Hatte der Anblick dieser entfesselten Naturgewalt schon etwas Furchtbares, so wurde das grollende Rauschen, der gewaltigsten Brandung, dem dumpfen Rollen entfernter Donnerwogen vergleichbar, fast unheimlich. Meine Leute, Eingeborne der Samoa-Gruppe und der Insel Niue, erzitterten, und ich selbst konnte mich eines Schauders nicht erwehren. Die Sprache, möcht' ich sagen, ist zu arm, um das Empfinden bei solchem Anblicke wiedergeben zu können.
Jede Minute brachen fünf gewaltige Rauchmassen aus dem tiefen Schlunde herauf, abwechselnd ein schwererer, dann ein etwas leichterer Ausbruch, unter diesen war immer einer, der mit solcher Gewalt zum Himmel fuhr, daß erst in gewaltiger Höhe die geballte Rauchmasse sich vertheilte; kaum daß der starke Wind seinen Einfluß ausgeübt hatte, war schon die nächste aus dem rauschenden, zischenden Schlunde emporgefahren.
Mit diesem günstigen Südost-Winde, der mich, das wußte ich wohl, nicht im Stiche ließ, hätte ich es gewagt, so nahe als möglich heranzusegeln, obgleich die See, durch den starken Wind erregt, um mich schäumte und brüllte; es waren keine langgestreckten Wellen mehr, sondern ein Chaos weißköpfiger, tummelnder Wogen. Aber wie wohl ich bis zum Strande nirgends Brandung sah, fürchtete ich schließlich doch, daß mit der Insel auch Untiefen, die dem tiefgehenden Schiffe verderblich werden können, gehoben sein möchten.
Ich stand hoch oben im Vordermast und schaute scharf voraus, bis plötzlich ein Blick unter mir auf die brausende See mich erschauern machte; einer gewaltigen Stromkabelung nämlich gleich war die See, durch welche mit schneller Fahrt das Schiff sich Bahn brach. Noch wartete ich, obgleich ich nicht mehr als eine Seemeile vom Krater entfernt war, da geschah ein furchtbarer Ausbruch, um den Krater, der noch immer die schwarzen Massen scheinbar direkt aus der See herausschleuderte, hoben sich die Wogen, was ich mit einem guten Glase deutlich unterscheiden konnte, als wallten sie auf von einer gewaltigen Kraft zurückgeschleudert, das Meer erzitterte, und ich fühlte das Beben des Schiffskörpers. Nun war es genug, die Unruhe meiner Leute war zu groß, ich mußte fürchten, ein plötzlicher Befehl würde ungeschickt ausgeführt werden — in so unheimlicher Nähe einer solchen Naturgewalt hätten auch wohl andere Herzen gezittert — und „hart an den Wind“ durch das Zischen der See, durch das Brausen der Eruption, rief ich das Kommando. Da ich schwerlich von den Leuten verstanden wurde, war eine Handbewegung bezeichnender, unter dem Druck seiner Segel fuhr das Schiff herum und stampfte, seine Fahrt vermindernd, auf und nieder in dieser wild durcheinander laufenden Wassermasse.
Als ich aber die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß keine Gefahr vorhanden, die Erschütterung nur durch den heftigen Ausbruch verursacht worden war, vergrößerte ich den Abstand nicht, und hielt, überall frei Wasser auch vor mir sehend, wieder nach Norden ab, nur lief ich nicht näher heran. Bald wurde um das Schiff die See wieder ruhiger, lief wenigstens gleichmäßiger und als ich die Nordspitze bei gleichem Abstande umsegelte, hatte ich große Lust, hier im ruhigen Wasser, an der Westseite zu landen. Doch freiwillig wäre keiner meiner Leute in das Boot gegangen und, da ich als einziger Europäer — meinen Steuermann hatte ich in Apia für ein anderes Schiff abgeben müssen — mein Schiff nicht verlassen durfte, hätte der Anbruch des nächsten Tages abgewartet werden müssen, um eine genaue Ortsbestimmung vornehmen zu können, für diesen Tag war es zu spät.
Mit dem Lothe die Tiefe zu sondiren und vorsichtig heranzulaufen hätte uns solche Untersuchung, obgleich auf einer Seemeile Abstand noch kein Grund gefunden wurde, viel Zeit weggenommen; auch lag eine tiefe Dämmerung, verursacht durch die über die Insel getriebenen Rauchwolken, an der Westseite. Einer tiefschwarzen Nacht fuhr ich entgegen, es war, als läge in ihr das Verderben vor uns.
Diesen Plan gab ich auf, wendete und fuhr, beim Winde haltend, so weit wieder ostwärts, daß der Krater in seiner unheimlichen Schönheit vor Augen blieb. Bald kam der Abend, bald entzog die dunkle Nacht, da ich nun den richtigen Kurs wieder aufgenommen hatte, die Insel unsern Augen; nur der Krater spie fort und fort seine dunklen Massen empor, aber nicht mehr wie am Tage, wo das unterseeische Feuer nur hellgrau den Fuß der emporgeschleuderten Massen färbte, sondern jetzt glühte es, als wenn ein undenkbar gewaltiger Schlot seine Feuergarben zum Himmel sendete.
Wie schnell das Schiff auch vor dem Winde seines Weges zog, so verminderte sich doch nicht diese gewaltige Erscheinung, und während dieser langen Nacht wandte ich kein Auge von diesem grausig schönem Schauspiele. Erst die im Osten aufsteigende Morgenröthe eines neuen Tages, die, wer sie einmal in ihrer Pracht auf dem endlosen Meere gesehen, nie vergißt, und immer wieder sehen möchte, bleichte den Schimmer der Feuersäule und in der hier friedevollen Natur zogen wir beflügelt unseres Weges dem fernen Ziele entgegen.
Andere Schiffe nach mir haben diese Insel in Sicht gelaufen, aber viel größeren Abstand gehalten, nach den Berichten ist, soweit ich solche verfolgen kann, die Landmasse noch weiter gehoben worden, und der Krater noch lange in Thätigkeit gewesen; auch wird berichtet, daß am Südende später drei Dampfsäulen gesehen worden sind. Sehr leid hat es mir nachher gethan, daß ich nicht den nächsten Tag abgewartet und nach einer Möglichkeit gesucht habe, an der Nordwestseite eine Landung zu versuchen, nicht dem ersten Drange, die deutsche Flagge dort aufstecken zu lassen, gefolgt bin.
Meinem Berichte über den Ausbruch dieses unterseeischen Vulkans und die Entstehung dieser neuen Insel, scheint das deutsche Konsulat in Apia keine Bedeutung beigemessen zu haben, bekannt geworden sind nur Berichte von englischer Seite und der des deutschen Kriegsschiffes „Albatros“, das wenige Monate nach mir, am 21. Januar 1886, die neu entstandene Insel sichtete. Direkt von Tongatabu nach der Insel Niua-fu bestimmt, fand ich dort die ganze Bevölkerung in großer Aufregung, denn heftige Erdbeben hatten zur selben Zeit auch diese Insel erschüttert; ein Ausbruch wurde erwartet. Der Hauptkrater, die drei Hügel im See, rauchten heftiger, dennoch wurde hier kein Ausbruch vorausgesetzt, vielmehr befürchtet, an irgend einer anderen Stelle würde ein solcher erfolgen.