Sowie im Bereich der deutschen Handelsgesellschaft die ausgedehnte Tonga-Gruppe, früher auch die Vitji-Inseln, gezogen wurden, sind nördlich und westlich von Samoa in der Phoenix, Ellis, Gilbert-Gruppe, auf Una und Rotomah Handelsbeziehungen eröffnet worden und die Schiffe der Gesellschaft hielten auf diesem weiten Gebiet den Verkehr aufrecht. Verbindungen mit den Neu-Hebriden und Salomon-Inseln wurden ferner zu dem Zwecke unterhalten, um dort die Anwerbungen der so sehr benöthigten Plantagenarbeiter vorzunehmen, da der träge Samoaner sich zur dauernden Arbeit nicht bereit finden läßt. Ein Gemisch verschiedener Stämme, zu denen Rotumah- und Tapituwea-Leute (Gilbert-Inseln), sowie auch Marschall-Insulaner sich gesellen, findet man auf den deutschen Plantagen, und doch genügt oft die Arbeitskraft nicht, da nicht immer für heimbeförderte Arbeiter, nach Ablauf ihres dreijährigen Vertrages hinreichender Ersatz geschafft werden kann.
Die Marschall-Inseln und, im Zusammenhang mit diesen, die weite Karolinen-Gruppe und die Gilbert-Inseln bildeten in den achtziger Jahren getrennte Niederlagen für sich, gleichwie ein solches auch in Matupi (Neu-Pommern) errichtet war, unter Leitung von Beamten der deutschen Gesellschaft. Den Handelsverkehr hielten auf diesen Stationen, ebenso wie in Apia, die daselbst stationirten Schiffe aufrecht. Ablösungen der Schiffe erfolgten je nach Maßgabe der Verhältnisse, oder sobald sie reparaturbedürftig geworden waren, dem nur in Apia, der Hauptstation, abgeholfen werden konnte.
Aus dem Grunde schon, um meine Kenntniß über die Inselwelt des stillen Ozeans zu bereichern, begrüßte ich freudig die Weisung, mit einem anderen Schiffe auf den Marschall-Inseln stationirt zu werden, und im Anfang Januar 1886 segelte ich von Apia nach Jaluit, um erst nach Verlauf von zwei Jahren nach Samoa zurückzukehren.
Ziemlich nordwärts durch die Phönix-Gruppe ging mein Kurs, dem zu Folge die Marschall-Inseln weit westlich bleiben mußten, wenn keine oder nur schwache Aequatorialströmung vorhanden gewesen wäre; auch war es nöthig, wegen des nördlich vom Aequator zu erwartenden Nordost-Passatwindes, möglichst östlich von der Gilbert-Gruppe zu bleiben, um, sobald dieser einsetzen würde, mit freiem Winde die Fahrt des Schiffes zu beschleunigen; denn wenn diese Inseln in Lee blieben, wäre es zwecklos gewesen, gegen den starken Strom und Wind nordwärts zu kreuzen.
Wider Erwarten fand ich schon nördlich der Phönix-Gruppe einen starken Strom, der in 24 Stunden das Schiff 70-80 Seemeilen nach Westen versetzte, dessen Gürtel so schnell als möglich passirt werden mußte, wollte ich nicht in absehbarer Zeit gezwungen werden, mir durch die Gilbert-Gruppe hindurch einen Weg zu suchen. Zum Glück aber trat keine Windstille ein, der östliche Wind blieb beständig, wenn auch leicht, bis ich aus dem stärksten Strom heraus mit immer nördlichem Kurs die Insel Milli sichtete; ich hatte also in Wirklichkeit durch die Stromversetzung einen nordwestlichen Kurs gesegelt. Gerade drei Wochen waren vergangen, als ich den Bestimmungsort Jaluit erreichte, und begünstigt von anhaltend schönem Wetter die 1800 Seemeilen lange Entfernung in dieser Zeit zurückgelegt hatte.
Zum allgemeinen bessern Verständniß und, ehe ich zu einzelnen bemerkenswerthen Reisen durch die Marschall-Gruppe übergehe, scheint es mir angebrachter, vorher schon eine kurz gefaßte Uebersicht von diesen Inseln und deren Bevölkerung zu geben, um so mehr als besondere Eigenthümlichkeiten in der Bildung und Entstehung dieser Inseln zu erwähnen sind. Eine Gruppe verschieden geformter Atolls, oft von beträchtlicher Ausdehnung, umfassen, vom 4-12° nördlicher Breite und 166-172° östlicher Länge, die Marschall-Inseln ein weites Gebiet. Ihrer Bauart nach, sind es Randriffe der verschiedensten Bildung, die ein mehr oder weniger tiefes Korallenbett umschließen. Und wenn ich auf ihre Entstehung hinweisen soll, so haben wir die viel tausendjährige Arbeit der Korallenpolypen vor uns, die aus großer Tiefe Schicht auf Schicht bis zur Meeresfläche aufgebaut haben, und schwere See, Wind und Witterungseinfluß haben mit der Zeit zwar schmale, aber langgestreckte Inseln in beträchtlicher Zahl auf den Randriffen gebildet.
Die eigentliche Bezeichnung dieser Randriffe wäre Korallenwälle, da diese sehr steil bis zu einer großen Tiefe abfallen, und jeder Atoll erscheint wie ein langgestreckter, steiler Bergrücken, in einzelnen Fällen auch wie eine Bergkuppe, sofern man sich die thatsächliche Bildung des Meeresbodens vergegenwärtigt. Da nun die Koralle nicht tiefer als etwa 200 Fuß zu bauen beginnt, müssen in der That diese Erhebungen gleich Bergkuppen aus der Tiefe des Meeres aufragen, worauf als Grundlage die Polypen ihre Werke aufgebaut haben. Aber erwiesen ist es, daß die Korallenwälle viel hundert Fuß tief sich unter der Meeresfläche erstrecken, mithin kann der schichtweise Aufbau aus so bedeutender Tiefe nicht begonnen worden sein.
Es bleibt also nur die Annahme übrig, fast die Gewißheit, daß auch hier versunkene Höhen, besser gesagt Gebirgskuppen, das Fundament abgegeben haben, auf welchem die Koralle sich ansiedelte. Hätte nun nach erfolgtem Verschwinden der höchsten Bergspitzen ein Tiefersinken der Landmassen nicht stattgefunden, würden feste Riffflächen entstanden sein, auf denen sich im Laufe der Zeiten niedrige Inseln gebildet hätten, eine Bildung der heutigen Atolle würde naturgemäß dann nicht möglich gewesen sein. Einen anderen Anschein hingegen gewinnt es, sofern man der Vermuthung Folge giebt, daß, worauf ich schon hingewiesen, die ganze ausgedehnte Inselwelt des stillen Ozeans einst aus verschiedenen mächtigen Gebirgszügen, mit sehr zahlreichen thätigen Vulkanen bestanden hat, deren Kratersenkungen oft einen sehr bedeutenden Umfang gehabt haben müssen.
Wird dieses als erwiesen betrachtet, dann sind sämmtliche Atolls einst für lange Zeit noch über die Meeresfläche ragende Krater gewesen, Inseln, an deren Rändern die Koralle fortgebaut hat. Je tiefer die Kraterinseln langsam versanken und ein gänzliches Erlöschen der Vulkane die Folge war, ebenso schnell baute die Koralle fort und füllte schließlich die weiten Oeffnungen aus. Die Randriffe schon weit im Vorsprung konnten diese durch die bessere Ernährung der Polypen auch schneller anwachsen, aber der innere Aufbau und die allmähliche Auffüllung blieb zurück, was natürlich war, sobald das allmähliche Sinken der Landmassen aufgehört hatte, denn jetzt gestatteten die zusammenhängenden Randriffe den bauenden Polypen nicht mehr oder doch zum Theil nur, durch die von der Strömung offen gehaltenen Durchfahrten, die Zufuhr frischen Meerwassers und mit diesem frische Nahrung.
Die eine Gewißheit aber liegt bestimmt vor, ehe die heutige Beschaffenheit der Atolle herbeigeführt worden ist, sind große Zeiträume hingegangen, die alle Spuren der Entstehung verwischt haben.