Sind die Ameisen, vor denen nur mit Mühe Genießbares geschützt werden kann, schon unangenehm, so treiben es die Fliegen noch zehnfach ärger, in Wahrheit muß man diesen Plagegeistern jeden Bissen erst streitig machen, der gegessen werden soll, vornehmlich von solchen Speisen, die Zucker und andere leicht flüssige Stoffe enthalten, wie Reis, Brotfrucht, Ananas u. s. w.
Geradezu eine Fliegenwolke schwebt über solchen aufgetragenen Speisen, selbst fortwährendes Abwehren scheucht diese gierigen Insekten nicht fort; machte es nicht die Gewohnheit und schließlich die Gleichgültigkeit, müßte sich Ekel und Widerwillen einstellen, Nahrung zu genießen, weil diese vom Unrath der Fliegen durchaus nicht freizuhalten ist.
Die Insel Boskaven, ein mächtiger, unzugänglicher Bergkegel, ist aller Wahrscheinlichkeit nach, gleich den anderen Inseln, wie Lette, Kao u. a., ein erloschener Krater, der in der Neuzeit jedenfalls noch in Thätigkeit gewesen ist. Menschen wohnen darauf nicht, auch hat wohl noch keines Menschen Fuß den steilen Gipfel dieser Insel erklommen. An der Südostseite soll im Schutze eines kleinen Riffes an einer vorspingenden Felsenkante eine schwierige Landung möglich sein und Fischer von Niuatobutabu wagen es, zu Zeiten sich dort aufzuhalten, nachdem sie mit ihren leichten Kanoes den breiten Meeresarm, der beide Inseln trennt, durchquert haben.
Basaltmassen, aus denen sie aufgebaut ist, steigen gleich steilen Wänden aus dem Meere auf, unterspült zum Theil von den brandenden Wogen, darüber aber, wo der das Pflanzenleben vernichtende Staubregen des Salzwassers nicht mehr hinaufreicht, hat sich an den sehr schrägen Flächen des Kegels ein starker Pflanzenwuchs entwickelt, welcher die Form und Lagerung der Gesteinmassen verdeckt, ein Zeichen, daß Eruptionen seit langer Zeit nicht mehr stattgefunden haben.
Mein Schiff war, wie erwähnt, inmitten des Riffes, in dem beschränkten Wasserbecken, gut verankert worden und lag wohl geschützt gegen die am Außenriff brüllende See. Aber da nach Verlauf von sieben Tagen der starke, nordwestliche Wind erst nachließ, der die ganze Osterwoche hindurch geweht hatte, durfte ich, obwohl längst segelfertig, es doch nicht wagen, in See zu gehen. Erst als günstiger Wind einsetzte, der stark genug war, das Schiff gegen die draußen anlaufende See durchzubringen, mußte ich Anstalten treffen und versuchen, die freie See zu gewinnen. Ohne Anstoßen am Korallenriff ging es in der engen Durchfahrt freilich nicht ab; eine unberechenbare Strömung, durch die einlaufenden Seen hervorgerufen, vereitelte alle Vorsicht. Dennoch gewann ich ohne Beschädigung das offene Meer, habe aber den Versuch nie wiederholt, sondern lieber vor dem Riffe mit zwei Ankern, diese klar zum Schlippen, Wind und See ausgeritten, um das Schiff nicht an den harten Kanten des Korallenriffes zu gefährden.
Von Niuatobutabu hatte ich weiter nach Niua-fu zu segeln, einer hohen Vulkan-Insel, die in etwa West-Nord-West-Richtung 120 Seemeilen von hier entfernt liegt. Es war mir schon in Apia mitgetheilt worden, daß das Auffinden des Ankerplatzes und der Station vor Niua-fu seine Schwierigkeit habe; auch soll man sofort absegeln, wenn nördlicher Wind und Seegang einsetze, da dort auf hartem Lavagrund die Anker nicht genügend Halt finden und ein Freikommen von der Küste sehr schwierig sei.
Vollauf fand ich denn auch diese Angaben bestätigt, als ich wenige Tage später unter der steilen, an Stellen mehrere hundert Fuß hohen Küste entlang segelte und hinter der etwas vorspringenden Nordost-Ecke nach der sehr hoch gelegenen Station nach einem Ankerplatz suchte. In der guten Jahreszeit, d. h. wenn der Süd-Ost-Passat weht, hat es keine besondere Gefahr, so nahe der Küste zu ankern; werden doch selbst große Segelschiffe hierher beordert, ihre Ladung Kopra aufzufüllen, allein in den Monaten Januar bis April machen häufig nördliche Winde ein Ankern und Landen hier unmöglich.
Diese Insel ist etwa 550 Fuß hoch und in ihrer ganzen Ausdehnung ein vollständiges Lavafeld; man sieht vom Meeresspiegel, wie sich Schicht über Schicht die fließende Masse gelagert hat und wie steile Abhänge gebildet wurden, indem die schon erkaltete Lava abgesprengt oder als noch zähe Masse übereinander geschoben wurde. Unregelmäßig, bald hier, bald dort, scheinen die Lavaströme sich aufgestaut oder über steile Abhänge ergossen zu haben, denn nach Gestalt und Form der Abhänge und Wände zu urtheilen, hat die glühende Masse sich nur langsam fortbewegt. Auch scheint die Ausdehnung und Dicke der fließenden Lava nur eine geringe gewesen, dafür aber desto häufiger vorgekommen zu sein. Der ganzen Natur nach müssen, da der Hauptkrater meiner Schätzung nach mit dem Meeresspiegel fast gleich liegt, die verschiedenen Ausflüsse und die Anhäufung der Lava von einer Anzahl parasitischer Seitenkrater herrühren, die von Zeit zu Zeit, da die ganze Insel als ein Vulkan zu betrachten ist, hier oder dort die Lavakruste sprengten und flüßige Massen ausströmten. Es muß dies als feststehend angenommen werden, denn heute noch befürchten die Eingebornen, es könne sich überall der Boden plötzlich öffnen; ich selbst habe Stellen gefunden und zwar nahe der deutschen Station, wo die fließende Lava die starken Kokosbäume mehr als sechs Fuß hoch umschlossen und vernichtet hatte.
Wie hier in der Nähe der deutschen Station, so habe ich auch an der Westseite der Insel Stellen gesehen, wo ebenfalls die blühende Pflanzenwelt zerstört wurde. Auch wird diese Insel sehr häufig von starken Erschütterungen heimgesucht, so daß die Eingebornen in steter Sorge leben müssen (die Alten erzählen von schrecklichen Zeiten, die sie durchgemacht haben). Etwas Unheimlicheres giebt es kaum, als zu fühlen, wie der Erdboden, auf dem man geht, durch heftige Erschütterungen wankt, also auf einem thätigen Vulkan zu leben, der mit furchtbarer Gewalt die Erdkruste zu spalten, Verderben und Tod auszustreuen im Stande ist.
Der letzte große Ausbruch hatte um das Jahr 1870 stattgefunden, wohlbebaute Flächen und Dörfer auf dieser etwa eine deutsche Quadratmeile große Insel wurden zerstört; die Bevölkerung, auch hier Tonga-Insulaner, ersuchte, von Furcht erfüllt, selbst vorüberfahrende Schiffe, sie aufzunehmen. Es sind auf der Insel keine, höchstens ein paar elende Kanoes vorhanden, mit denen auf der fast immer erregten See kaum eine Fahrt unternommen werden kann. Bin ich recht unterrichtet, so gab es sogar ein Verbot, das der Bevölkerung geradezu untersagte, sich Kanoes zu halten, denn es war vorgekommen, daß bei einem Ausbruche viele Bewohner sich aufs offene Meer hinauswagten, um dem Verderben zu entfliehen und da sie mit ihren gebrechlichen Nußschalen kein Land auffinden konnten, ausnahmslos ein Opfer ihrer Angst und Tollkühnheit wurden. Den schwankenden, von heftigen Stößen erzitternden Boden ihrer Insel verließen sie, um einen langsamen, qualvollen Tod auf dem Meere zu finden.