Bei der einschneidenden Bedeutung dieser Behauptung ist es begreiflich, daß eine außerordentlich lebhafte Diskussion darüber entstand. Es war mit Sicherheit festgestellt, daß verschiedene Arten von Tuberkelbazillen existierten: die Erreger der Tuberkulose von manchen Kaltblütern z. B. unterschieden sich konstant und durch auffällige Merkmale von den Menschen-Tuberkelbazillen. Es war auch bereits bekannt, daß sich konstante oder nahezu konstante Unterschiede zwischen Tuberkelbazillen, die vom Rind, und solchen, die vom Menschen stammten, nachweisen ließen, insbesondere wußte man, daß Tuberkelbazillen aus menschlichen Krankheitsprodukten im Tierexperiment für Rinder, aber auch für Kaninchen gewöhnlich nur geringe Virulenz zeigten, während Rinder-Tuberkelbazillen eine viel höhere Virulenz gegenüber diesen Tieren besaßen.
Die Frage, die für das Menschengeschlecht allein beantwortet werden muß, ist aber die, ob dem Menschen außer dem menschlichen Tuberkelbazillus nicht auch der Rinder-Tuberkelbazillus gefährlich werden kann. Diese Frage war naturgemäß auf experimentellem Wege nicht zu beantworten, und man hat sich bemüht, sie dadurch zu entscheiden, daß man in möglichst großem Umfange die aus menschlichen Krankheitsfällen gezüchteten Tuberkelbazillen daraufhin untersuchte, ob sie zum »Typus humanus« oder zum »Typus bovinus« gehörten. Über diese Frage sind gerade augenblicklich noch umfassende Erhebungen im Gange, deren Resultat abgewartet werden muß. Aus einer Reihe von einschlägigen Untersuchungen geht aber immerhin jetzt schon hervor, daß auch aus menschlichen tuberkulösen Krankheitsprodukten, wenn auch vergleichsweise selten, Tuberkelbazillen isoliert werden können, die die Eigenschaften des Typus bovinus aufweisen und daß vom Menschen stammende Tuberkelpilze (vom Typus humanus) im Körper des Rindes (bei künstlicher Infektion) rasch eine hochgradige Virulenz auch für Rinder erwerben. (Prof. Eber.) Und so sieht es denn vorläufig so aus, als ob die Kochsche Anschauung mit ihren Konsequenzen den Sieg nicht behalten könne. Dadurch würde die Notwendigkeit energischer Bekämpfung der Tuberkulose des Rindviehs dann wieder außer Frage gestellt werden.
Bekanntlich hat von Behring vor wenigen Jahren ein Verfahren angegeben, um Kälber durch Impfung mit lebenden menschlichen Tuberkelbazillen gegen Infektion mit Rindertuberkulose immun zu machen. Noch ist der Wert dieses Verfahrens aber lebhaft umstritten.
Beim Menschen ist an analoge Versuche noch nicht zu denken.
Und so bleibt denn vorläufig die wichtigste Waffe im Kampfe gegen die Tuberkulose die Verhütung der Ansteckung durch Vernichtung des Auswurfes Schwindsüchtiger einerseits, durch Bekämpfung der Tuberkulose des Rindviehs andererseits.
Mit wenigen Worten müssen wir am Schlusse dieser kleinen und durchaus unvollständigen Skizze des heutigen Standes der wissenschaftlichen Tuberkuloseforschung noch auf eine Frage zurückkommen, die wir eingangs flüchtig streiften, die Frage nach der »Vererbung« der Tuberkulose. Es ist in den letzten Jahren in einigen wenigen Fällen der Nachweis gelungen, daß – man kann wohl sagen: ausnahmsweise – selten ein Übergang von Tuberkelbazillen auf das Kind im Mutterleibe vorkommt. Bei den spärlichen einschlägigen Beobachtungen handelte es sich stets um sehr schwere tuberkulöse Erkrankung der Mutter.
Für die überwiegende Mehrzahl aller Fälle von sogenannter »Vererbung« der Tuberkulose müssen wir nach dem heutigen Stande unserer Kenntnisse diesen Vorgang, die direkte Übertragung von Keimen vom mütterlichen auf den kindlichen Organismus, ausschließen (– bis zum Beweis des Gegenteils!).
Wie erklärt sich dann aber die oft so augenfällige »Erblichkeit« der Krankheit? Diese Frage wird unendlich oft dem Arzte gestellt werden und je nach dessen Anschauungen und Erfahrungen verschieden beantwortet werden. Wir wollen versuchen, festzustellen, wie weit sie exakt beantwortet werden kann: Es steht außer Zweifel, daß Kinder, die in der nächsten Umgebung eines an Schwindsucht Leidenden aufwachsen, der Infektionsgefahr in höherem Maße ausgesetzt sind, als Kinder aus gesunder Familie. Wir haben in dieser Tatsache also eine gewisse Erklärung für ihre relativ häufigere frühere oder spätere Erkrankung an Tuberkulose.
Im naturwissenschaftlichen Sinne kann dabei von »Vererbung« keine Rede sein; vererbbar sind nur Eigenschaften, die an der väterlichen oder mütterlichen Keimzelle haften und bei deren Verschmelzung (der Zeugung) dem neu entstehenden Organismus übertragen werden. – Jede spätere Infektion des Kindes durch die Eltern hat mit »Vererbung« nichts zu tun.