Eine Eigenthümlichkeit dieser Insulaner ist ferner, daß sie ihre Todten nicht der Erde, sondern dem Meere übergeben, wobei sie eine Ausnahme mit den Häuptlingen machen. Ist ein gewöhnlicher Mann gestorben, wird er in Matten fest eingehüllt und bereits am zweiten Tage mit einem Kanoe in die See hinaus geführt, wo, fern dem Lande unter Beobachtung einiger Zeremonien der Todte den Wellen übergeben wird. Ans Land wird die Leiche wohl sehr selten wieder angeschwemmt, dafür sorgen schon die zahlreichen Haie, welche diese als willkommene Beute ansehen und schnell genug damit aufräumen.

So lange die Beerdigung am Lande oder in der See nicht erfolgt ist, werden Klagelieder um den Todten gesungen, auch Tänze aufgeführt, dann aber ist es Sitte, daß die Verwandten die Hinterbliebenen besuchen und beschenken.

Die Grabstätten der Häuptlinge werden gewöhnlich außerhalb eines Dorfes angelegt, wenn möglich in Korallensand gegraben; ist das Grab zugeschüttet, wird der Hügel abgeflacht und mit Steinen glatt bedeckt. Unter Palmen und Gebüsch liegen solche Stätten, oft nur noch erkennbar an den Steinhaufen, aus denen als einziges Zeichen verwitterte Kanoe-Paddeln hervorragen, die der Todte einst geführt oder angefertigt hat. Einem Todten wird alles mögliche mit in das Grab gelegt, Eßwaaren, Tabak, Pfeifen, u. a. m., damit derselbe auf der langen Reise, die er angetreten hat, nichts entbehrt. Auf frischen Gräbern habe ich fast immer Tabak und Nahrungsmittel vorgefunden, die dem Todten gespendet waren, sie dienen freilich nur dazu, die zahllosen Ratten, die gierig über solche Speisen herfallen zu sättigen.

Eine gewisse Scheu hat der Eingeborne auch davor, die Gräber der Verstorbenen zu öffnen; da er glaubt, der Geist des Todten könne ihm Uebels thun, so läßt er sich nicht dazu bewegen. So ist die deutsche Station auf der Insel Jabor (Jaluit) auf einem verfallenen Kirchhofe erbaut worden, die Zeit hat aber alle äußeren Spuren verwischt und nichts mehr deutet darauf hin, daß hier vor langen Jahren die Angesehensten und Vornehmsten der Bevölkerung begraben worden sind. Ich wußte es auch nicht eher, als bis ich, mit der Aufrichtung eines hohen Flaggenmastes betraut, mit meiner Mannschaft die nöthigen Vorbereitungen dazu treffen wollte. Die Leute weigerten sich aus den angeführten Gründen, an der bezeichneten Stelle eine Grube zu graben, und, unnöthiger Weise einen Zwang befürchtend, entfernten sie sich, und kehrten erst zum Schiffe und ihrer Pflicht zurück, nachdem der Flaggenmast errichtet war. Sie ernstlich zu tadeln wäre thöricht gewesen, da sie sonst stets willig und gehorsam waren, und nur abergläubische Furcht sie hinweggetrieben hatte, worauf eben Rücksicht genommen werden mußte.

Als die Ausschachtung von Arbeitern der Station (Neu-Hebriden-Insulanern) vorgenommen ward, in der eine feste Mauerung aufgeführt werden sollte, um das Grundwasser vom Fuß des Mastes fernzuhalten, stießen diese auf ein Grab; vorsichtig ließ ich das gefundene Skelett freilegen und gedachte den Schädel zu erhalten, aber das vermoderte Knochengerüst fiel zusammen und da nichts davon verwendbar war, wurden die Ueberreste an einer anderen Stelle vergraben.

Wie im weiten Ozean, und namentlich unter den Riffen und Inseln viele Fischarten angetroffen werden, so sind auch die Lagunen sehr fischreich. Schillernd in den schönsten Farben findet man hier die merkwürdigsten Arten und Größen. Aber leider was das Auge erfreut, ist dem Magen nicht dienlich, der Genuß solcher schönen Meerbewohner bringt dem Menschen den Tod oder langes Seichthum.

Durch das klare Meerwasser bis auf den Grund schauend, sieht man auf wachsenden Korallenriffen ein wunderbares Gebilde, bunte Sträucher, kleine Bäume, schöne Blumen, ein bunter, blühender Garten dehnt sich in der Tiefe aus; Gewächse in einer Mannigfaltigkeit, wie sie auf der Erdoberfläche schwerlich könnten zusammengestellt werden. Und alles dies ist nur das Werk der unscheinbaren Korallenpolype, die die wunderbarsten Gebilde auf dem tiefen Grunde erbaut. Ein reges, ungeahntes und nie geschautes Leben herrscht weiter unten, vieltausend Thiere, nicht sichtbar für des Menschen Auge leben und weben in dieser verborgenen Welt. Stahlblaue Fischlein spielen umher, bald hier bald dort an einem Strauche oder einer Blume naschend; naht sich ein größerer Fisch oder erschreckt sie irgend etwas, fliehen sie im Nu in das Labyrinth der Pflanzenwelt, oder suchen Schutz und Deckung zwischen den Zweigen, unter den Aesten der vielgestaltigen Korallenformen, wohin kein Feind ihnen zu folgen vermag.

Das Wenige, was in dieser unterseeischen Welt sichtbar ist, die Schönheit derselben und ihre Bewohner, kann keine Feder schildern, selbst wenn man die Phantasie zu Hilfe nähme, würde man hinter der Wirklichkeit zurückbleiben. Stundenlang über den Bord meines Bootes geneigt, achtlos die Angel in der Hand, trieb ich oft über ein Korallenfeld, und ward gefesselt von der Schönheit dessen, was ich unter mir vorüberziehen sah. Geradezu Wunderwerke erbaut die Koralle, die nicht vergehen und die Zeit die rastlose Schaffenskraft der Natur, selbst zu Inseln gestaltet, auf denen der vergängliche Mensch, der Schöpfung vollkommenstes Wesen, leben und auch leiden kann — die Werke von Menschenhand verfallen, die der winzigen Polype bleiben bestehen!

Nicht selten ist unter dem Schönen und Schönsten, was die Natur erschaffen, ein bitterer Kern, ein Tropfen Gift enthalten; so birgt auch die Koralle, unter einer schönen Hülle, ein tödtliches Gift, das den Meerbewohnern, den bunt schillernden Fischen nichts schadet, diese selbst aber giftig und gefährlich macht. So finden sich denn unter der großen Zahl von Fischen viele Arten, die nicht gegessen werden dürfen; stets muß ein gemachter Fang dem Gutachten eines erfahrenen Eingeborenen unterbreitet werden, will der Europäer nicht Gefahr laufen, Gesundheit und Leben zu gefährden.

Trotzdem machen die Eingebornen den Versuch, die Beschaffenheit eines ihnen unbekannten Fisches durch Essen zu erproben, bezahlen diesen aber, da sie keine Gegenmittel haben, oft mit dem Leben.