Der Tuberkelbazillus ist ein sehr schlankes, zuweilen ein wenig gekrümmtes Stäbchen, das der Geißeln und damit der Eigenbeweglichkeit ebenso wie der Fähigkeit Sporen zu bilden entbehrt, und das zu seiner Entwickelung in Kulturen der Körpertemperatur, des Sauerstoffs und bestimmter Nährböden bedarf. An die Zusammensetzung der Nährböden stellt der Bazillus ganz besondere Anforderungen; aber auch wenn diese erfüllt sind, entwickeln sich seine Kulturen ganz erheblich langsamer als die der bekannten anderen pathogenen Bakterien; sie bedürfen wochenlangen Wachstums zu ihrer vollen Entwickelung.

Außerordentlich große Hoffnungen knüpften sich an die Entdeckung des Tuberkelbazillus, sie wurden auf das höchste gesteigert, als Koch wenige Jahre später in dem Tuberkulin den Ärzten ein Mittel in die Hand gab, das zur Behandlung der menschlichen Tuberkulose geeignet sein sollte. Es ist allgemein bekannt, wie auf den ersten gewaltigen Enthusiasmus, mit dem das neue Mittel begrüßt wurde, die Enttäuschung folgte, als es die übertriebenen Hoffnungen, die man darauf setzte, nicht erfüllen konnte.

Abb. 32.
Tuberkelbazillen im Ausstrichpräparat vom Inhalt einer tuberkulösen Zerfallshöhle der Lunge (bei Phthisis).

Es kann hier nicht erörtert werden, wie weit wir zu der Hoffnung berechtigt sind, daß das Tuberkulin bei der Behandlung des einzelnen Krankheitsfalles oder einzelner Kranker segensreich wirksam sein kann, es mag aber wenigstens erwähnt werden, daß einzelne Ärzte auf Grund besonders vorsichtiger Dosierung des Mittels günstige Resultate damit erzielt haben, und daß insbesondere in England und Amerika, in den letzten Jahren die Tuberkulinbehandlung in einer besonderen Form (»opsonic treatment«) große Fortschritte gemacht hat und nach zahlreichen vorliegenden Angaben günstige Erfolge erzielt hat.

Nach der Entdeckung des Diphtherieheilserums hat es begreiflicherweise nicht an zahlreichen Versuchen und Anstrengungen gefehlt, ein Heilserum gegen die Tuberkulose, unsere schlimmste Volksseuche, herzustellen. Aber wenn auch hie und da über günstige Erfolge mit solchen Seris berichtet wurde, so ist heute noch keines gewonnen, das vor der wissenschaftlichen Medizin volle Anerkennung gefunden hätte. Wir müssen auch heute noch uns mit der Hoffnung begnügen, daß es einmal gelingen wird, ein solches Radikalmittel herzustellen; vorläufig ist der Arzt im Wesentlichen dem tuberkulös Kranken gegenüber – von der Tuberkulin-Therapie abgesehen – auf nicht spezifische Behandlungsmethoden angewiesen, und die tröstliche Erfahrung ist ja allgemein verbreitet, daß viele tuberkulöse Erkrankungsfälle auch mit Hilfe dieser Behandlungsmethoden, die hier selbstverständlich nicht erörtert werden können, zur Ausheilung gelangen. An dieser Stelle sei denn auch auf die Bedeutung der Heil- und Heimstätten für die Behandlung tuberkulös Erkrankter nur kurz verwiesen.

Eine große Rolle kommt den Heilstätten unter den Maßnahmen zur Eindämmung der Tuberkulose als Volkskrankheit zu. Jeder, der dieses kleine Buch bis hierher aufmerksam gelesen hat, wird sich von vornherein klar sein: Ein unbedingtes Erfordernis ist die Vermeidung der Verbreitung der Krankheitskeime durch die Ausscheidungen Tuberkulöser, vor allem also die Vernichtung der Tuberkelbazillen im Auswurf Schwindsüchtiger. (Flügge.) Nirgends kann hierfür in so gründlicher Weise gesorgt werden, als in den Heilstätten, Krankenanstalten, in denen Tuberkulöse isoliert sind. Dort vor allen Dingen werden die Kranken auch wirklich zu geeigneter Behandlung des Auswurfs erzogen. Sie tragen dann später – neben öffentlichen Belehrungen – zur Verbreitung der Kenntnisse von der Gefährlichkeit des Auswurfs und von den Mitteln zu seiner Vernichtung bei.

Es ist einleuchtend, daß, wenn die wichtigste Infektionsquelle für die Entstehung der Schwindsucht in der Einatmung von Tuberkelbazillen besteht, die Vernichtung der Bazillen im Auswurf und damit die Verhütung der Möglichkeit der Bazilleneinatmung die Schwindsuchtverbreitung aufhalten müßte. Es darf hier aber nicht übergangen werden, daß trotz einer ganz außerordentlich großen Zahl von Einzelbeobachtungen und trotz gewaltiger Arbeit, die mit allen Methoden der modernen wissenschaftlichen Forschung geleistet worden ist, die Anschauungen über die Entstehung der Lungenschwindsucht noch keineswegs endgültig aufgeklärt sind. Eine große Anzahl von Forschern, unter denen z. B. v. Behring genannt werden muß, nehmen an, daß die erste Ansiedelung der Tuberkelbazillen im menschlichen Körper nicht durch deren Einatmung und somit unmittelbar in den oberen Luftwegen oder in den Lungen erfolgt, sondern auf anderem Wege. v. Behring insbesondere vertritt die Meinung, daß die häufigste Quelle der Infektion in dem Genuß von tuberkelbazillenhaltiger Milch im frühesten Kindesalter zu suchen ist. Die Bazillen müßten danach zuerst in den Darm und von dort aus erst auf Umwegen in die Lungen gelangen.

Die Möglichkeit, daß lebende Tuberkelbazillen mit der Kuhmilch aufgenommen werden, ist erwiesen: die Tuberkulose ist bei unserem Rindvieh sehr verbreitet. Die Milch und die Molkereiprodukte, insbesondere die Butter, die zum Verkauf gelangen, enthalten gelegentlich, ja, man kann auf Grund sorgfältiger statistischer Erhebungen sagen, geradezu häufig echte Tuberkelbazillen, gegen deren Eindringen in den Darmkanal wir uns nur schützen können, wenn wir regelmäßig eine gründliche Sterilisation durch längeres Kochen herbeiführen.

Ist diese Infektionsgefahr nun wirklich von Bedeutung? Vor allem ist sie von ausschlaggebender Bedeutung im Sinne v. Behrings? – Der zweite Teil der Frage läßt sich auf Grund von Erfahrungen mit nein beantworten: man hat festgestellt, daß in Japan, wo unter der Bevölkerung die Tuberkulose, insbesondere die Schwindsucht, sehr verbreitet ist, die Tuberkulose des Rindviehs bis vor kurzem so gut wie unbekannt war. Es war also mit vollkommener Sicherheit auszuschließen, daß für die dortige Bevölkerung Behrings Anschauungen zutrafen. – Weit schwieriger ist eine kurze und klare Antwort auf den ersten Teil der Frage zu geben. Von der größten Bedeutung ist hierfür die endgültige Klärung eines augenblicklich noch umstrittenen Punktes: Robert Koch selbst hat nämlich vor einer Reihe von Jahren die zunächst gerade aus seinem Munde besonders überraschend klingende Behauptung aufgestellt, der Tuberkelbazillus, der die Tuberkulose des Menschen verursache, und der Erreger der Rindertuberkulose bildeten zwei vollkommen voneinander verschiedene Arten, die zwar in einer sehr großen Anzahl von Eigenschaften übereinstimmten, in einigen Punkten aber differierten und vor allen Dingen den ganz außerordentlich bedeutsamen Unterschied aufwiesen, daß der Rinder-Tuberkelbazillus nur für das Rind, der Menschen-Tuberkelbazillus nur für den Menschen gefährlich werden könne. War diese Ansicht richtig, so wären auch die Konsequenzen, die Robert Koch zog, unangreifbar: Maßnahmen gegen die Infektion mit Tuberkelbazillen, die vom Rinde stammten, wären zwecklos und überflüssig.