Nicht ganz so günstig liegen die Erfolge gegenüber der Diphtherie, die auch nach der Einführung des Behringschen Heilserums immer noch Opfer fordert; darüber aber sind Ärzte und Laien sich einig, daß auch diese gefürchtete Krankheit seit der Entdeckung dieses Mittels ihren Schrecken größtenteils verloren hat. Das beweisen vor allem auch die statistischen Feststellungen, die von jenem Augenblick an einen ganz erheblichen Abfall der Diphtherie-Sterblichkeit zeigen.
Auch die Wutschutzimpfung mit ihren segensreichen Folgen gehört zu den unmittelbaren Erfolgen der Wissenschaft; ebenso ist hier die siegreiche Bekämpfung bakterieller Tierseuchen noch einmal zu erwähnen.
Aber – kommt der ungeduldige Leser wieder zum Worte – gegen alle die vielen anderen Krankheitserreger, die entdeckt und bis auf alle Einzelheiten ihrer Lebensbedingungen und Lebensäußerungen untersucht worden sind, hat man immer noch kein Radikalmittel von zweifellosem Wert? Die Antwort lautet: Nein; aber man hat vielversprechende Anfänge an verschiedenen Punkten, und wir dürfen hoffen, daß manche der Heilsera und manche Schutzimpfungsmethoden sich noch bewähren werden, oder aber, daß bessere Mittel an ihre Stelle treten werden.
Wir dürfen also hoffen, wird der Leser erwidern – mit anderen Worten: Zukunftsmusik! – Doch nicht ganz; denn man vergißt in seiner Ungeduld über dem Wunsche nach radikalen Heil- und Schutzmitteln, die ja freilich als letztes praktische Ziel aller Forschung über pathogene Bakterien vorschweben, den großen mittelbaren Nutzen, den die bisherigen Ergebnisse der Wissenschaft schon gehabt haben.
Es ist hier schlechterdings nicht möglich, im einzelnen auszuführen, welchen Umschwung in den ärztlichen Anschauungen, in der Erkennung, Behandlung und vor allem in der Verhütung von Krankheiten die Bakteriologie herbeigeführt hat. Hier muß vor allem auf den schwer schätzbaren, aber sicher gewaltigen Fortschritt hingewiesen werden, den die Verhütung der Seuchen gemacht hat. Aber nicht nur exotischen Krankheiten stehen wir bei weitem besser gerüstet gegenüber als vor den Erfolgen Robert Kochs; auch den endemischen Infektionskrankheiten können wir wirksamer als zuvor entgegentreten.
Von unabsehbarer Bedeutung für die Menschheit ist aber ferner der gewaltige Aufschwung, den die operative Medizin – in erster Linie dank den Errungenschaften der Bakteriologie – genommen hat. Die Voraussetzung für die erstaunliche Entwickelung der Chirurgie im Verlauf der drei letzten Jahrzehnte war die Entdeckung der Ursachen der Wundkrankheiten und die Ausbildung der Methoden zu ihrer Verhütung. Wer vermag zahlenmäßig zu belegen, wieviele Menschenleben um Jahre, ja Jahrzehnte, verlängert worden sind durch chirurgische Eingriffe, die früher gar nicht gewagt werden konnten, weil sie sicheren Tod des Operierten zur Folge gehabt hätten! Gerade auch der gefürchteten Krebskrankheit gegenüber hat so – auf Umwegen – die Entdeckung der pathogenen Bakterien zu großen Erfolgen geführt, indem sie operative Eingriffe ermöglichte, an die sich vor der Einführung von Antisepsis und Asepsis in die Chirurgie auch der kühnste Operateur mit Recht nicht heranwagte.
Kurz: die mittelbaren und unmittelbaren praktischen Ergebnisse der Wissenschaft für den Kampf gegen die Infektionskrankheiten sind heute schon gewaltig große, und mit Recht verehrt die Menschheit unter ihren Wohltätern Jenner, Pasteur, Koch, Behring. Mit Recht dürfen wir aber auch hoffen, daß der unaufhaltsame Fortschritt der Wissenschaft der Menschheit immer neue Mittel in die Hand geben wird, der pathogenen Bakterien Herr zu werden, ja, daß einmal der Tag kommen wird, an dem man, wenn nicht alle, so doch manche oder viele Arten dieser Schädlinge ebenso unschädlich gemacht hat, wie den Pockenkeim, der Tag, an dem man von Cholera und Pest, ja von Syphilis und Tuberkulose nur noch aus den Büchern der Geschichte erfahren wird, der Tag, an dem man die Abbildungen von diesen Krankheiten mit dem gleichen Interesse betrachten wird, mit dem wir heute vor den Skeletten der gewaltigen Tierarten stehen, die unseren Vorfahren nach dem Leben trachteten.
Druck von B. G. Teubner in Dresden.