»Na siehst Du!« warf Rudi großartig ein. »Höre nur immer auf mich! Dieser Rat von mir müßte eigentlich etwas kosten. Aber heute gebrauche ich noch nichts, Ma'chen. Zum Sonntag aber richte Dich darauf ein, ja? Wir haben uns nach Wannsee verabredet zu einem Diner im Freien. Natürlich Sektbowle.«
»Quäl mich nur jetzt nicht damit, es ist ja noch nicht soweit.«
Regelmäßig nutzte er ihre Schwäche aus, und so erschien ihm das verhaltene Jammern bereits wie eine Zusage. Ueberdies war er froh, ihr diesen Kündigungsgedanken aus dem Kopf geschlagen zu haben, denn der Abfall gestern hatte ihn erst recht gereizt, auf krummen Wegen weiterzugehen und seine Machtstellung als bevorzugter Sohn des Hauses zu beweisen. Wenn man Rudi hieß, so gab man das Liebespürschen nicht so leicht auf.
Gleich, nachdem sie empfangsfähig war, hatte sich Fröhlich bei Frau Roderich gezeigt, um sich nochmals für das Billet zu bedanken. Er hatte wirklich einen großen Genuß gehabt, trotzdem er sich zuerst auf dem ersten Rangsitz etwas unbehaglich gefühlt hatte, denn er saß zwischen zwei tief dekolletierten Damen, deren Anblick ihn stark in Verlegenheit brachte. Die zur Rechten namentlich prangte in der ganzen Fülle ihres reifen Alters und strömte überdies ein Parfüm aus, das ihn fortwährend an Agathes Boudoir erinnerte. Neben dem großen Staat der Damen sah er nur Uniformen, Fräcke und Smokings. So kam er sich in seinem schwarzen Rock und der hohen Weste verlassen vor, ungefähr wie ein einzelner dunkler Punkt auf einer bunten Landkarte. Die dicke Dame schielte ihn in den Pausen immer seltsam an, als wüßte sie nicht, was sie aus ihm machen sollte.
Schließlich aber hatte er mit verschränkten Armen nur noch krampfhaft geradeaus geblickt und sich ganz dem Zauber der unsterblichen Musik hingegeben.
»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, wenn ich mich nicht lange aufhalte, ich bin mitten im Extemporale, aber ich wollte nur pflichtschuldigst berichten, daß der Gast außerordentlichen Beifall fand. Es war ein ganz ausverkauftes Haus.«
Beiläufig forschte sie, wie ihm die prächtige Ausstattung des letzten Aktes gefallen habe und wann es aus gewesen sei. Es stimmte alles, und sie brauchte eigentlich kein Mißtrauen zu hegen, aber seine deutliche Zurückhaltung verstimmte sie wieder. Das konnte alles auch »Mache« sein und vom Hörensagen stammen.
»Haben Sie wirklich keinen Augenblick Zeit? Gerade über die Meistersinger hätte ich gerne ein wenig mit Ihnen geplaudert. Wie war denn der Beckmesser?«
Sie lockte verschiedenes aus ihm heraus, um ihn aufzuhalten und zum Platznehmen zu bewegen, aber er wich nicht von der Türe. Auch der Hinweis, daß sie über Walter verschiedenes zu sagen habe, konnte ihn um so weniger von dem abgekürzten Verfahren abbringen, als er von seinem Schüler bereits das Nötige über den gestrigen Abend erfahren hatte.
Aergerlich ließ sie ihn gehen.