Man hört zuweilen in Laienkreisen ungeduldige und abfällige Urteile über die Bakterienforscher und ihre Erfolge: »Wozu hilft uns die Entdeckung immer neuer Krankheitserreger, wenn man nicht gleichzeitig Mittel findet, um die Menschheit von ihnen zu befreien!« In der Tat, für unsere Wünsche und Hoffnungen geht der Fortschritt der Wissenschaft im Kampfe mit diesen tückischen kleinen Feinden immer zu langsam. Wir müssen mit Bedauern eingestehen, daß trotz aller geleisteten Arbeit noch immer unübersehbares Elend durch die pathogenen Bakterien entsteht. Das gilt auch, wenn wir von den außerordentlich großen Verlusten an Menschenleben ganz absehen, die auf Rechnung der exotischen Seuchen zu setzen sind, wenn wir also nur unser Klima und die Verhältnisse in Europa betrachten.

Ein Versuch, ein zuverlässiges Urteil darüber zu gewinnen, welchen Schaden der Kulturmenschheit die bakteriellen Infektionskrankheiten heute noch zufügen, stößt auf große Schwierigkeiten. Wir müßten etwa festzustellen trachten, wie viele Menschen in einem bestimmten Zeitabschnitte in unserem Klima an bakteriellen Infektionen erkranken, wie lange Zeit sie arbeits- und genußunfähig werden, ob und welchen dauernden Schaden die »Geheilten« etwa behalten, wobei besonders auch an die Folgen bestimmter Krankheiten für Ehe und Nachkommenschaft zu denken wäre, endlich: wie viele den Krankheiten erliegen.

Die Beantwortung aller dieser Fragen stößt auf außerordentlich große Schwierigkeiten; am ehesten können wir noch die letzte von ihnen in präziser Weise beantworten – auf Grund von Statistiken über die Todesursachen, die uns freilich nur einen gewissen gröbsten Maßstab für die Größe des Schadens geben. Anspruch auf völlige Zuverlässigkeit haben solche Zusammenstellungen streng genommen nur dann, wenn sie sich auf Sektionsbefunde stützen.

Als Beispiel einer solchen Zusammenstellung mag eine von Geheimrat Marchand veröffentlichte Todesursachenstatistik dienen, die sich auf die im Leipziger Pathologischen Institut in den Jahren 1900 bis 1905 vorgenommenen Leichenöffnungen stützt:

Von 7140 Todesfällen waren allein 1652 (= 23%) auf Tuberkulose zurückzuführen; 687 (= 9,6%) weitere auf andere ansteckende Krankheiten, während z. B. auf äußere Einwirkungen aller Art (Unglücksfälle, Verbrennungen, Verletzungen) im ganzen 561 (= 7,8%) der Todesfälle zurückgingen. Auf Rechnung von pathogenen Bakterien sind nun aber weiterhin noch eine sehr beträchtliche Zahl von Todesfällen zu setzen, die durch Erkrankung lebenswichtiger Organe im Anschluß an eine vorangegangene bakterielle Infektion entstanden sind. (»Nachkrankheiten«, s. o. in Kapitel II.) Die genaue Aussonderung dieser Fälle stößt auf gewisse Schwierigkeiten. Mit einiger Sicherheit kann man in dem hier herangezogenen Material noch mindestens 833 = 11,7% der Fälle in diese Rubrik einordnen. Die Gesamtzahl der sicher durch pathogene Bakterien verursachten Todesfälle beträgt demnach für unser Material 3172 = 44,4% der Gesamttodesfälle.

Nur eine Krankheitsgruppe kann sich an trauriger Bedeutung für die Menschheit mit den Infektionskrankheiten messen: die »bösartigen Geschwülste«, die »Krebskrankheit« im weiteren Sinne, die in unserer Statistik mit 799 = 11,2% der Todesfälle vertreten ist.[13]

Wir müssen also ohne weiteres einräumen, daß auch heute noch – trotz der gepriesenen Großtaten der Wissenschaft – unendlich großes Elend durch pathogene Bakterien der Menschheit bereitet wird. Haben wir deshalb Grund zu verzagen, die Hände in den Schoß zu legen? Gewiß nicht; im Gegenteil, wir haben allen Grund, hoffnungsvoll in die Zukunft zu sehen. Dazu berechtigen uns die wirklich erreichten Erfolge. Freilich ist es noch außerordentlich viel schwieriger, von ihrem Umfang eine annähernd richtige Vorstellung zu gewinnen, als von den Verwüstungen, die die Infektionskrankheiten anrichten.


Die einfachsten und deshalb durchsichtigsten Verhältnisse finden wir bei den beiden Krankheiten, die wir am wirksamsten bekämpfen gelernt haben, bei den »Pocken« und bei der »Diphtherie«. Man kann wohl annehmen, daß im 18. Jahrhundert in Europa im allgemeinen 1/14 bis 1/12 aller Todesfälle durch Blattern verursacht waren. (Kübler, Geschichte der Pocken und der Impfung S. 101.) Heute ist diese Krankheit in Deutschland so gut wie unbekannt, in den andern Kulturländern ebenfalls um so seltener, je allgemeiner die Schutzpockenimpfung durchgeführt ist. Hier dürfen wir mit Recht also von einem vollständigen Sieg der Kulturmenschheit über einen Infektionskeim sprechen.