Bei weiteren Reisen in der Südsee war ich insofern vom Glück begünstigt, als mir Gelegenheit gegeben wurde, auch die entlegensten Inseln der Samoa-Gruppe kennen zu lernen und dort Beobachtungen über Land und Bewohner zu machen. Auf solchen Fahrten zeigte freilich oft genug der gepriesene Stille Ozean ein recht unfreundliches Gesicht; widrige, stürmische Winde, gefährliche See, straften solche Bezeichnung Lügen. Ist man aber mit der wechselnden Eigenart der Witterung erst vertraut geworden, namentlich mit der unbeständigen, sogenannten schlechten Jahreszeit, so nimmt der Seemann alles ruhig mit in den Kauf und sucht dem Unfreundlichsten noch eine gemüthliche Seite abzugewinnen.
In freier See, wenn dem Schiffe keine Gefahren weiter drohten, als durch Wind und Wetter, war ich immer zufrieden, hier war des Menschen Können den Elementen gewachsen, wenn diese es nicht gar zu böse meinten, hingegen vor gefährlichen Riffen auf schlechtem Ankergrunde, wo das Schiff gefährdet lag, schlich sich recht oft die Sorge bei mir ein.
Kräftig hatte der Südost-Passat wieder eingesetzt, vor dessen Hauch das düstere Gewölk entfloh, das regenschwer oft genug über Land und Ozean gebreitet lag; ein dauernd heiterer Himmel lachte auf die blaue Fluth hernieder, deren schaumgekrönte Wellen sich im lustigen Spiele endlos jagten. Aufkreuzend gegen solchen steifen Wind und einer in Folge dessen recht bewegten See, brauchte ich, nach der Manua-Gruppe bestimmt, acht Tage, um die 130 Seemeilen lange Strecke von Apia bis zur Insel Ofu und Olosinga aufzusegeln; in Wirklichkeit aber hatte das Schiff annähernd 800 Seemeilen im Zickzackkurse zurückgelegt, ehe das Ziel erreicht war.
Durchzieht die langgestreckte Insel Tutuila ein mächtiger Höhenrücken, der wegen seiner Form und Steilheit unübersteiglich ist, eine Basaltformation von solcher Zerrissenheit darstellend, daß thatsächlich zwischen der Nord- und Südküste keine Verbindung besteht, so bieten die beiden kleinen Inseln Ofu und Olosinga fast noch ein verzerrteres Bild vulkanischer Wildheit dar. Die Massen dieser Inseln, steil und hoch, gleich senkrechten Wänden aus der Tiefe des Meeres aufragend, zeigen nicht die stumpfe Kegelform vulkanischer Bildung, sondern die zackigen Bergspitzen sind hier und dort durchbrochen und getrennt, als wären diese durch Gigantenhände aufgethürmt worden, sie scheinen das Ergebniß übergewaltiger Eruptionen zu sein. Diese unzugänglichen Spitzen und Zacken, gesprengte Lavablöcke, ragen fast 3000 Fuß hoch über dem Meeresspiegel empor, in Wirklichkeit starre Zeugen einer längst entschwundenen Zeit, die auch hier einst die unterirdischen Gewalten schaffen und zerstören sah.
An der Südseite der Insel Olosinga öffnet sich eine von Korallenriffen eingeengte Bucht, die durch vielzackige sehr steile Basaltfelsen abgeschlossen wird, namentlich sind drei spitze zusammenstehende Kegel auffallend und geben ein gutes Merkzeichen. Die große Wassertiefe in dieser Bucht bedingte es, daß ich sehr weit hineinlaufen mußte und erst ganz in deren Nähe Ankergrund fand; fast blieb für das Schiff kein genügender Raum frei von diesen zu schwingen, so nahe der Brandung war ich zu ankern gezwungen. Zudem war die Verbindung zwischen Schiff und Land nur zur Zeit des Hochwassers herzustellen, da das Riff ganz trocken fällt und nur während weniger Stunden des Tages, ebenso wie der Nacht, konnte Ladung an Bord geschafft werden.
Eine schmale Fläche Landes liegt nur zwischen Strand und steiler Felswand, noch dazu bedeckt mit großen abgestürzten Lavablöcken, zwischen denen die Hütten der wenigen Bewohner dieser Insel zerstreut errichtet sind; aber wie drohend und kahl auch die gewaltigen Felsmassen von der Höhe herabschauen, ihnen zu Füßen auf fruchtbarster Erde, ja selbst aus jedem Felsspalt blüht und sprießt eine reiche Vegetation. Vornehmlich gedeihen hier der Kokosbaum und die Bananen vortrefflich, jener der genügsam ist, reckt am Felsengrat sowohl wie am Strande seine stolze Krone in die Lüfte und das in solcher Zahl, daß es sich verlohnt hatte hier eine kleine Handelsstation anzulegen.
Die Händler an solchen entlegenen Orten, meistens Mischlinge, tauschen für geringe Waare den Ueberschuß an Nüssen von den Eingebornen ein und erzielen durch die Verarbeitung derselben zu Kopra für sich einen Gewinn, der ihnen sogar ermöglicht Ersparnisse zu machen, da ihre Bedürfnisse sehr gering sind. Zwei höchstens drei mal im Jahre versieht ein Schiff die Händler mit Tauschartikeln und holt die erhandelten Erzeugnisse ab, daher ist denn auch das Einlaufen eines Fahrzeuges immer ein Ereigniß von Bedeutung, sowohl für den Händler wie für die Eingebornen. In der Station Olosinga, die seit Kurzem durch einen von der Insel Tau hierher übergesiedelten Zwischenhändler errichtet war, schien hier ein weißer Mann kaum je gesehen worden zu sein, denn sowohl der älteste Greis wie der jüngste Sproß waren am Strande versammelt als ich landete und Neugierde mit auffallender Scheu gepaart, ließ sie die fremde Erscheinung anstarren; namentlich die Kinderschaar fürchtete sich und anfänglich genügte eine rasche Bewegung meinerseits schon die neugierige Menge auseinander zu treiben. Das kleine Haus des Händlers, mit dem ich den geschäftlichen Theil abzuwickeln hatte, war schon, noch ehe ich eintrat, voll von Menschen, so daß die Jüngeren herausgetrieben werden mußten, um Raum zu schaffen.
Angenehm ist solches Anstarren und Umdrängtwerden nicht, und mancher würde es höchst lästig finden; weiß man aber, daß barsche Worte wenig nützen, zumal den Erwachsenen gegenüber nicht, so erduldet man schon solche Unbequemlichkeit, bald kommt man auch zu der Ueberzeugung wie vortheilhaft es ist, da bald die Neugierde dieser Naturvölker gestillt ist, Vertrauen erweckt zu haben. Frauen und Kinder laufen nicht ängstlich davon, Männer gehen nicht mit scheelen Blicken an einem vorüber, das „talofa, ali,“ guten Tag, Herr, hat einen freundlicheren Klang; ich muß sagen, natürliche oder sogar erzwungene Ruhe, die ein Europäer zeigt, imponirt den Eingebornen am meisten.
In diesem Falle war es ein kurzer Sprung von auffälliger Scheu bis zur Vertraulichkeit. Der Händler wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt, seine Angaben schienen einigen Erwachsenen aber nicht zu genügen; diese wollten durchaus wissen, ob ich auf der Brust ebenso weiß sei wie im Gesicht und obwohl die Frage eigenthümlich genug klang, so war sie doch ernst gemeint, denn sie öffneten mein weißes Hemde und überzeugten sich selbst davon — das war ihnen genügend, befriedigt gingen sie fort. Nun war nach Verlauf einer halben Stunde die erst so große Neugierde aller gestillt; ein Anstarren, geschweige denn eine Belästigung kam nicht mehr vor, höchstens trat ein kleiner Bursche noch heran und wagte mich um ein Stückchen Tabak anzusprechen.
Zu den Pflichten eines Schiffsführers gehört es, stets für den Empfang einer Schiffsladung die Ladescheine zu zeichnen; so war es auch hier (gleichwie an anderen Orten war ich der einzige Europäer), es war meine Aufgabe, die zu empfangende Menge Kopra abzuwiegen. Schon um den Aufenthalt hier unter den gefährlichen Riffen abzukürzen, wurde die Verschiffung der Ladung auch während der Nacht bei lodernden Feuern, die immer von Neuem mit trockenen Palmenrippen angefacht wurden, ausgeführt. Dabei nun leisteten uns einige Kinder Gesellschaft, die es vorzogen wach zu bleiben, um die Feuer zu unterhalten. Unter diesen war ein etwa siebenjähriges Mädchen von auffallender Schönheit, wie ich noch keins unter farbigen Völkern gesehen; es mag sein, daß die leicht gebräunte Hautfarbe dies Kindergesicht so anziehend und interessant machte, so viel wenigstens kann ich behaupten, dieses Naturkind konnte mit seinen weißen Schwestern wetteifern und sich den Hübschesten seines Geschlechts an die Seite stellen. Manches hübsche Mädchen habe ich zwar unter den Samoanerinnen gesehen, ein solches aber, wie dieses in dieser weltentlegenen Gegend aufgewachsen, nicht wieder. Unter anderem erhielt ich noch Kenntniß von einem unterseeischen Vulkan, der sich an der Ostseite der Insel Olosinga befindet. Ich zog darüber Erkundigungen ein, erfuhr aber nur Folgendes: Die älteren Bewohner haben vor einer Reihe von Jahren einen Ausbruch desselben beobachtet, dabei aber nur leichte Erschütterungen des Bodens, sonst nichts Auffallendes wahrgenommen, und seit jener Zeit sei an der bezeichneten Stelle im Ozean weiter kein Ausbruch erfolgt. Immerhin ist das Vorhandensein eines solchen Vulkans, auch wenn ihn die Fluthen des Meeres bedecken, eine gefährliche Nachbarschaft und ein Zeichen, daß die Naturkraft fortbesteht, die diese gewaltigen Basaltmassen aufgethürmt hat, wenn auch längst die Krater dieser Inseln erloschen sind.