Die wichtigsten chronischen Infektionskrankheiten des Menschen: Tuberkulose. – Syphilis. – Lepra.
Tuberkulose.[12]
Die Tuberkulose ist insofern die verbreitetste Krankheit, die auf der Erde vorkommt, als sie abgesehen vom Menschengeschlecht auch nahezu sämtliche Säugetiere und Vögel und eine große Anzahl von Kaltblütern befallen kann. Die häufigste Form der tuberkulösen Erkrankung des Menschen ist die gewöhnlich als Lungenschwindsucht bezeichnete Krankheit, doch kommen tuberkulöse Erkrankungen der verschiedensten Organe, man kann geradezu sagen, aller Organe, daneben vor, die dann je nach dem Krankheitsherde, je nach dem Organ, dessen Funktionen durch die tuberkulösen Zerstörungen teilweise oder ganz aufgehoben werden, zu sehr mannigfaltigen Krankheitsbildern führen.
Die Verschiedenheit der Krankheitsbilder und auch der ihnen zugrunde liegenden (anatomischen) Veränderungen ist so außerordentlich groß, daß tatsächlich nur die Entdeckung der gemeinschaftlichen bakteriellen Ursache aller dieser Prozesse durch Koch die wissenschaftliche Welt von ihrer Zusammengehörigkeit überzeugen konnte. Die Anschauung, daß die Tuberkulose überhaupt und die Lungenschwindsucht im besonderen ein ansteckendes Leiden sei, eine Anschauung, die heute den weitesten, selbst ungebildeten Kreisen geläufig ist, war in der Medizin vor der Kochschen Entdeckung durchaus strittig, ja, die Mehrzahl der ärztlichen Autoritäten bekämpfte sie, obwohl schon seit Jahrhunderten klar blickende Ärzte zu mehr oder weniger bestimmten, richtigen Vorstellungen von einer belebten Ursache der Phthise gekommen waren.
Vor allem eine Erfahrungstatsache war es, die mit der Annahme einer belebten Krankheitsursache der Lungenschwindsucht vielen unvereinbar schien: die scheinbar unbestreitbare Erblichkeit der Krankheit, die in manchen Familien von einer Generation zur anderen übergehend immer wieder verderbenbringend sich zeigte. Warum sollte ein Krankheitskeim, der von außen in den Körper des Menschen eindringt, gerade die Mitglieder bestimmter Familien bevorzugen? Viel wahrscheinlicher erschien dem gegenüber die Annahme einer freilich völlig unbekannten inneren Ursache des Leidens, die vererbbar war in der Weise, wie Charaktereigenschaften es sind.
Auch der gewaltige Aufschwung, den von der Mitte des 19. Jahrhunderts an die wissenschaftliche Medizin vorwiegend durch Virchows bahnbrechende Leistungen auf dem Gebiete der mikroskopischen Erforschung der krankhaften Veränderungen der Zellen und Gewebe des menschlichen Körpers nahm, brachte zwar wichtige Erweiterungen unserer Kenntnisse von der Entstehung, dem Bau und den Schicksalen tuberkulöser Organveränderungen, aber die wichtigste Frage, die nach der Ursache der Prozesse, ließ er unbeantwortet.
Dieser Frage suchte auf ganz anderem Wege zu gleicher Zeit (in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts) der französische Forscher Villemin durch Tierexperimente auf den Grund zu kommen. Schon vor seinen Arbeiten waren mehrfach Versuche unternommen worden, durch Impfung von Tieren mit tuberkulösen Krankheitsprodukten künstlich Tuberkulose hervorzurufen; aber erst Villemins Bericht über positive Ergebnisse, die er bei zahlreichen derartigen Experimenten erzielt hatte, machte erheblichen Eindruck auf die wissenschaftliche Welt. Freilich ward zunächst von sehr angesehenen Forschern, die die Versuche Villemins wiederholten und modifizierten, ihre Beweiskraft bestritten, aber bald überzeugte man sich mehr und mehr von ihrer Richtigkeit, und die Tatsache, daß die Tuberkulose mit den tuberkulösen Krankheitsprodukten auf Versuchstiere übertragbar ist, fand bald allgemeine Anerkennung.
Damit war denn auch ein Zweifel an der Existenz eines tuberkulösen Virus nicht mehr möglich, und die besten Mikroskopiker bemühten sich um seine Entdeckung. Ungewöhnlich große Schwierigkeiten stellten sich gerade dieser Entdeckung in den Weg, und es bedurfte des genialen Scharfblickes und der zähen Energie Robert Kochs, um sie zu überwinden.
Im Jahre 1882? berichtete Robert Koch in einer als klassisch berühmten Arbeit über die von ihm aufgeklärte Ursache der tuberkulösen Prozesse, die er in dem »Tuberkelbazillus« gefunden hatte. Es war ihm gelungen, diesen durch sein besonderes Verhalten gegenüber Färbemitteln ausgezeichneten Mikroorganismus in allen Fällen von menschlicher und tierischer Tuberkulose, die darauf untersucht wurden, in den Krankheitsherden nachzuweisen und festzustellen, daß er dort ausschließlich, niemals aber in den Organen gesunder oder anderweitig erkrankter Individuen vorkommt. Es war ihm weiterhin gelungen, Reinkulturen des Tuberkelbazillus mit Hilfe besonderer Kulturverfahren, die eigens für diesen Zweck von ihm gefunden worden waren, zu gewinnen und mit kleinsten Mengen von solchen Reinkulturen die Krankheit wieder bei Tieren hervorzurufen. Damit war die Beweiskette geschlossen, der seit Jahrzehnten tobende wissenschaftliche Streit war endgültig entschieden, die Tuberkulose war als Infektionskrankheit erkannt, ihr Erreger entdeckt.