Geht man von der Annahme aus, daß auffallende Veränderungen nicht mehr stattfinden, vor allem ein weiteres Sinken seit vielen Jahrhunderten unterblieben ist, dann müssen, da kein Stillstand im Schaffen der Natur eintreten kann, der einst sämmtliche Atolls durch die theils an der Innenseite, theils an den Außenriffen weiter bauenden Korallen geschlossen werden, wie es bei zwei kleineren Atolls in der Marschall-Gruppe bereits geschehen ist. Es werden, wenn dadurch auch der innere Aufbau der Korallen zum Stillstand gekommen ist, mehr oder weniger tiefe Wasserbecken zurückbleiben, die naturgemäß versumpfen müssen, sobald der vordringende Pflanzenwuchs festen Fuß faßt. Es ist erwiesen, daß starke Strömungen, wie solche durch den gleichmäßigen Wechsel von Ebbe und Fluth hervorgerufen werden, der Koralle am Weiterbau hinderlich sind, wenigstens nur langsame Fortschritte gestatten, dagegen findet man bei solchen Atolls, wo nur noch durch enge Zufahrten ein Zugang möglich, daß die Koralle diese von innen zu verbauen sucht. Begünstigt durch die immerwährend frische Zufuhr an reichhaltigen Nährstoffen, führen die Polypen in der Nähe der Durchfahrten allmählich kleinere Bänke auf, und bauen so weiter, bis jede Oeffnung im Randriff schließlich verschlossen wird, was bei den südlich liegenden Atolls zunächst zu erwarten ist.
Die Marschall-Gruppe bildet zwei nahezu parallel laufende Ketten von Insel-Atolls in Nord-Nord-West- und Süd-Süd-Ost-Richtung, die östliche die Ratock-, die westliche die Ralik-Gruppe; die Bezeichnung beider Ketten ist der Sprache der Marschall-Insulaner entlehnt. Die Ralik-Kette zählt 15, die Ratock- 14 Korallengruppen, unter denen sich einige kleinere Inseln befinden, die keine Atolle sind.
Soweit die geschichtliche Kunde reicht, soll bereits im Jahre 1529 der spanische Kommandant Alvaro de Saavedra einige Atolls gesehen und besucht haben; nähere Nachrichten liegen aber erst seit 1788 vor und zwar von den englischen Befehlshabern Marschall und Gilbert, nach denen auch die beiden großen Inselgruppen benannt worden sind. Trotzdem nun in den folgenden Jahrzehnten der stille Ozean mehr und mehr von Kriegs- und Kauffahrteischiffen befahren und erforscht wurde, sind doch nur spärliche Nachrichten von jener fernen Inselwelt zu uns gekommen; bisweilen meldeten sie auch von dort verschollenen oder ermordeten Schiffsbesatzungen.
So befand sich im Jahre 1824 der amerikanische Walfischfänger „Globe“ in der Nähe der Insel Milli, wo der größte Theil der Besatzung dieses Schiffes meuterte und landete. Es gelang zwar einigen von der zahlreichen Mannschaft, die gezwungen den Meuterern hatten folgen müssen, ihr Schiff wieder zu erreichen und die offene See zu gewinnen, auch waren diese, obschon es ihnen an Offizieren fehlte im Stande die Sandwich-Inseln zu erreichen; auf ihren Bericht hin wurde dann im folgenden Jahre der Schooner „Delphin“ ausgesandt, um wenn möglich die Meuterer zu ergreifen. Aber nur zwei ganz junge Leute, die keinen Antheil an der Meuterei gehabt, wurden noch lebend vorgefunden, alle übrigen waren von den Eingebornen erschlagen worden, weil diese die ihnen überlassenen Frauen roh behandelt hatten, sie verfielen der Rache der Eingebornen und ernteten so den Lohn ihrer Thaten.
1834 landete Kapitän Dowsett auf den Marschall-Inseln. Dieser unterhielt freundlichen Verkehr mit den Eingebornen und nichts befürchtend, landete er eines Tages, und ging allein in ein Dorf, nicht ahnend, daß inzwischen seine Mannschaft am Strande ermordet worden war. Die an Bord zurückgebliebenen, die den Vorgang mit ansahen, waren der Meinung, ihr Führer sei auch erschlagen worden. Sie lichteten sofort die Anker und entflohen. Als das Schiff nach Honolulu zurückgekehrt war, wurde sogleich die „Waverley“ ausgerüstet, um nach Kapitän Dowsett oder dessen Schicksal zu forschen. Es wurde aber nichts weiter gefunden, als einige dem verschollenen Kapitän gehörende Sachen, und sein, in die Rinde verschiedener Bäume eingeschnittener Name. Die Eingebornen, mit denen wohl schwer eine Verständigung erzielt werden konnte, erzählten, der Kapitän sei mit seinem Boote in See gegangen; jedoch der Führer des „Waverley“ glaubte ihnen nicht und ließ eine ganze Anzahl niederschießen. Darauf segelte das Schiff weiter nach Ponape, der größten Insel der Karolinengruppe, und lief auch die östlichste dieser Inseln, „Kusai“ an, hier aber ereilte alle das Schicksal, das Schiff wurde von den Eingebornen genommen und die ganze Besatzung getödtet. Späteren Nachrichten zu Folge hat Kapitän Dowsett noch im Jahre 1843 auf einer Insel in der Ralikkette, die er mit seinem Boote erreichte, gelebt, wahrscheinlich aber hat er von hier die Karolinen erreicht und ist auf einer dieser Inseln getödtet worden.
Ich könnte noch mehrere solcher Fälle anführen, wo an verschiedenen Inseln Schiffe genommen, oder der Versuch dazu gemacht wurde, selbst schiffbrüchige Seeleute wurden nicht verschont; noch im Jahre 1852 wurde vor der Insel Ebon ein Schiff erobert, dessen Besatzung der Rache der Eingebornen verfiel, weil Jahre vorher dort von Weißen ein großer Häuptling getödtet worden war.
Selbst auf Jaluit, der heutigen Hauptinsel, wurde, wie ich aus sicherster Quelle erfahren, wenige Jahre später ein amerikanisches Handelsschiff die „See-Nymphe“ genommen. Es ankerte in der Lagune unter der Insel „Medjado“, und, hier mit den Bewohnern Tauschhandel treibend, ließ sich der Führer hinreißen, einen Häuptling thätlich zu beleidigen. Die Folge war, daß dieser mit seinen Verwandten und seinem Anhang einen Ueberfall plante, der, sobald die Mannschaft des Schiffes wieder landete, ins Werk gesetzt wurde. Es heißt, der damals noch junge Kabua, der jetzige König in der Ralik-Kette, habe selbst den nichtsahnenden Schiffsführer auf seinen Schultern über das Riff getragen, andere Eingeborne trugen auf gleiche Weise die Besatzung zum Lande. Weit genug vom Schiffe entfernt, wehrlos in die Gewalt der Eingebornen gegeben, wurden die Ahnungslosen auf ein gegebenes Zeichen hinterrücks niedergeschlagen. Das Schiff wurde darauf ausgeraubt und es entging keiner dem Tode.
Die Ursache dieser Metzeleien, der so viele Unschuldige zum Opfer gefallen sind, ist in der Roheit zu suchen, welche die Führer amerikanischer Walfischfänger, die in diesem Gebiete reiche Beute erjagten, an Eingebornen verübt haben. Sie litten es, daß oft mit Gewalt den Eingebornen die Weiber entrissen wurden, auch verhängten sie ungerechte Strafen. Mehr aber noch haben die zügellosen Mannschaften solcher Schiffe, deren brutales Auftreten die Führer nicht zu hindern vermochten, verschuldet, und bitteren Haß gegen den weißen Mann in die Herzen der Inselbewohner gesät.
Schlimmer noch, sie hinterließen scheußliche Krankheiten, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbten, tausende hinwegrafften und ein gesundes Volk zur Verzweiflung brachten. Erst nachdem die Meerbewohner vernichtet, die Walfischjagden nicht mehr lohnend genug geworden waren, wurden die Marschall-Insulaner seltener belästigt. Als dann die Missionare kamen, (zuerst 1857 auf der Insel Ebon) predigten diese das Evangelium und fanden willige Hörer bei denen, die so oft ihre Hände in das Blut des weißen Mannes getaucht hatten; eifrig befolgten die Eingebornen die göttliche Lehre und vergaßen ihre Rachsucht.
Heute, unter deutschen Schutz gestellt, mögen diese Insulaner, die so manche gute Eigenschaft besitzen, aufathmen, und sich in Sicherheit, ihres Daseins freuen; aber leider ward mit der Zivilisation auch der Todeskeim ausgestreut, langsam, aber sicher geht diese Menschenrasse dem endlichen Verfall entgegen.