Fröhlich empfand so etwas wie Wonne. »Ich würde Ihrem Herrn Gemahl jedenfalls außerordentlich dankbar sein, wenn er mir durch seinen großen Einfluß die Wege ebenen wollte. Und wenn gnädige Frau dann die Güte hätten, den Herrn Bankdirektor daran zu erinnern —.«
Sie unterbrach ihn gelassen: »Schließlich hat er sich dann mit der Tochter eines Schulinspektors verlobt, und da war es gleich so weit. Nach solchen Töchtern müßten sie sich auch umsehen. Sie müssen mehr heraus aus sich, mehr Beziehungen anknüpfen. Ich denke, es wird sich mal im nächsten Winter so etwas anbahnen lassen, an einem Abend bei uns. Man ladet da einfach so einen Schulgewaltigen ein. Mein Mann kennt auch sonst noch einflußreiche Persönlichkeiten. Sie müssen dann mehr in unsern Zirkel hinein, letzten Winter hat es sich wenig gemacht. Sie dürfen nicht so menschenscheu sein. Denken Sie daran, wie musikalisch Sie sind! Ich singe, und Sie begleiten mich dann. Ich habe schon öfters daran gedacht. Es wäre nett — sehr nett sogar.«
Im Augenblick schien sie davon zu träumen, denn ihre Augen schlossen sich, und ihre letzten Worte verklangen wie ein prosaischer Gesang.
Fröhlich war bestürzt, denn er wußte nicht, was er darauf sagen sollte. Stammelnd brachte er einige Worte hervor, die den Dank für diese »neue Auszeichnung« enthielten; das übrige würgte er sich herunter, so verlockend ihm auch die Aussicht erschien, auf diesem krummen Wege zugleich Gymnasiallehrer und Schwiegersohn zu werden. Sofort schwebte ihm Fannys süßes Gesicht vor, und es lag nahe, daß er damit die vielleicht magere und überjährige Erscheinung einer Schulratstochter verglich, die ihm aus Gründen endlicher Versorgung mit auf den Berufsweg gegeben werden sollte. Er hatte von ähnlichen Beispielen gehört, die zur allmählichen Verknöcherung ehemaliger, sehr fideler Schulamtskandidaten geführt hatten.
Nein, das war nichts für Oswald Fröhlich! Lieber wollte er die Wartezeit noch bis aufs unbestimmte ausgedehnt sehen und sich das Weibchen nach seinem Geschmack wählen.
Frau Roderich merkte ihm seine Verfassung an, denn alles hatte nur dazu gedient, ihn zu einer bestimmten Erklärung herauszufordern. »Sie sind doch nicht schon etwa irgendwo gefesselt?« fragte sie mit erzwungenem Lächeln. »Herr Kandidat, machen Sie keine Dummheiten! Bleiben Sie nicht irgendwo hängen! Sie gehören zu den unerfahrenen Naturen, die leicht zu täuschen sind.«
»Wenn Du wüßtest!« dachte Fröhlich; dann aber erwiderte er: »Gnädige Frau brauchen nichts zu befürchten, ich bleibe meiner Gesinnung treu. Ich werde meinen Namen nie an den einer Unwürdigen knüpfen.« Und wieder streckte er die Hand nach der Westentasche aus, ohne den letzten Mut zu finden.
Dieser Hinweis, den sie falsch auffaßte, berührte sie wohltuend; zugleich aber mischte sich ein Tropfen Aerger hinein, denn nach ihrer Meinung umging er den Kern der Frage. Und so sagte sie kurz entschlossen: »Das freut mich um Ihretwillen, Herr Kandidat. Ich hatte nämlich die Empfindung, daß Fräulein hinter Ihnen her sei, und daß Sie vielleicht —. Du lieber Himmel, was wagen die Mädchen nicht alles, um zu einem Mann zu kommen. Man kann niemals genau wissen, was um einen herum vorgeht. Sie sind eben zu blind, Sie müssen mehr die Augen öffnen, lieber Herr Fröhlich! Was denken Sie — ich glaube sogar, sie bildet sich etwas darauf ein, daß mein Sohn sie auszeichnet. Und so ein Junge denkt sich gar nichts dabei, aber er ist eben schon in einem Alter, wo die Eltern besorgt sein müssen. Ich habe sie beide dringend verwarnt.«
In diesem Augenblick, wo dem Kandidaten das Blut ins Gesicht schoß und seine Wahrheitsliebe rücksichtslos mit ihm durchgehen wollte, selbst zu seinem persönlichen Nachteil, wurden sie jäh in ihrer Unterhaltung gestört. Walter kam aufgeregt hereingestürzt, dem Weinen nahe. »Denk Dir nur, Mama, Rudi hat mich geschlagen!« rief er laut. »Ich war hinten und sah ihn in Fräuleins Zimmer gehen, und weil ich Dir's sagen wollte, gab er mir eins. Was hat er darin zu suchen, wenn sie nicht hier ist! Gewiß wollte er herumkramen. Er sagte, es habe brandig gerochen. Immer hat er etwas gegen mich. Ich werde es Papa sagen.«
Frau Roderich beherrschte sofort den Vorgang. »Das wirst Du nicht tun!« erwiderte sie streng, »das werde ich schon besorgen. Du brauchst auch nicht Deine Nase überall hinzustecken! Es ist doch hübsch von Rudi, wenn er irgend eine Gefahr wittert. Neulich roch es auch schon so. Fräulein verbrennt immer ihre ausgekämmten Haare auf dem Spiritus. Das kann sie in der Küche machen. Ich habe es ihr schon mehrmals gesagt. Jetzt geh nur und beruhige Dich! Uebrigens sollst Du immer anklopfen, mein Junge; vergiß das nicht!«