Alle Kanoes haben an einer Seite einen Ausleger, ein dem Kanoe parallel gelegtes und dem Bau desselben entsprechendes Stück Holz, mit diesem durch eine Anzahl biegsamer Zweige, die über beide Seitenwände des Kanoes hinreichen, verbunden ist. Weit genug abstehend, dient dieser als eine Art Schwebe, ein Kentern der scharf gebauten Fahrzeuge wird dadurch verhindert; namentlich beim Segeln giebt er ein Gegengewicht ab. Bei großen Kanoes liegt der Ausleger oft 6-8 Fuß von der Bordseite entfernt und besteht aus einem schweren Holzstücke, das, an sich möglichst stark, durch Träger und schräg liegende Gegenstützen, am Kanoe befestigt ist. Auf solchen Trägern, d. h. den einzelnen Verbindungen mit deren Ausleger, die unter sich ebenfalls gut verbunden sind, findet man oft noch eine kleine Hütte erbaut, worin für mehrere Mann Raum vorhanden ist, sie dient dem angesehensten der Besatzung gewöhnlich als Aufenthalt. Auch wenn befürchtet wird, der starke Wind könnte durch seinen Druck auf das Segel das Kanoe trotz des Auslegers zum Kentern bringen, setzen sich außerhalb der Bordwand mehrere Insassen auf das Flechtwerk des Trägers, so daß durch ihr Körpergewicht ein gewisser Gegendruck erzielt wird.
Im ruhigen Wasser, oder in leicht bewegter See, sind diese Kanoes sehr schnelle Fahrzeuge. Ein europäisch gebautes Boot muß sehr gute Eigenschaften haben, wenn es eine Wettfahrt mit ihnen aufnehmen will, würde aber stets, sobald ein Ziel windwärts erreicht werden sollte, also ein Aufkreuzen gegen den Wind nöthig wäre, glänzend geschlagen werden; denn die scharf gebauten Kanoes mit ihren Mattensegeln liegen so dicht am Winde und werden dennoch so schnell durchs Wasser getrieben, wie es mit einem gewöhnlichen Boote nicht möglich ist. Ich habe in den großen Lagunen, Majuro, Arno, Malonlab u. a., wenn ich auf entfernteren Inseln in solchen Atolls kleinere Aufkäufe an Kopra oder Nüssen machen wollte, des öfteren diese Kanoes benutzt und muß bezeugen, flinkere Fahrzeuge habe ich bei keinem ungesitteten Volksstamme gefunden.
So praktisch der Ausleger aber auch ist, ja so nothwendig für größere Fahrzeuge, um das Segeln mit diesen zu ermöglichen, so wird er doch auf freier und bewegter See oft verhängnißvoll. Obgleich er nach Möglichkeit zwar festgefügt und durch Cajar mit dem Kanoe verbunden ist, so löst er sich doch und bricht jede Verbindung leicht und geht, wenn die Wellen unablässig diesen hin und her zerren, verloren. Da eine Ausbesserung kaum vorgenommen werden kann, so ist, sobald diese Stütze verloren gegangen, das Schicksal der Insassen eines Kanoes auch besiegelt. Und diese Gefahr liegt immer vor, sie wächst mit dem Winde und den Wellen.
Ich habe erwähnt, daß diese Proas sehr scharf gebaut sind, sie sind es aber nicht nur vorne und hinten, sondern auch längs des ganzen Kiels; was aber besonders von Verständniß und Nachdenken zeugt, ist die Form, welche solchen Kanoes gegeben wird. Beim Vorwärtstreiben durch Wind und Paddeln ist der Ausleger, der zwar ebenso scharf geformt ist, doch naturgemäß ein Hinderniß und würde ein Kanoe immer nach der Seite hin abweichen, an welcher sich dieser befindet. Diesem Uebelstande abzuhelfen, baut nun der Insulaner sein Kanoe so, daß die Seite, an welcher der Ausleger nicht angebracht werden soll, vom Kiel aufwärts bis zur Bordwand fast ganz flach verläuft, die andere dagegen ist erhaben ausgebaut. Natürlich ergiebt sich daraus, daß im Verhältniß zur Länge ein Kanoe nur sehr schmal sein kann, aber durch die flache Seite wird der Vortheil gewonnen, das tiefgehende Kanoe kann beim Segeln am Winde nicht oder nur sehr wenig abgedrängt werden.
Zudem bleibt der Ausleger stets an der Windseite, andernfalls würde durch den Druck des Segels das Kanoe sofort kentern; ein wenden, wenn eine andere Kursrichtung genommen werden soll, geschieht nicht, vielmehr wird das gehißte Segel nur von vorne nach hinten oder umgekehrt geschiftet. Der Mast, in der Mitte des Kanoes in einer Spur feststehend, wird vom Ausleger aus durch Cajartaue gehalten, ist aber beweglich, so daß er nach vorne oder hinten geneigt werden kann, was stets beim Umschiften des immer in der Spitze festgesetzten Segels geschehen muß. Das Tau, mit dem das an langer Raa befestigte Segel gehißt ist, dient gewöhnlich nach hinten zu dem Maste als Stütze, seltener sind noch Hilfstaue angebracht.
Ein Reffen, d. h. verkleinern der Mattensegel, sowie diese gebildet sind, ist nicht wohl angängig; wird der Wind zu stark oder überrascht eine starke Böe ein Kanoe, kann man nichts weiter thun, als das Segel einfach niederzuführen, oder frei im Winde peitschen zu lassen. Im ersteren Falle kommt es oft vor, daß das vom Winde aufgebauschte Segel ins Wasser zu liegen kommt, und wüßten die Eingebornen nicht so geschickt mit den Fahrzeugen umzugehen, müßte häufig genug, wenn die nicht selten äußerst heftigen Windböen einfallen, ein Unglück eintreten. Für einen Europäer wäre das Kentern eine unangenehme Sache, der Eingeborne dagegen macht sich nicht viel daraus, er bringt schwimmend sein gekentertes Kanoe wieder in Ordnung.
Die Mattensegel, stets dreieckig, sind aus einem Geflecht von Pandanusblättern hergestellt, das aus etwa zehn Zentimeter breiten Streifen besteht, die sauber zusammengenäht, dicht und biegsam sind.
Von Religion kann bei diesen Inselbewohnern eigentlich keine Rede sein; sie haben nur eine unbestimmte Vorstellung von einem höheren Wesen, welches ihnen Gutes und Böses zufügen kann, sonst sind sie wie alle ungesitteten Völker dem Aberglauben verfallen. Da sie nur wenige Ueberlieferungen besitzen, so beschränkt sich ihr Gottesdienst lediglich auf einige Gebräuche. Gewöhnlich wenn ein Unternehmen geplant ist, z. B. eine Reise, ein Kriegszug, wahrsagen weise Männer aus loderndem Feuer und das gute oder böse Vorzeichen ist für die Ausführung oder Unterlassung maßgebend; auch wird zum Weissagen ein zusammengefaltetes Pandanusblatt angewandt, man fängt an dem einen Ende zu kniffen an und benutzt die so gewonnene Breite als Maßstab für die übrige Blattlänge, bleibt nichts übrig, so ist es ein gutes Zeichen, im anderen Falle ein schlechtes.
Erklärlich ist, da Götter und Gottheiten nicht vorhanden, die Insulaner nur eine sehr beschränkte Vorstellung von einem höheren Wesen hatten, daß sie, als die Missionare unter ihnen erschienen, willig der neuen Lehre lauschten, und sich zu ihr bekannten. Das Ansehen der Missionare war groß; diese verwandten dann ihren Einfluß dazu, der Unsittlichkeit, der Vielweiberei und anderen Lastern entgegen zu treten, sie haben aber nur dort Erfolg gehabt, wo sie selbst ansässig waren, d. h. auf den südlicheren Atolls, als Ebon, Jaluit und Milli.
Anscheinend ist das Begriffsvermögen des Eingebornen nicht groß, er erfaßt bei weitem nicht alles, was ihm gelehrt wird, auch hat er nur eine unklare Vorstellung von allem, was außerhalb seines Gesichtskreises liegt, und nur das natürliche Empfinden von Recht und Unrecht ist bei ihm geschärft worden; er folgt zwar aus Furcht vor einer strafenden Gerechtigkeit nicht so willig mehr den natürlichen Trieben, erliegt aber trotzdem leicht einer Versuchung.