Wie bei ihr die eingebildeten Leiden wechselten, so änderte sich auch unvorhergesehen ihr Tun und Lassen. An jedem Freitag war großes Reinemachen im Hause, bei dem alles auf den Kopf gestellt wurde. Der Kandidat floh dann mit seinem Schüler in das Spielzimmer der Kinder, die er auch an diesem Tage wieder zu beaufsichtigen hatte, denn Strafe mußte sein, wie Frau Roderich sich sagte. Sie meinte es so gut mit ihm, und er wurde aufsässig, also mußte die Familiensklavenpeitsche einmal geschwungen werden. Rudi hatte recht: es gab gewisse Naturen, die sich nur unter ihrer Wirkung wohlfühlten. Die schlaflose Nacht, die hinter ihr lag, rächte sich diesmal an allen, und so wurde auch Fräulein heute zu anderen Dingen gebraucht, wofür als Entschuldigung diente, daß man das neue Kammermädchen erst in acht Tagen bekomme.
Hinter dem Pferdestall lag ein kleiner Hof, wo die Teppiche und Läufer ausgeklopft wurden. Kutscher und Diener hatten dieses Geschäft zu besorgen, wozu auch die Frau des Gärtners, der zugleich Portierdienste zu verrichten hatte, herangeholt wurde. Es dauerte lange, bis die Berge von Persern und Smyrnaern überwältigt wurden. Der Bankdirektor rückte dann frühzeitig von oben aus, nahm den Kaffee unten allein ein und benutzte an diesem Tage eine Droschke, da sein Kutscher nicht zu haben war. Da er von seiner Frau als ganz überflüssig beiseite geschoben wurde, so machte er schleunigst lange Beine.
»Ach, Fräulein, Sie könnten so freundlich sein, und die Vorleger einmal ordentlich ausstäuben, es fehlen mir heute überall Hände,« sagte sie mit ihrer ganzen Süßlichkeit, die Fanny schon an ihr kannte.
Damit waren die vielen echten Felle gemeint, die vor den Betten des Ehepaares und auch als Zierde vor den Sofas und Ruhebetten herumlagen.
Fanny war rot geworden, denn Rudi, der heute über alle Hindernisse hinwegsprang, war zufällig dazu gekommen und hatte das mit angehört, natürlich das Glas im Auge, wodurch seine schadenfrohe Miene sich noch erhöhte. Trotzdem erwiderte sie ruhig: »Schön, gnädige Frau, Emma kann wohl alles nach oben schaffen?«
»Nach oben? Die Felle können doch nicht auf dem Tisch ausgebürstet werden, das sollten Sie doch schon wissen, Fräulein. Man klopft sie unten regelrecht aus, Emma kann sie runterbringen. Der Kutscher und Emil haben heute viel zu tun.« Sie rief auch schon nach dem Hausmädchen, als wäre für sie die Sache damit erledigt.
Fanny stand wie starr da, besann sich aber nicht lange. »Das kommt mir wohl nicht zu, gnädige Frau,« sagte sie mit bebenden Lippen.
»Was kommt Ihnen nicht zu?« schrie Frau Roderich jetzt.
»Das Ausklopfen auf dem Hofe, gnädige Frau. Ich bin doch kein Dienstbote, gnädige Frau haben mich doch als Fräulein engagiert. Ich tu doch sonst wahrhaftig meine Schuldigkeit, aber das muß ich ablehnen.«
Emma war schon hinzugekommen und grinste, denn der Hinweis auf die Dienstboten hatte ihre Teilnahme für die Herrin erweckt. Frau Roderich suchte nach Worten, denn auf diesen Widerstand war sie nicht gefaßt. Dann aber zeigte sie ihre Kampfesmiene. »Gegen so ein bißchen Arbeit sträuben Sie sich? Es kann doch mal eine Ausnahme stattfinden! Es sieht Sie ja auch niemand.«