Lieber Bruder Kurt!

Ich hatte einen Gang zu machen und war zu Hause mit heran. Jetzt habe ich Zeit und Ruhe, an Dich zu schreiben. Mama fühlte sich heute ganz besonders schwach, denn sie hatte wieder einen starken Hustenanfall, der, wie Du weißt, ihre Kräfte stets mitnimmt. Heute vormittag war der Arzt da und sagte, sie müßte entschieden in diesem Sommer irgendwohin zur Erholung. Erna wollte mit Dir am nächsten Sonntag darüber sprechen. Die Gute hat viel Plage mit Mama, und ich bewundere sie, wie sie das immer noch alles fertig bekommt, trotz der vielen Stunden, die sie gibt. Gestern hat sie wieder zwei aus dem Hause bekommen, natürlich billig. Anders wollen's ja die Herrschaften nicht. Wenigstens haben sie jetzt ein fleißiges Dienstmädchen, ein junges Ding, aber Erna kann sich doch darauf verlassen, wenn sie mal nicht zu Hause ist. Schwesterlein meinte, sie sei schon ganz taub von dem vielen Klavierpauken. Otto und Egon haben heute aus Lichterfelde geschrieben und wieder gejammert, daß ihr Taschengeld alle sei. Wo die das nur alles lassen? Ich glaube, sie legen zuviel in Schlagsahne an. Und Erna, das gutmütige Schaf, schickt immer darauf los. Gestern war es wieder ein Fünfmarkschein im Brief. Es sind doch noch kleine Jungen, trotzdem sie schon Seiner Majestät Uniform tragen. Egon will sich Sonntag Urlaub nehmen, und Erna bereitet sich schon auf sein Leibgericht vor: gekochte Kirschen mit Klößen. Davon ißt er ja immer drei Teller. Wenn ich's nur einmal möglich machen könnte, so einem Sonntagsfest beizuwohnen. Aber ich habe immer nur Wochentags Zeit. Sonntags haben wir fast immer Gäste, weil der Bankdirektor dann mehr Zeit hat, und so behauptet seine Frau immer, ich sei unabkömmlich.

Ueberhaupt die Gnädige! An die muß der liebe Gott in einer sehr schlechten Laune gedacht haben, denn sie besteht überhaupt nur daraus. Irgend eine Schraube muß manchmal los sein, es können auch zwei sein. Dann piesackt sie das ganze Haus und möchte am liebsten hoch gehen wie ein Luftballon. Aber sie bleibt immer unten. Leider! Sonst ist sie eigentlich eine ganz gebildete Frau, denn sie hat zweiundzwanzig Morgenröcke (natürlich Seide), ebensoviel Blusen (natürlich Seide), zwei Dutzend Diner- und Balltoiletten (natürlich Seide, Sammet und Atlas), ebensoviel Hüte, Abendmäntel und Kopfschals. Und was sonst noch ihren Konfektionsreichtum betrifft, so könnte ein kleiner Geschäftsmann sich damit etablieren, und aus ihren Brillanten könnte ein Juwelier ein Schaufenster zusammenstellen. Aber trotzdem beneide ich sie nicht, denn sie ist eine kranke Dame, die den Wert des Lebens nicht zu schätzen versteht. Sie hat den ganzen Tag über nichts zu tun, das ist ihr Unglück. Und dann hat sie einen viel zu guten Mann.

Kornelia jedoch ist ein Engel, mit dem ich mich auch später gut vertragen würde. (Merkst Du was?) Sage mal, weshalb warst Du denn vorigen Sonntag bei unserem Kandidaten? (Merkst Du was?) Er wollte aber nicht heraus mit der Sprache; er ist ein sehr guter, lieber Mensch von feiner Empfindung und ehrlicher Gesinnung. (Hierbei brauchst Du aber nichts zu merken.)

Ich weiß nicht, wie weit Du schon mit Fräulein Roderich bist, denn sie schweigt sich aus. Aber da sie sich verstockt gegen mich zeigt, nehme ich das Beste an; denn alle Verliebten sind verstockt. Von mir wirst Du das nicht behaupten können, denn ich bin eigentlich zu aufrichtig gegen Dich. Sei es also ebenso und schreibe mir, wie, wo und wann? Was Kornelia anbetrifft! Sei nicht so stolz zu Deinem Schwesterchen. Schließlich bin ich auch noch ein ›Fräulein‹, das man respektieren muß. Ich traue Dir schon eine reiche Eroberung zu, denn Du weißt ja, wir nannten Dich immer ›Sturm-Kurt‹. Na, und General wirst Du sicher mal, natürlich kommandierender. Halt' Dich nur immer an den Schwiegerpapa in spe, denn der hat's Wort und's Portemonnaie. Und für seine Kornelia tut er alles. Zu weiteren Auskünften gern bereit, grüßt Dich herzlich

Dein Nuckerchen.

P. S.

Eh' ich's vergesse — Erna sagte mir, daß Du letzten Sonntag abend zu Hause sehr schweigsam gewesen seist. Ich kann mir schon denken, warum. Ich habe noch meine fünfundvierzig Mark liegen vom letzten ersten, und schicke Dir vierzig davon, gleich im Brief. Vielleicht brauchst Du bald wieder ein paar Blumenräder. Und nun sei vernünftig und brumme nicht! Ich kann das Geld wirklich entbehren, denn ich gebrauche diesen Monat nichts. Später gibst Du's mir mit Zinsen wieder! Mama braucht nichts davon zu wissen, denn sie mäkelt sowieso schon über Deinen Zuschuß, der doch für die Katz ist. Reisedispositionen sind bei uns noch gar nicht getroffen, also sei beruhigt. Vor Juli wird's sicher nichts, denn der Bankdirektor kann nicht abkommen. Wenn ich etwas zu sagen hätte, wäre ich für die Nordsee. Aber auf vernünftige Menschen hört man ja nicht.

F.«

Sie lachte stillvergnügt, als sie den Brief noch einmal überflog, und steckte die beiden Goldstücke, die sie am andern Tage auf der Post einwechseln wollte, gleich mit ins Kuvert. Eigentlich hatte sie noch so manches andere schreiben wollen, aber sie hielt es für besser, es nicht zu tun. Mit der Enthüllung des »Wunderbaren« zu Hause war es nichts, denn Rudi hatte ihr unterwegs die Stimmung verdorben. Zu ihrem Schreck war er plötzlich vor ihr aufgetaucht und nicht von ihrer Seite gewichen. Es waren die alten Redensarten, die er führte, keck und zweideutig und zuletzt anmaßend, als sie seinen Wunsch, mit ihm noch ein Stündchen zusammen zu bleiben, nicht erfüllen wollte.