Daß dennoch Niua-fu gut bevölkert ist (es sollen 1200 Tonganer hier leben), muß der überaus reichen Vegetation zugeschrieben werden; ist doch die Fruchtbarkeit der verwitterten Lava so ungeheuer, daß überall, wo nicht jüngere Eruptionen weite Strecken zerstört haben, die Pflanzenwelt im reichsten Maße sich entwickelt hat, besonders gedeiht die Kokospalme hier in vorzüglicher Güte. Die größten Kokosnüße, die ich je gesehen habe, wachsen hier, deshalb ist der Ertrag an Kopra auch so bedeutend. Thatsache ist indes, daß die Furcht vor einem Ausbruche, dessen Ausdehnung niemand wissen kann, die Insel zeitweilig entvölkert, doch kehren die Einwohner immer wieder zurück, sobald die unheimliche Naturkraft ausgetobt hat und wieder Ruhe eingetreten ist.
Meine Ordre lautete dahin, hier auf dieser Insel das Schiff mit Kopra aufzufüllen und nach Samoa (Apia) zurückzukehren. Ich hatte demnach also den Versuch zu machen, trotz der ziemlich unruhigen See, eine Landung ins Werk zu setzen. Ein Eingeborner, der es gewagt hatte, mit einem kleinen Kanoe abzukommen, aber kenterte, erreichte schwimmend das Schiff und zeigte mir alsdann den sicheren Ankerplatz.
Der einzige Landungsplatz an dieser steilen, unzugänglichen Küste ist ein tiefer Spalt in den massiven Lava-Felsen, den rechts und im Hintergrunde hohe, senkrechte Wände umschließen, gegen welche die einlaufende See wild aufschäumt, während zur Linken eine zwar steile, aber niedrigere Wand mit einer Versenkung diesen einfaßt.
Da der Spalt nur so breit ist, daß ein Boot einfahren kann, so muß dieses stets an einem sicheren Tau, welches vor der Mündung verankert und hinten an der Lavawand um einen Felsblock befestigt wird, mit der See eingeführt werden. Zwei Mann haben nur darauf zu achten, daß sie das Boot stets recht auf der mit wilder Macht eindringenden Woge halten und ebenso, daß das mit großem Getöse zurückfluthende Wasser das Boot nicht herumreißt und zum Kentern bringt.
Ein vorspringender Lavablock an der linken Seite, längst von den ihn immerwährend umspülenden Fluthen geglättet und abgeschliffen, dient als Landungsplatz, auf den man aber ohne Hülfe nicht hinauf gelangen kann, außer wenn man den Sprung wagt, sobald eine einlaufende See das Boot so hoch gehoben hat, daß es mit dem Block in gleicher Höhe sich befindet. Wenn das Boot am starken Tau festgehalten wird, ist es natürlich, daß die See es mit Gewalt gegen den Block preßt und ein unablässiges Aufpassen der Leute ist nöthig, um ein Kentern zu verhindern. Halb am Felsen hängend, müßte sich sonst das Boot seitwärts umlegen, sobald die Woge, welche es gehoben, wieder niedersinkt.
Ein wildes Donnern und Brausen (man kann mitunter sein eigenes Wort nicht verstehen) erfüllte den Spalt und wie ein mächtiger Sprühregen fällt der hochaufspritzende Gischt mancher Woge von der Felswand zurück, an welcher sie ohnmächtig zerstäubt ist, um immer wieder das Spiel zu erneuern.
Will man zu dem etwa 350 Fuß überm Meeresspiegel liegenden Hause des deutschen Agenten gelangen, muß man auf Zickzackwegen die steile Höhe erklimmen; oben angelangt, kann der Blick frei über das endlose Meer schweifen, während zu Füßen die gewaltigen Formen erstarrter Lavamassen aufgehäuft liegen, bedeckt mit Aschenstaub oder sprießendem Gras. Große Erwartungen darf man an die Behausung eines so einsam lebenden Europäers nicht stellen. Ein solches Gebäude, nur aus Holz hergestellt, ist, dem Klima entsprechend, luftig und bequem, sonst aber baar aller Bequemlichkeit. Die einzigen Möbel sind ein paar Stühle und ein Tisch, alles andere hat sich der mehr oder weniger geschickte Bewohner aus Kisten und Kasten zusammengezimmert.
Die gefüllten Koprasäcke von solcher Höhe herabzutragen wäre sehr mühevoll, man pflegt sich aber damit zu helfen, daß über Einsenkungen und Vorsprünge des Felsbodens hinweg eine Lattenbahn zur Tiefe geführt wird, auf der, wegen ihrer Steilheit, die Säcke leicht niedergleiten können.
Ein unverzügliches Angreifen der Arbeit nach Ankunft eines Schiffes ist unter den obwaltenden Umständen hier eine Nothwendigkeit, man weiß nicht, was die nächsten Stunden bringen; eine nur gering zunehmende See macht oft der Arbeit ein Ende. Schwierig und namentlich für die Besatzung des Bootes gefährlich ist das Einschiffen der Ladung. Sicher sind die Leute erst, wenn die Oeffnung des Spaltes erreicht ist, denn oft genug wird das Boot von den einlaufenden Seen überschwemmt, und ist oft halb mit Wasser angefüllt, ehe es zum Schiffe gelangt. Gewohnheit aber macht ein Unternehmen weniger gefahrvoll. Um so mehr war ich erstaunt, daß anfangs meine Boote glücklich aus dem zischenden, brausenden Schlund herauskamen, mancher Zentner Kopra war bereits verschifft, da brachte mir unerwartet ein Bote die Nachricht, Boot und Ladung seien verloren. Sofort von der Höhe herab eilend, sah ich, wie frei von den Klippen die Mannschaft mit dem gekenterten Boote umherschwamm und bemüht war, dasselbe so längsseit des Schiffes zu bringen, was den Leuten auch nach langer Zeit gelang; in den Felsenspalt selbst aber tauchten die Eingebornen auf und nieder, um die gesunkene Bootsladung wieder heraufzuholen, indes gelang ihnen dies nur halb, da die einlaufenden Seen die Säcke gegen die Felsenwände warfen und diese sich öffneten oder zerrissen wurden. Veranlassung zum Kentern gab eine schwere See; das Boot wurde gegen den Felsblock gedrängt und schlug, während das Tau durch die Gewalt des Wassers den Händen des Mannes entrissen wurde, quer und war im nächsten Moment mit der Mannschaft und Ladung von der zischenden Wassermasse im brodelnden Kessel überspült. Das Boot zu retten, ehe es an die Felsenwand geschleudert und zerschellt wurde, war das Einzige, was die Leute thun konnten.
Da die Bevölkerung der Insel Niua-fu aus lauter Christen besteht, so ist die Heilighaltung der Sonn- und Festtage auch hier eingeführt und die Arbeit ruht. So konnte ich ungehindert dem Wunsche, diese Insel näher kennen zu lernen und namentlich den im Innern tiefliegenden Krater zu besuchen, nachkommen. In früher Morgenstunde, die erfrischende Kühle benutzend, stiegen mit mir der deutsche Agent und einige Eingeborne bergaufwärts. Wir folgten den Windungen der breiten, festen Wege, auf denen nur das Eine unangenehm war, der pulverisirte, feine Aschenstaub, der überall dick lagert und bei jedem Schritte aufwirbelte. Auf der Höhe fand ich die Kokosbäume nicht besonders schlank gewachsen, vielmehr hatten viele Stämme eine mehr oder weniger starke Neigung nach Westen, was auf den Einfluß des mitunter recht stark wehenden Südostpassates zurückzuführen ist, sonst war der Anblick der zahllosen Palmen, die Höhen und Abgründe bedeckten, großartig.