Sie hatte eine neue Abwehrungsart gefunden, indem sie ihn komisch nahm und alles mit Lachen beantwortete. Als er aber daraus andere Schlüsse zog und sich ermuntert fühlte, ihr allen Ernstes zuzumuten, sie könnten ja nach zehn ausbleiben, denn er habe seinen Hausschlüssel bei sich, hatte der Scherz für sie ein Ende.

Sie empfand das ganze Widerliche seiner Natur, und so verbat sie sich jede fernere Begleitung und drohte ihm scherzend mit seinem Vater, worauf er dann den Rücksichtslosen spielte und ganz offen erklärte, daß man ihr nicht glauben werde.

Ihre letzte Antwort war, daß sie ihm mit stiller Verachtung den Rücken kehrte und in die nächste Elektrische stieg. Er lachte hinter ihr her und warf sich in eine offene Droschke, in dem Glauben, sie werde ihn noch sehen. Als sie wirklich unvorsichtig durch die Scheiben zurückblickte, zog er in einem schwungvollen Bogen spöttisch den Hut.

Mit Befriedigung war sie nach Hause zurückgekehrt, denn nun mußte er ihre Deutlichkeit verstanden haben. Schließlich war er doch wirklich ein »dummer Junge«, der als solcher behandelt werden mußte.

Am andern Tage hatte er für die Neugierde seiner Mutter eine kleine Lüge bereit. Es sei ihm gar nicht eingefallen, den Spuren Fräuleins zu folgen, er habe denn doch »andere« Rendezvous. Er wollte einer Vernehmung Fannys vorbeugen, und so sprach eine gewisse Entrüstung aus ihm, die sich zu einer kleinen Anklage gegen Frau Roderich verdichtete.

»Aber, Mama'chen, ich bitte Dich! Solche Chosen traust Du mir doch nicht zu! Ich verabrede mich doch mit keinem Kindermädchen. Mal im Zo ein bißchen gescherzt, weil sie mit den Augen klapperte, aber seitdem sie das schief aufgefaßt hat, ist es anders. Sie möchte wohl gern so'n kleines Rendezvouschen, aber Rudi ist zu klug. Ich kann Dir gar nicht sagen, wer mir alles nachläuft, aber ich habe jetzt an ernstere Dinge zu denken.«

»Brav von Dir, mein Junge, lerne und strebe! ... Unser armer Kandidat, er kennt die Frauen so wenig!« Sie seufzte, denn sie bezog das auch auf sich. »Ich werde kurzen Prozeß machen und sie kündigen, dann bekommt er sie aus den Augen.«

»Na, Mama, das überlege Dir noch! Sie ist immer noch die beste, die wir gehabt haben. Und sie läßt sich eigentlich viel von Dir gefallen. Manchmal ist's auch schwer mit Dir auszukommen.«

»Aber Rudi!« fuhr sie wieder auf. »Ich tu doch keinem Menschen etwas! Ich bin nur wahr und gerecht.« Sie mäßigte sich aber jäh, denn es fiel ihr ein, was ihr Walter gestern von dem Kandidaten berichtet hatte, und wenn sie ihre Tugenden abwog, blieb in dieser Beziehung nicht viel für sie übrig. Die ganze Nacht hatte sie nicht schlafen können, weil ihr das Gewissen schlug. Und wenn sie wirklich ganz leiser Schlummer erfaßt hatte, war sie aufgeschreckt, und dann sah sie immer ihren verwachsenen Knaben vor sich sitzen, der ihr in diesem Stückchen Familiensumpf wie eine reine Passionsblume erschien, um die man sich zu wenig bekümmerte.

Nun hatte sie dieselbe Schwächeanwandlung und sagte nachgiebig: »Eigentlich hast Du recht. Eine bessere bekommt man doch nicht, und dann gibt's auch immer neue Aufregungen. Der Kandidat wird sich noch sehr besinnen, er kann ja auch noch gar nicht heiraten, er soll auch noch recht lange bei uns bleiben, denn Walter lernt tüchtig bei ihm.«