Es könnte nach dem Gesagten scheinen, als müßte die Ausrottung der Syphilis in einem Kulturlande ein leichtes sein: Es müßte genügen, von einem gegebenen Augenblick an alle von der Krankheit Befallenen dahin zu bringen, daß sie jede Verbreitung der Infektion so lange auf das ängstlichste vermeiden, bis sie durch gründliche Behandlung geheilt sind. Bisher hat man trotz aller Bemühungen auf diesem Wege der Ausbreitung der Syphilis noch nicht steuern können. Der Hauptgrund für diese betrübende Erscheinung liegt in sozialen Verhältnissen, vor allem in der Prostitution, über deren Duldung oder Unterdrückung hier nicht geredet werden soll.

Lepra.

Die Lepra oder der »Aussatz« ist eine Krankheit von ganz ausgesprochen langwierigem Verlauf, die im einzelnen außerordentlich verschiedene Erscheinungen zeigt, in ihren Endstadien aber in der Regel ihre bedauernswerten Opfer in grauenerregender Weise entstellt. Ihre gewöhnliche Form ist die Knotenlepra, die durch die Ausbildung von kleineren und größeren Knoten in der Haut und den Schleimhäuten ausgezeichnet ist, aber auch die inneren Organe befällt. Diese knotige Lepra kann durch Zerfall von Knoten zu Geschwürsbildungen und, namentlich im Gesicht, dadurch auch zu erheblichen Zerstörungen und Entstellungen führen. Besonders grauenerregend sind aber die Ausgänge der anderen Form der Krankheit, der sogenannten Nervenlepra, die mit schweren Störungen der Ernährung der Weichteile und Knochen einhergeht und in ihren Endstadien ausgedehnte Verstümmelungen der Gliedmaßen, besonders der Hände und Füße und des Gesichts, herbeiführt.

Ob die Lepra mit dem Aussatz der Bibel identisch ist, das wissen wir nicht, es ist aber unwahrscheinlich. In den heutigen Kulturländern Europas war sie im Mittelalter außerordentlich verbreitet, und zwar scheint sie hauptsächlich während der Kreuzzüge große Fortschritte gemacht zu haben. Schon im 9. und 10. Jahrhundert werden einzelne Leprahäuser auf deutschem Boden erwähnt, auch erfahren wir von gesetzlichen Bestimmungen, z. B. Heiratsverboten, die gegen die Verbreitung der Krankheit gerichtet waren, schon unter Pipin und Karl dem Großen. Am Anfange des 13. Jahrhunderts aber bereits gab es in Frankreich 2000 Leprahäuser. Die Überzeugung von der Ansteckungsfähigkeit der Krankheit führte zu sehr strengen Bestimmungen; der als leprös Erkannte mußte sich in ein Leprahaus aufnehmen lassen. Bekannt ist ja die Vorschrift, die den Leprösen zwang, sich durch Klingeln mit einer Schelle bemerkbar zu machen, wenn er sich menschlichen Wohnungen, in erster Linie zum Zwecke des Bettelns, nähern wollte. Heute ist die Lepra in Deutschland so gut wie unbekannt, nur im äußersten Nordosten von Preußen gibt es einige wenige Lepröse, die ihre Ansteckung zweifellos aus den russischen Ostseeprovinzen bekommen haben, in denen die Krankheit noch heimisch ist. Ein kleiner Lepraherd findet sich weiter in Frankreich, in der Bretagne, ein weiterer in Norwegen. Die südeuropäischen Länder sind ebenfalls nicht ganz frei von der Krankheit, so die Türkei und Rußland. Sehr zahlreiche Leprafälle trifft man vor allem in Vorder- und Hinter-Indien und auf den malayischen Inseln. In Amerika sind einzelne Staaten an der Nordküste von Südamerika stärker von der Krankheit befallen, die sonst selten ist, auch Afrika besitzt einige Lepraherde.

Die Ursache der Krankheit ist der von dem norwegischen Forscher Hansen 1868 zuerst beobachtete Leprabazillus, ein schlankes, dem Tuberkelbazillus in mancher Hinsicht ähnliches, unbewegliches Stäbchen, das sich in ganz kolossalen Mengen in den Lepraknoten der Haut und Schleimhäute, besonders häufig auch im Nasensekret bei geschwürigen Prozessen der Nase, bei der Nervenlepra endlich im Zwischengewebe der Nerven findet. Die Kultur dieses Stäbchens ist trotz sehr zahlreicher Bemühungen nicht gelungen, auch sind bisher noch alle Versuche, die Krankheit auf Tiere der verschiedensten Arten überzuimpfen, fehlgeschlagen. Unsere Anschauungen von der Verbreitungsweise der Krankheit und somit auch die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung, gründen sich also ganz ausschließlich auf die Beobachtungen am Menschen.

Es steht unzweifelhaft fest, daß die Krankheit ausschließlich bei Individuen auftritt, die einmal in ihrem Leben mit Leprösen in Berührung gekommen sind, freilich ist die Inkubationszeit außerordentlich lang, allem Anschein nach erstreckt sie sich über Jahre. Die Art und Weise der Übertragung der Keime ist noch nicht völlig aufgeklärt; besonders gefährlich scheint das bazillenhaltige Nasensekret zu sein, das sich in einem großen Teil der Fälle findet. Jedenfalls aber findet die Übertragung nur bei intimer Berührung resp. bei mangelnder Reinlichkeit statt; das wird auf das schlagendste bewiesen durch die Tatsache, daß Hansen selbst in jahrzehntelanger Tätigkeit auch nicht einen einzigen Fall von Übertragung der Krankheit auf das Pflegepersonal gesehen hat. Daß die Lepra allein durch die Isolierungsmethode auf das wirksamste bekämpft werden kann, zeigt das Beispiel Norwegens, wo die Zahl der Leprösen von 2870 im Jahre 1856 auf 577 im Jahre 1900 herabgegangen ist. Seit dem Jahre 1885 besteht dort der gesetzliche Zwang zur Aufnahme in ein Leprahaus für jeden von der Krankheit Befallenen, der nicht die Möglichkeit nachweist, in seiner eigenen Wohnung bestimmten, der Isolierung dienenden Vorschriften strengstens nachzukommen. In manchen Staaten ist Leprösen das Eingehen einer Ehe nicht gestattet; diese Bestimmung erscheint durchaus gerechtfertigt, solange die Krankheit, wenn sie einmal ausgebrochen, als unheilbar zu gelten hat.

In neuester Zeit berichteten die Zeitungen über günstige Erfolge, die der deutsche Forscher Deycke mit einem Impfstoff gegen die Lepra erzielt haben soll. Vor der genauen Veröffentlichung der Resultate, die bisher noch aussteht, wird man sich jedes Urteils über den Wert des neuen Mittels enthalten müssen.


Schlußwort.

Rückblick und Ausblick.