»Wir sind uns eigentlich recht fremd geworden, ich sehe Sie gar nicht mehr, mein Bester,« sagte sie mit ihrem schönsten Lächeln.

»Aber ich bitte, gnädige Frau —,« wandte er verlegen ein. »Ich bin den ganzen Vormittag fleißig beim Unterricht, und da überdies die bekannte Veränderung eingetreten ist.«

»Leider, leider,« stieß sie seufzend hervor. »Daß Sie mir mit Ihrer Kunst so schnell untreu werden würden, hätte ich nie geglaubt — mit Ihrer wahren Kunst! Ich habe erst gestern zu meinem Manne gesagt, einen Anschlag hätten Sie, eine Weichheit des Ausdrucks — geradezu wie ein Virtuose. Ließ es sich denn gar nicht anders arrangieren? Hätten Sie mir doch vorher die leiseste Andeutung darüber gemacht — mein Gott, vielleicht hätte Ihr Bruder bei uns essen können, oder vielleicht hätte mein Mann Ihnen das vergütet, Sie haben ja auch Opfer an Zeit gebracht, ich sehe es ein. Irgend ein Ausweg hätte sich schon gefunden! Ich kann sagen, Sie fehlen mir geradezu, ich hatte mich schon so sehr an Sie gewöhnt. Sie wissen, daß beim künstlerischen Zusammenwirken der Partner eine große Rolle spielt, — aber natürlich wissen Sie das — eine fein empfindende Natur, wie Sie! Wie harmonisch klang nicht immer alles, wenn Sie mich begleiteten, meine Stimme lebte förmlich auf, ich fühlte es selbst, wie sie sich stärkte und an Umfang zunahm.«

Ihre leidende Sprechweise war merkwürdig schnell verschwunden; die Worte sprudelten ihr wieder über die Lippen, und sie plapperte immer nervöser, je mehr sie sich in dieses Gebiet vertiefte. Alles, was sich während der letzten Tage in ihr angesammelt hatte, mußte heraus. Schließlich wurde sie so erregt, daß Aeffi hervorschoß, seine Pfötchen emporstreckte und den Versuch machte, ihr die Hand zu lecken, was sie aber aus Puderrücksichten abwehrte.

Der Kandidat saß wie auf Kohlen. Fortwährend dachte er an seinen Schüler und an irgend eine Ausrede, durch die er so schnell als möglich wieder zu ihm gelangen könne. Aus Höflichkeit nickte er nur zerstreut, aber er hätte schwören können, ihren Worten nicht gefolgt zu sein. In Gedanken stöhnte er: »Ein fürchterliches Weib! Der arme Bankdirektor!« Dann aber schwebte ihm vor, daß sie etwas von seinem Bruder gesprochen habe, und so erlaubte er sich die Einwendung, daß er zwar ihre gute Absicht dankend anerkenne, aber eine andere Einrichtung nicht habe treffen können. Gern hätte er einmal nach der Uhr gesehen, und so hatte er auch schon wiederholt die bekannte Handbewegung danach gemacht, sich aber jedesmal rechtzeitig besonnen.

Seiner Berechnung nach mußte es bald zwölf sein. Um diese Zeit nahm er ein kleines Frühstück ein, das man ihm im Hause vorsetzte, ohne daß er den Unterricht dadurch unterbrach. Sicher würde dann das Mädchen kommen und es ihm melden. Vielleicht wäre dann Gelegenheit zur Flucht gewesen.

»Haben Sie noch nie daran gedacht, sich mal zu verheiraten?« fragte sie plötzlich unvermittelt.

Der Kandidat bekam einen freudigen Schreck. Vielleicht hatte er sich doch in ihrem Wesen getäuscht, vielleicht war eine plötzliche Umwandlung in ihr eingetreten und sie wollte sein stilles Verhältnis zu dem Fräulein fördern helfen.

»Allerdings, gnädige Frau, habe ich schon daran gedacht, es wird aber von meiner Anstellung an einer Schule abhängen.«

»Mein Mann kann Ihnen vielleicht dabei behilflich sein,« fuhr sie fort. »Er kennt verschiedene Schulräte, ich habe ja davon gehört, daß die Protektion dabei eine große Rolle spielt. Wir hatten für unsern Rudi einen Kandidaten zur Nachhilfe, dem es ebenso gegangen ist. Sie glauben es kaum, was der für Visiten machen mußte. Denn er wollte an eine städtische Schule kommen.«