Nur eine einzige, sehr gewundene und gefährliche Einfahrt, führte von Norden durch das Riff, und zwar nur eine Strecke weit bis zu einem tieferen Becken, in welchem aber ein kleineres Schiff geschützt und sicher liegt. Da der Verkehr mit dem Lande allein zur Zeit des Hochwassers möglich, der Ankerplatz vor dem Riffe nur in der guten Jahreszeit einigermaßen sicher ist, suchte ich auf Anrathen des Lotsen, eines Eingebornen, doch lieber den kleinen gesicherten Hafen auf, obwohl das Durchbringen des Schiffes, das mehrfach auf Korallenblöcke fest kam, keine leichte und gefahrlose Arbeit war.
Daß ich es gethan, war ein Glück, denn ein heftiger, plötzlich in einer der ersten Nächte aufspringenden Nordwestwind hätte das Schiff im Verein mit der hohen See sicher aufs Riff geworfen und zerschellt; ein Versuch, in tiefdunkler Nacht die offene See zu gewinnen und gegen den starken, auflandigen Wind von den Riffen freizukreuzen, wäre schier unmöglich gewesen.
Nicht minder einsam wie diese Insel im weiten Ozean war das Leben, welches hier zwei Europäer (ein Deutscher und ein Engländer) führten, die nur mit der Außenwelt in Verbindung traten, wenn nach langer Zeit ein Schiff vor der Insel zu Anker ging. Freilich ist an Verkehr mit Menschen kein Mangel, nur kommt in Betracht, daß die Eingebornen für einen Europäer doch kein rechter Umgang sind; so freundlich gesinnt, friedfertig und zum Theil lernbegierig sie sich auch zeigen, so stehen sie dennoch auf einer zu tiefen Bildungsstufe. Zwar paßt sich ein einsam lebender Mensch schnell genug den Verhältnissen an, und in der Folge habe ich ja so viele gefunden, die, obgleich sie noch abgeschlossener von der Welt lebten, mit ihrem Loose ganz zufrieden waren. Hier aber kommt dem Europäer das zu statten, daß er hier ein bildungsfähiges, strebsames Volk um sich hat, dessen Häuptlinge und Lehrer nach Aufklärung trachten und stundenlang dem weißen Manne zuhören, wenn er ihnen von anderen Ländern und Völkern erzählt.
So oft ich auch nach dieser Insel beordert worden war, konnte ich jedesmal die Beobachtung machen, mit wie großem Interesse alle Neuigkeiten aufgenommen wurden; hatte ich eingeborne Passagiere mit an Bord, so wurden diese sogleich nach der Landung von den Häuptlingen begrüßt und ausgefragt. Sonst kamen die Häuptlinge entweder insgesammt zum Hause der erwähnten Europäer oder luden uns zu sich ein, damit wir ihnen Abends bei einer Schale Kava Auskunft über etwaige Vorgänge im Tongareiche gaben.
In langer, vielleicht gänzlicher Unthätigkeit verharren die kleinen, wohl für immer erloschenen Krater auf dieser Insel, sonst wären sie eine gefährliche Nachbarschaft, denn eine erhebliche Erschütterung würde genügen, die Insel in die Tiefe versinken zu lassen. Wo man auch immer auf der gut bewachsenen Insel geht, klingt jeder Fußtritt hohl und man gewinnt die Ueberzeugung, daß nur eine verhältnißmäßig dünne Schicht über wahrscheinlich ausgedehnte Höhlen gelagert liegt.
Nirgendwo sonst auf Korallen-Inseln, deren Fundamente naturgemäß stets fest aufgebaut sind, habe ich solche Wahrnehmung wieder gemacht; würden hier nicht die beiden Kraterhügel eine genügende Erklärung für solche Erscheinung abgeben, ließe sich schwerlich die Ursache dafür ergründen. Das Eine scheint sicher (wie ich in diesem selben Jahre als Augenzeuge an einer anderen Stelle feststellen konnte), es sind am Rande eines hier schon vorhandenen Korallenriffes plötzlich unterseeische Vulkane in Thätigkeit getreten, die mit sich das Riff emporgehoben haben und dann nach einiger Zeit erloschen sind.
Außerdem giebt eine vorhandene schmale, aber tiefe Frischwasserrinne, die im festen Korallengrund eingebettet ist und tieferliegend als der Meeresspiegel, einen neuen Beweis, daß die Insel hohl ist. Das Süßwasser in dieser Rinne ist natürlich durch Korallen filtrirtes Seewasser, aber der Zufluß erfolgt unterirdisch aus dem Innern der Insel; derselbe soll zu Zeiten stärker, zu Zeiten schwächer sein. Uebrigens beschleicht den Wanderer, namentlich in stiller Nachtzeit, ein eigenthümliches Gefühl, wenn jeder Tritt so hohl und dumpf wiedertönt und ihm zum Bewußtsein bringt, daß er auf einem Boden wandelt, der über Höhlen oder gar über tiefe Wasserbecken gewölbt liegt.
Insbesondere weicht die Insel Niuatobutabu in nichts von anderen gut bewachsenen Koralleninseln ab, mit dem Unterschiede nur, daß auf dem verwitterten Lavagrunde eine überaus reiche Pflanzenwelt sich entwickelt hat. Salze und andere Chemikalien, die in der Lava enthalten sind, scheinen für die Entwicklung des Pflanzenlebens ungemein viel beizutragen, auch sonst, wo ich im weiten Inselmeer des Stillen Ozeans vulkanischen Grund betreten, fand ich dies ausnahmslos bestätigt.
Das Thierreich auf allen Inseln ist sehr schwach vertreten, Schweine, Hühner und Tauben sind fast die einzigen Arten, indes fand ich auf Niuatobutabu außerdem noch eine große Fledermausgattung, den fliegenden Fuchs. Da jeder von der Nützlichkeit und noch mehr von der Harmlosigkeit dieser Thiere überzeugt war, belästigt dieselben niemand, kein Eingeborner verscheucht sie. Vielleicht kommt auch noch der Umstand hinzu, daß diesen lautlos erscheinenden Thieren ein gewisser Aberglaube anhaftet, denn wer nicht mit ihrer Eigenart, unhörbar und schnell durch die Dunkelheit zu fliegen, vertraut ist, dem wird ein gewisses Unbehagen zuerst nicht erspart bleiben. Vornehmlich fand ich diese Füchse in Sträuchern, wo sie sich, Schatten findend, an dünnen Zweigen an den Hinterfüßen aufgehängt hatten. Den Kopf nach unten gebogen, umschließen sie mit der großen Flughaut den Körper und verblieben in dieser Stellung, bis die Dämmerung der nach ganz kurzer Dauer die Nacht folgt, hereinbricht, dann erst werden sie munter und suchen, die Luft gleich gespenstigen Schatten durchfliegend, sich ihre Nahrung. Werden sie am Tage gestört oder berührt man mit der Hand ihr sammetweiches Fell, schauen die schwarzen, erbsengroßen Augen den Störenfried wohl an, scheinen aber geblendet zu sein, denn obwohl unruhig geworden, wagt das Thier doch keinen Flug, verändert seine Stellung auch nicht und wollte man die Hinterfüße lösen, müßte Gewalt angewendet werden. Ein Weibchen, das seine beiden Jungen wohlgeborgen an der Brust hängen hat, die diesen Platz nie verlassen, auch während des Fluges nicht, wird, wenn es gestört worden, leichter erregt und beißt wohl mit den kleinen, nadelspitzen Zähnen um sich. So sind in Folge davon, weil diesen Thieren nie etwas zu Leide geschieht, dieselben zutraulich und oft habe ich sie, selbst in der Nähe der Hütten der Eingebornen und vor den Wohnungen der Weißen in Menge vorgefunden.
Höchst lästig und oft zu einer großen Plage werden hier Schaaren von Fliegen. In des Wortes vollster Bedeutung kann man sagen, es wimmelt davon. Ist in Europa die Hausfliege dreist und störend, ist sie dort, wo die Natur ihr den Tisch gedeckt, unglaublich lästig, und das vor allem zu der Zeit, wenn die Früchte des Brotfruchtbaumes reif geworden sind. Diese Früchte, an und für sich sehr schmackhaft, werden, sobald sie überreif geworden sind, eine wahre Brutstätte für Fliegen. Sind sie ausgeflogen, so ist jeder Ort, selbst Gras und Busch, dicht von ihnen besetzt; schon ihr Schwirren und Surren ist höchst lästig.