.
Ihre ewig regen Gelüste sehnten sich nach einem solchen süßen Sklaven, der ihr wie Wachs durch die Finger gleiten würde, und ihrer Ansicht nach durfte Fröhlich nur von Glück sagen, wenn sie ihn dazu erhöbe.