Als sie den schiefen Jungen so sitzen sah, wie er sich bemühte, ihr mit seiner dünnen Stimme die Zeit zu vertreiben, packte sie das alte Weh, das sie immer bei dem Gedanken empfand, ihn so zur Welt gebracht zu haben. Was für schöne, kluge Augen er hatte in seinem zarten Gesicht, das die durchsichtige Blässe all dieser körperlich Verunzierten zeigte.

Er mußte mit dem Lesen aufhören und sich dicht zu ihr setzen. Und als sie seine schmale Hand mit den langen Fingern in ihren fetten Händen hielt, kam sie zu ihm auf Fröhlich zu sprechen.

»Hast Du denn den Kandidaten lieb?« fragte sie. »Er ist doch immer sehr streng.«

»Das ist er, Mama, aber immer gerecht. Er lehrt mich stets die Wahrheit sprechen, und darum kann ich nicht lügen, auch wenn er manchmal gar nicht nachsichtig ist. Er ist ein edler Mensch. Fast jeden Tag erinnert er mich an Dinge, die ich niemals vergessen soll, auch im späteren Leben nicht.«

Sie zeigte eifrige Neugier. »So hat er heute auch wieder etwas zum besten gegeben?«

Walter nickte vergnügt. »Gleich, als er heute bei Dir war, kam er und sagte zu mir: ›Du mußt nie Gleiches mit Gleichem vergelten, auch wenn man Dir noch so wehe getan hat! Vor allem mußt Du Deine Eltern lieben und achten, und wenn Du schon ein alter Mann geworden bist und sie sind Greise, auch wenn Du Uebles von ihnen erfährst.‹ Und dann fügte er noch hinzu, man solle sich nie über die Fehler anderer Menschen aufhalten, sondern immer an seine eigenen denken. Es gehörte gar nicht zum Thema, aber er sagte es doch. So tut er es immer.«

»Dann handle nur stets danach!«

In einem Gemisch von Gefühlen, die sie sich selbst nicht erklären konnte, weil ihr die Gemütsklarheit fehlte, entrang sich doch ihrer Seele die Sehnsucht nach einer befreienden Tat. Sie zog den Verwachsenen an sich und küßte ihn zärtlich, um darunter die Scham einer Mutter zu verbergen.

Eine Stunde später, als alles schon still im Hause war und die Kinder fest schliefen, saß Fanny an ihrem Tisch und schrieb:

»Donnerstag abend, 10 Uhr.