Der Weg führte uns bald am Rande eines senkrecht steilen Abgrundes hin, der hunderte Fuß tief, aber so mit Buschwerk bewachsen war, daß man nicht bis auf den Grund hinabsehen konnte. Nur eine Stelle gab es, wo man mühsam, an Gestein und Strauch sich haltend, hinabzusteigen vermochte, und als diese erreicht war, übernahmen die Eingebornen die Führung, denen wir, rückwärts rutschend, zu folgen hatten. In der Tiefe angelangt, zeigte sich ein großartiges Panorama, ringsum steile, unzugängliche Felswände. Inmitten dieses Randgebirges, wenn ich so die 4-500 Fuß steilen Wände bezeichnen darf, aber liegt ein weiter, tiefer See, aus dem sich drei Bergkegel erheben, die leicht rauchenden, zuweilen in Dampf gehüllten Krater.

Kann diese so ausgedehnte Senkung, in die wir hinabgestiegen waren, auch als der eigentliche Kraterkessel bezeichnet werden und jene drei Hügel als die thätigen Vulkane in demselben, so steht doch außer Frage, daß größere Ausbrüche seit langer Zeit nicht mehr stattgefunden haben, sondern höchstens starker Aschenregen ausgeworfen ist, der, wie wir gefunden, überall vertheilt lag. Bei einem stattfindenden heftigen Ausbruche würde die fließende Lava keinen Schaden thun können, diese würde vielmehr in den den weiten Krater umgebenden See fließen.

Betrachtet man diesen großen Kraterkessel mit seinen steilen Wänden, in welchem wir in aller Seelenruhe gemüthlich umherspazirten und uns am breiten, flachliegenden Ufer des Sees tummelten, so kann man nicht annähernd die gewaltige Kraft ermessen, die diese Wände aufgebaut hat, die hier einst gewaltet und alles verändern und zerstören wird, sobald sie sich hier im Centralpunkt äußern sollte.

Man muß wirklich die unheimliche Gewalt thätiger Krater gesehen, an solchen mit Schwefeldünsten und mächtigen Rauchwolken gefüllten Kesseln gestanden haben, um sich ein Bild davon machen zu können, mit welcher Furchtbarkeit auch hier Feuersäulen, Rauch und Gase emporgeschleudert worden sind. Was nun diesen salz- und schwefelhaltigen See anbelangt, dessen Wasser bitter und von keinem organischen Wesen belebt ist — so weit ich bei meiner flüchtigen Beobachtung das behaupten kann — so hat er einst bis an die steilen Lavawände herangereicht; ob aber allein Verdunstungen oder andere Umstände den Rücktritt der Wasser verursacht haben, mag dahin gestellt sein. Soviel ist erwiesen, daß die jetzt mit Strauch und Buschwerk bewachsenen Flächen unter Wasser gestanden haben, denn feines Geröll, abgestürzte Lavablöcke geben den Beweis dafür.

Es liegt eine wunderbare Kraft im Walten der Natur! Man glaubt todte, starre Oede dort zu finden, wo giftige Gase fast ununterbrochen den Schlünden thätiger Krater entströmen; hier aber blüht und wächst durch der Sonne Gluth, durch periodisch stark fallenden Regen, erfrischt durch nächtlichen, schweren Tau, selbst auf dem salzhaltigen, freigelegten Seegrunde eine üppige Vegetation. Das ganze Panorama, den See zu Füßen, dessen Wasser im Sonnenlicht wie flüssiges Silber glänzen, durch die Palmen gekrönten Höhen, den steilen, dichtbewachsenen Wänden, wird durch diese tropische Ueppigkeit ungemein verschönt. Das sonst schauerliche Empfinden, welches den Menschen befällt, wenn er sich hineinwagt in die Werkstätten der furchtbarsten Naturkraft, deren Hauch Land und Wasser erzittern macht, schwindet hier beim Anblick thätigen, blühenden Lebens.

Die Heilkraft des Wassers, von der die Eingebornen erzählten, wollte ich auch nicht unversucht lassen; schnell folgten wir Europäer dem Beispiele unserer nackten Begleiter und tummelten uns in dem warmen Bade, bis eine wohlthuende Ermattung eintrat; daß den beiden Hunden, die wir mit uns hatten, das Bad ebenso gut bekam, will ich nicht behaupten; den Thieren, die mehrfach in das Wasser geschickt wurden, um ein weit weggeworfenes Holzstück zurückzubringen, schien wenigstens der bittere Geschmack desselben nicht besonders zu behagen.

Bei näherer Untersuchung habe ich gefunden, daß die Wassertiefe dieses Sees überall schnell zunahm und nach der Schräge des Bodens zu urtheilen bis zur Mitte eine ganz beträchtliche sein muß, auch die Eingebornen bestätigten dies, sie gaben an, es sei in nicht großer Entfernung vom Ufer in weiter Runde kein Grund mehr zu finden, demnach wären also die drei Kraterhügel nur die über Wasser ragenden Kuppen vielleicht gewaltiger Vulkane.

In tiefster Ruhe, im Sonnenglanz gebadet, liegt der weite See, in ihm schlummern Gigantenkräfte! Wann werden diese wieder erwachen, Menschen zittern und Felsen erbeben machen! Wir standen hier auf einem Vulkan, wir wußten das, aber nicht, daß unter uns, rings in der Runde, die unterirdischen Geister erwacht waren, die die Feuer schürten, um solche wenige Monate später schon mit verheerender Gewalt über diese Insel auszuspeien.

Nicht so friedfertigen Sinnes wie heute waren die Tonga-Insulaner, als sie zuerst mit den weißen Männern in nähere Berührung kamen. Die erste Entdeckung dieser Insel erfolgte im Jahre 1643, dann wurden sie erst wieder 1773, also über ein Jahrhundert später, von dem berühmten Entdecker Cook aufgefunden, in der Folge dann von mehreren kühnen Forschern besucht, denen aber ihr langer Aufenthalt an einzelnen dieser Inseln, wie Tongatabu, Lefuka u. a. verhängnißvoll wurde.

Im Vertrauen auf die freundliche Gesinnung dieser Insulaner wurden die Europäer zu sorglos, dahingegen die Eingebornen aber, welche die Schwächen der weißen Männer bald genug erkannten, planten Tod und Verderben. Wohl entgingen viele Europäer dem geplanten Anschlag auf ihr Leben und waren noch stark genug, ihre Schiffe zu schützen und zu fliehen, manche aber haben ihre Achtlosigkeit mit Verlusten von Gut und Leben büßen müssen. Heute hat Gesittung den verrätherischen Sinn der Eingebornen geändert, sie kennen zur Genüge die Macht des weißen Mannes und diese Erkenntniß ist der beste Schutz.