Während sonst die Tropennächte in der guten Jahreszeit einen herrlichen Anblick bieten, wenn das Sternenheer magisches Licht über die weiten bewegten Fluthen streut, drohten in dieser Nacht gewitterschwere, unheilkündende Wolken und bald nach Mitternacht umfing uns rabenschwarze Dunkelheit. Dann brach das Unwetter über uns mit plötzlicher Gewalt herein, als wollte der furchtbare Wind das kleine Schiff niederpressen. Die heftigsten Stöße fegten von den hohen Vulkan-Inseln herab. Im Schiffe wurde alles, was nicht niet- und nagelfest war, durcheinander geworfen und das Fahrzeug schwer auf die Seite gedrückt; die schnell aufgewühlte See that das Ihre dazu, die Lage, namentlich für die Familie des Konsuls, recht ungemüthlich zu machen.

In Lee waren die gefährlichen Riffe, von denen freizukommen die erste Sorge sein mußte, deshalb bot ich allmählich dem Winde wieder so viel Leinewand, als das Schiff zu tragen vermochte. Sobald ich frei von der Insel Kao war, hielt ich nördlicheren Kurs und obgleich die See schwerer wurde, so konnte ich doch mit volleren Segeln durch die Wogen pressen und größeren Abstand von den auch mehr ostwärts abfallenden Riffen gewinnen. Der neue Morgen fand uns westlich von der niedrigen Insel Otolonga, die, nördlich umsegelt, zur Nordeinfahrt der Hapai-Gruppe führte.

Als ich nahe genug dieser Insel gekommen war, der einzuschlagende Kurs bedingte dies, wurde eine ehemalige Niederlassung der Walfischfänger sichtbar, die vor Zeiten in diesen Gewässern ertragreiche Beute gefunden, aber auch bald genug die Schaar der gewaltigen Meerbewohner so gelichtet hatten, daß ein Kreuzen auf Beute zwecklos war. Die Station wurde deshalb aufgegeben, ihre Trümmer am öden Korallenstrand sind jetzt werthlos und verkommen.

Der Kurs nach Lefuka führte uns zwischen Inseln und Korallenpatschen hindurch. Erst am Nachmittage dieses Tages konnten wir die der Insel Lefuka vorgelagerten Riffe passiren und vor der deutschen Station zu Anker gehen.

Solch ungünstiger Wind und zum Theil schlechtes Wetter hatten natürlich den Zweck der Reise vereitelt, noch nach Ouia zu laufen und an dem dort stattfindenden großartigen Todtenfeste theilzunehmen, war zwecklos. So entschied sich der deutsche Konsul, hier die Ankunft des Königs Georg abzuwarten und mit diesem dann die Rückreise nach Nukualofa anzutreten.

Die Insel Lefuka, im Verhältniß zu ihrer Länge nur schmal, zeigt an der Ostseite, gegen welche der freie Ozean seine gewaltigen Wogen donnernd wirft, ein Riff übereinandergethürmter Korallenblöcke und Steine; man sieht hier so recht, wie die Gewalt der Wasser einen Schutzwall aufgeworfen, der das flachere Land selbst gegen die furchtbarste See zu schützen vermag. Immer weiter aber baut die Koralle in die offene See hinaus, immer breiter wird das Trümmerfeld, bis dieses auch durch Zersetzung zu anbauungsfähigem Lande umgestaltet wird.

Die Erzeugnisse, die Tonga-tabu aufweist, sind hier auch vertreten, namentlich ist der Ertrag an Kokosnüssen groß auf dieser Insel. Was ich aber hier zuerst gesehen, war die Zubereitung des Tapa, jenes Stoffes, welches den Eingebornen zur Bekleidung dient, der schön gefärbt und gezeichnet ist. Selbst große Stücke, umfangreichen Decken ähnlich, werden aus dem Papiermaulbeerbaum angefertigt, dessen Bast dazu verwendet wird. Und zwar werden lappenförmige Streifen im feuchten Zustand aufeinander angelegt und dann tüchtig geklopft, hierdurch wird der Stoff geschmeidig und fest; ist dieser in gewünschter Größe fertiggestellt, wird der Stoff im Schatten getrocknet und nachher mit brauner oder schwarzer Naturfarbe reichlich bemalt.

Fernhin hört man die Tapa klopfenden Weiber, die mit wuchtigen Schlägen den Bast bearbeiten; erklärlich ist dieses Geräusch, da sie meistens auf dem Boden eines umgekehrten Kanoes diese Arbeit vornehmen, wodurch die dumpf dröhnenden, lauten Schläge hervorgebracht werden.

Wie bei fast allen Naturvölkern, bei denen der Aberglaube weiteste Verbreitung gefunden, so ist auch namentlich bei den Südsee-Insulanern das Zauberwort „Tabu“ in allgemeine Anwendung gekommen. Dieses Wort, eine Macht, ersetzt, möchte man sagen, die in zivilisirten Ländern nothwendige Sicherheitspolizei. Wenn eine als „tabut“, d. h. unverletzliche Person, z. B. ein König oder ein Häuptling, irgend etwas als tabut erklärt, so wird kein Rassenangehöriger es wagen, Person oder Sache anzurühren, oder eine Oertlichkeit, Haus oder Hütte, zu betreten.

Im Allgemeinen aber findet das Tabu Anwendung, wenn irgend ein Gegenstand vor Berührung, Wegnahme u. s. w. geschützt werden soll, dann wird unter bestimmten Zeremonien dieser mit einer Schnur, in der Knoten mit oder ohne Zaubereien eingeknüpft sind, umgrenzt oder umwunden. Die Ueberzeugung, daß jedem, der es wagen würde, dieses Schutzmittel zu entfernen, alle Uebel unfehlbar zustoßen, welche der Knotenschürzer hineingeknüpft, hält jede unbefugte Verletzung fern. Mehrfach, und hauptsächlich auf dieser Insel Lefuko, wurden mir Gegenstände, Baum oder Hütte gezeigt, die so durch das „Tabu“ geschützt waren.