Nun wird aber mit einem gewissen Recht von vielen Forschern geltend gemacht werden, daß man bestimmte Merkmale im Körperbau (große Schlankheit, Zartheit des Skeletts, schmaler flacher Brustkorb u. a. m.) bei Schwindsüchtigen außerordentlich häufig findet. Dieser sogenannte »phthisische Habitus« sei der äußerliche Beweis für die Vererbung einer besonderen Neigung oder »Disposition« zur Lungentuberkulose.

Man kann darauf nur erwidern: Es ist möglich, aber es ist nicht notwendig, daß diese Annahme richtig ist. Man kann das Vorkommen dieser Eigentümlichkeiten in naheliegender Weise mit der Tuberkulose in ursächliche Beziehung bringen, ohne den immerhin unklaren Begriff der Disposition in Betracht ziehen zu müssen: wenn durch viele Generationen hindurch in einer Familie Lungenschwindsucht bestanden hat, die immer wieder durch Infektion der Kinder mit den Bazillen aus dem Auswurf der Eltern entstand – so erklärt sich darauf als ein ganz allmählich erworbener Folgezustand die Flachheit und Schmalheit wie auch die allgemeine Schwächlichkeit des Körperbaus. – Es ist aber umgekehrt nicht nötig, die Ursache der tuberkulösen Erkrankung vieler Generationen derselben Familie in einer dieser eignenden Disposition zu suchen.

Praktisch wichtig ist an dieser Überlegung, daß man die Bedeutung der »Disposition« nicht überschätzen soll, wie das zuweilen geschieht. Die Schlußfolgerung pflegt ungefähr diese zu sein: Die Gefahr der Infektion mit Tuberkelbazillen ist angesichts der großen Verbreitung der Keime in unserer Umgebung enorm; entscheidend für das Zustandekommen der Schwindsucht ist aber die »Disposition« dazu. Wir haben in erster Linie deshalb alles zu tun, um durch allgemeine hygienische und diätetische Maßregeln dieser Disposition entgegenzuarbeiten.

Wir sagen dagegen: Es kann gewiß gar nicht genug geschehen, um Gesundheitszustand und Widerstandsfähigkeit jedes Einzelnen zu heben; zur Bekämpfung der Tuberkulose gehört aber vor allem die Vernichtung der Tuberkelbazillen im Auswurf des Schwindsüchtigen und die Vermeidung aller der Gefahren, die dem Menschen durch die Verbreitung der Rindertuberkulose erwachsen (Milchhygiene); denn während die Bedeutung der »Disposition« für die Tuberkulose schwer abschätzbar ist, steht die Bedeutung des Tuberkelbazillus als Ursache der Krankheit außer jedem Zweifel.

Syphilis.

Viele Gründe sprechen für die von vermiedenen Forschern nachdrücklich vertretene Anschauung, daß die Syphilis bis zur Entdeckung Amerikas in Europa nicht vorgekommen ist; eine Reihe von Tatsachen macht ihre Einschleppung durch die Leute des Columbus im Jahre 1493 zudem äußerst wahrscheinlich. Sicher ist, daß im folgenden Jahre im Heere Karls VIII. von Frankreich während der Belagerung Neapels die Krankheit verbreitet war, vermutlich durch spanische Soldaten vermittelt. Sicher ist weiter auch, daß die Syphilis sich im unmittelbaren zeitlichen Anschluß an diesen Feldzug in Europa mit einer außerordentlichen Schnelligkeit verbreitete, die ihre nächstliegende Erklärung in einer Verschleppung des Krankheitskeimes durch die nach Hause – d. h. in aller Herren Länder – zurückströmenden Truppen findet. Während der folgenden Jahrzehnte wütete die Seuche in ganz Europa in schrecklicher Weise. Der Krankheitsverlauf war meist außerordentlich schwer, die Erscheinungen pflegten sehr heftig aufzutreten und sehr rasch aufeinander zu folgen. Auch diese durch zahlreiche Zeugnisse der Ärzte jener Zeit gesicherte Tatsache ist mit der Annahme gut vereinbar, daß die Krankheit eine bisher völlig syphilisfreie Bevölkerung überfiel.

Immerhin halten trotz dieser und anderer Argumente einzelne Forscher die Herkunft der Seuche aus Amerika nicht für bewiesen. Ihre Ansicht, daß schon vor Columbus' Zeiten die Syphilis in Europa vorgekommen ist, kann sich vorderhand aber auf wirklich einwandfreie Gründe nicht stützen. Sie wird nur Anerkennung finden können, wenn der sichere Nachweis unzweifelhafter syphilitischer Veränderungen an Skeletten erbracht werden kann, die zweifellos aus der Zeit vor 1493 herrühren. Allenfalls könnten auch Abbildungen sicher syphilitischer Veränderungen aus einer nachweislich vor der Entdeckung Amerikas gelegenen Zeit als Beweis im gleichen Sinne herangezogen werden.

Bis zum Beweis des Gegenteils scheint aber die Ansicht mehr Aussicht auf den endgültigen Sieg zu haben, nach der die Einschleppung der Krankheit aus Amerika erfolgt ist.

Die Syphilis ist eine ausgesprochen chronisch verlaufende, in ihren frühen Stadien sehr ansteckende Krankheit, die, von verschwindend seltenen Ausnahmen abgesehen, nur bei direkter Berührung von Mensch zu Mensch übertragen wird. An der Infektionsstelle entsteht nach einer Inkubationszeit von meist etwa drei Wochen ein Geschwür, das sehr langsam heilt und dessen Ränder und Grund sich allmählich verhärten. Nach einer zweiten Inkubationszeit von mehreren Wochen zeigen sich dann im einzelnen Falle sehr verschiedene »Sekundär«-Erscheinungen, die in Hautausschlägen, Katarrhen, Schleimhautgeschwüren, allgemeinen Lymphdrüsenschwellungen und gewissen Störungen des Gesamtbefindens bestehen. Zuweilen sind diese Sekundärerscheinungen sehr geringfügig, so daß sie selbst vom Arzte, der nicht beständig den Patienten vor Augen hat, kaum festgestellt werden können. Unter geeigneter Behandlung gehen sie meist bald zurück. Meist erst nach Jahren können dann besonders schwere Erscheinungen, die für die dritte Periode der Krankheit charakteristisch sind (Tertiärerscheinungen) auftreten; sie bestehen in erster Linie in der Bildung knotiger, sogenannter gummöser Herde, die sich in sämtlichen Organen und Geweben des Körpers entwickeln können und so zu den allerverschiedensten Krankheitserscheinungen Anlaß geben können. Durch Zerfall solcher Knoten kann es zu umfangreichen Zerstörungen und Geschwürsbildungen, z. B. im Gaumen, kommen, verhältnismäßig häufig sind die schweren Zerstörungen der Nase durch gleichartige Prozesse, die das Einsinken des Nasenrückens, die Entstehung der Sattelnase zur Folge haben. Von den inneren Organen sind besonders häufig die Leber und das Zentralnervensystem von diesen tertiären Prozessen befallen. Ferner sind dieser Periode der Syphilis noch schwere Krankheitsveränderungen in den Schlagadern, besonders in der großen Schlagader eigen, die den Tod durch Störung der Blutzirkulation zur Folge haben können. Auch die Krankheitsprozesse der dritten Periode sind, wenn sie rechtzeitig erkannt werden, in weitem Umfange durch die ärztliche Behandlung beeinflußbar, vielfach sogar heilbar. Andererseits wird die traurige Bedeutung der sehr verbreiteten Krankheit noch durch die Tatsache erhöht, daß dem einmal syphilitisch Infizierten, auch wenn die Krankheit sonst anscheinend milde verlaufen ist, noch Jahre nach ihrer Erwerbung bestimmte Rückenmarks- und Gehirnleiden drohen; mit ihr im Zusammenhang stehen die sogenannte Rückenmarksschwindsucht (Tabes) und die Gehirnerweichung (progressive Paralyse).

Wohl die traurigste Eigenschaft der Syphilis aber beruht darin, daß die syphilitisch erkrankte Frau dem eigenen Kinde schon im Mutterleibe den Krankheitskeim mitteilen kann: Es kommt dann zur Geburt toter oder syphilitisch kranker und lebensunfähiger Kinder.