Der Kandidat hatte sich erhoben, bewegt von sonderbaren Gefühlen. Er glaubte endlich die Gelegenheit benutzen zu können, sich mit seinem Schüler zugleich zurückziehen zu dürfen. Aber Frau Roderich bat ihn, noch zu bleiben. Als sie wieder mit ihm allein war, richtete sie sich zur sitzenden Stellung empor, denn sie hatte gemerkt, daß er keine Neigung zeigte, abermals Platz zu nehmen. Endlich hatte er auch den Mut gefunden, die Uhr zu ziehen.
»Man hat mit seinen Kindern weiter nichts wie Aerger,« sagte sie, um die Pause der Verlegenheit auszufüllen. »Eigentlich paßt es mir auch nicht, daß der Junge in Fräuleins Zimmer geht. Er hat bei der Dienerschaft nichts zu suchen.«
»Ich muß mich darüber jeglichen Urteils enthalten, gnädige Frau,« gab Fröhlich zurück.
Sein entschlossener Ernst verstimmte sie, aber sie zwang sich zur Liebenswürdigkeit. Das erste Mißtrauen war gesäet, und so erklärte sie sich dadurch sein Verhalten. Es galt nun, ihm immer mehr ihr Vertrauen zu beweisen. Mit Geduld fing man nicht nur Fliegen, sondern erzog sich auch die Sklaven. »Sie könnten mir eine kleine Gefälligkeit erweisen, Herr Kandidat,« sagte sie wieder nach einem Weilchen.
Dagegen konnte er nichts einwenden. »Recht gern, gnädige Frau.«
»Müssen Sie vielleicht heut noch in die Stadt?« Sofort unterbrach sie sich, indem sie ein wenig heuchelte. »Aber es wäre vielleicht zu viel verlangt von mir. Sie kommen gewiß nicht in die Nähe der Linden?«
Er wollte es nicht mit ihr verderben, und so erbot er sich, ihr diesen Dienst zu leisten, neugierig, was sie wünschen werde.
Am nächsten Donnerstag gab es »Die Meistersinger« im Opernhaus mit einem berühmten Gast als Hans Sachs. Fröhlich sollte so freundlich sein, nach dem »Invaliden-Dank« zu gehen und ihr das Billet zum ersten Rang zu holen, das sie sich heute früh telephonisch hatte zurücklegen lassen. Zwar war es Sache des Dieners, derartige Besorgungen zu machen, aber ihr Eigensinn drängte sie, Fröhlich damit zu betrauen. Zugleich erschien es ihr wie eine kleine Genugtuung, ihn auf diese Art an die Erfüllung ihrer Wünsche zu gewöhnen.
Der Kandidat fand das durchaus nicht sonderbar, denn alte Erinnerungen wurden in ihm wach.
»Vielleicht sind Sie so gut und bringen mir das Billet morgen früh gleich hier herein. Uebrigens — Sie gehen gewiß auch gern einmal ins Opernhaus auf einen guten Platz. Bei uns verfallen manchmal die Billets, wenn die Dispositionen umgestoßen werden.«