Lungenentzündungen können sich im Verlaufe der verschiedensten Infektionen beim Menschen entwickeln. Wir erinnern uns beispielsweise der Lungenentzündung im Verlaufe der Pesterkrankung oder derjenigen bei Influenza. Die Erkrankungen sind nach Ausdehnung und nach Verlauf recht verschieden, und es ist hier ganz unmöglich, sie im einzelnen näher zu besprechen. Im engeren Sinne versteht man unter einer Lungenentzündung oder »Pneumonie« aber in unserem Klima speziell eine durch ganz bestimmte Krankheitserscheinungen und einen sehr charakteristischen Verlauf ausgezeichnete akute Infektionskrankheit.

Die Krankheit beginnt meist ganz plötzlich, ohne daß irgendwelche leichteren Krankheitserscheinungen vorangegangen wären, mit einem Schüttelfrost, an den sich ein hohes Ansteigen der Temperatur anschließt, während gleichzeitig auch den kräftigsten Erkrankten das Gefühl schweren Krankseins erfaßt. Bald stellen sich dann sehr starke Schmerzen beim Atmen, gewöhnlich vorwiegend auf einer Seite der Brust ein, allmählich kommt etwas Hustenreiz hinzu, der zunächst spärliche, später reichlichere Auswurf ist rötlichbräunlich infolge von Blutbeimengungen. Mehrere Tage halten die schweren Krankheitserscheinungen an, das Fieber ist hoch, oft tritt auch Benommenheit hinzu. Das ganze Bild ist ein sehr ernstes. Gewöhnlich am 7. Tage kommt es dann zur »Krisis«. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle tritt ein rascher Abfall der Temperatur zur Norm ein, und gleichzeitig beginnt das Allgemeinbefinden sich wesentlich zu heben: die Gefahr ist überwunden. In nicht ganz seltenen Fällen bleibt aber dieser günstige Umschlag aus, und namentlich durch Alter oder durch Alkoholismus oder Herzkrankheiten geschwächte Individuen, zuweilen aber auch kräftige junge Menschen können der Krankheit zum Opfer fallen.

Abb. 31.
Abstrich vom Auswurf bei Lungenentzündung. E = Eiterzellen, P = Pneumokokken (mit deutlichen »Kapseln«).

Als Ursache dieser häufigen und unter allen Umständen ernsten Erkrankung wurde von A. Fränkel im Jahre 1886 ein Mikrokokkus entdeckt, der gewöhnlich als Pneumokokkus oder Diplokokkus pneumoniae bezeichnet wird. In Abstrichen vom Auswurf eines Pneumonikers findet man reichliche, in der Regel zu zweien angeordnete Kugelbakterien, die meist eine sehr deutliche Kapsel besitzen und gewöhnlich ein wenig längsoval gestaltet sind (vgl. [Abb. 31]). In Kulturen auf den gewöhnlichen Nährböden besitzen sie diese Kapsel nicht.

Diese Pneumokokken finden sich nicht selten auch bei anderen infektiösen Krankheitsprozessen beim Menschen, verhältnismäßig häufig z. B. bei gewissen entzündlichen Ohrenerkrankungen, vor allem aber auch bei sehr verschiedenen leichteren und schwereren Erkrankungen der Atmungsorgane; eine Pneumokokkenerkrankung stellen auch gewisse geschwürige Prozesse der Hornhaut des menschlichen Auges dar. Sie finden sich endlich aber auch, wenn auch in spärlicher Zahl, nahezu regelmäßig im Speichel gesunder Menschen. Da die Pneumokokken für manche Versuchstiere, besonders für Mäuse, außerordentlich große Virulenz besitzen, so kann man häufig eine Maus dadurch tödlich infizieren, daß man ihr eine ganz kleine Menge menschlichen Mundspeichels unter die Haut bringt. Enthält das Speicheltröpfchen Pneumokokken, was annähernd in 70 % aller Fälle zutreffen soll, so entwickelt sich alsbald eine meist sehr rasch zum Tode führende Pneumokokkensepsis d. h. eine Überschwemmung der ganzen Blutbahn mit den Mikroorganismen.

Versuche, ein Heilserum gegen Pneumokokkeninfektionen des Menschen, ganz besonders auch gegen Augenerkrankungen herzustellen, sind in großem Umfange und mit vielversprechenden anfänglichen Erfolgen unternommen worden. Die Wirksamkeit der betreffenden Sera ist aber noch nicht völlig unbestritten, soweit wenigstens ihr Heilerfolg beim Menschen in Frage kommt. Dagegen ist unzweifelhaft sichergestellt, daß das gebräuchlichste der in Frage kommenden Heilsera bei empfänglichen Tieren, insbesondere bei Mäusen, eine ausgesprochene schützende und heilende Wirkung besitzt. Es steht zu hoffen, daß auch beim Menschen, insbesondere bei der croupösen Pneumonie in Zukunft noch günstigere Ergebnisse mit einer Serumtherapie erreicht werden.


Kapitel IX.