Wohl läßt sich erwarten, daß prinzipielle Fragen sich einer gesetzlichen Deportation entgegen stellen werden, indeß, mögen sich auch noch so große Einwendungen dagegen erheben lassen, eines ist sicher, dem in Freiheit gebornen, wenn auch verbrecherisch veranlagten Menschen, bringt nicht die Strafe, bringt nicht die enge Zellenhaft, sondern die goldene, wenn auch beschränkte Freiheit zur besseren Erkenntniß. Um nun zu begründen inwiefern die Deportationsfrage nicht so ohne weiteres als unausführbar abzuweisen ist, ziehe ich die Möglichkeit in Betracht, daß die einsamen sehr wenig bevölkerten und dem Weltverkehr entlegenen Marschall-Inseln als eine Heimstätte für schwerer Verbrechen wegen Verbannte angesehen werden könnten und zwar aus triftigen Gründen 1. als das Klima auf diesen Inseln als ein gesundes anzusehen ist; 2. die Ernährung, selbst für eine große Zahl, mit Leichtigkeit durchzuführen ist; 3. die Bewachung auf so einsamen von jeder Verbindung abgeschlossenen Inseln keine strenge zu sein braucht; 4. Feste Häuser unnöthig sind und nur Baracken des milden Klimas wegen in Frage kommen können. Sollten aber dennoch feste Häuser nothwendig sein, sind solche leicht durch das im Ueberfluß vorhandene Korallenmaterial herzustellen; 5. geregelte Thätigkeit wird durch Anbau von Kokosplantagen, Anpflanzung tropischer Gewächse als Taro, Arrowroot etc. der Züchtung von Schweinen und Hühnern und schließlich Bereitung der Kopra, der Herstellung von Matten und Tauwerk aus den Fasern der Kokosnuß etc. für zahlreiche Verbannte vorhanden sein und mit der Zeit sich aus Anpflanzungen Erträge ergeben, die die zweifellos anfänglich erheblichen Kosten reichlich decken werden.

Was speziell die Ernährung anbetrifft, die für einen Europäer besondere Beachtung verdient, so würde solche durch Zufuhr geeigneter Nahrungsmittel in Verbindung mit den leicht zu züchtenden und zu erhaltenden Schweinen und Hühnern eine ausreichende sein, zudem bietet der Ozean selbst durch seinen überaus großen Fischreichthum eine beliebige Abwechslung dar, und für keinen Kenner jener Koralleninseln kann ein Zweifel bestehen, daß dort nicht ausreichende gesunde Nahrungsmittel vorhanden sind. Anders freilich würde die Frage betreffs des guten Trinkwassers zu lösen sein, da das gefundene Grundwasser (durch Korallen filtrirtes Seewasser) auf die Dauer doch schädlich sein könnte, auch angelegte Cisternen in regenarmer Zeit nicht ausreichen möchten. Jedoch die Anlage von Condensatoren, die Seewasser in Süßwasser verwandeln, das auf großen Passagierschiffen fast ausnahmslos verwendet wird, würde jeden Bedarf decken.

Der berechtigte Einwand, den auf tiefer Kulturstufe stehenden Eingebornen sollte man nicht, um nicht das Ansehen der Europäer zu schädigen, den Transport gefangen gehaltener Weißer vor Augen führen, wird bei der Anlage einer Verbrecherstation auf den gedachten Inseln hinfällig. Denn wie erwähnt ist die Bevölkerung eine geringe und manche Korallen-Inseln sind fast unbewohnt auf denen aber nicht minder die Anlage von ausgedehnten Kokosplantagen möglich ist. Zieht man das Facit, so kann der Gedanke, auf einsamen Inseln der Marschall- resp. Browns-Gruppe Deportirte unterzubringen, durchaus nichts abschreckendes haben, zumal alle Vorbedingungen gegeben sind und neben der großen Entlastung der Zellengefängnisse käme der Vortheil dazu, daß mit einer verhältnißmäßig billigen Arbeitskraft ein Kulturwerk gefördert würde, das die Eingebornen niemals zu vollbringen im Stande sein werden; auf solche Weise der Werth der Marschall-Inseln für Deutschland ganz besonders gesteigert werden würde.


V. Reisen durch die Marschall- und
Karolinengruppe.

Wie erwähnt, weisen sämmtliche Atolls der Marschall-Gruppe dieselbe Eigenthümlichkeit auf, nur in Form und Größe sind sie verschieden; auffallend aber ist, daß fast bei allen die Leeseite der Atolle, d. h. also die, welche dem schweren Anprall der Ozeanwogen, die der oft sehr starke Nordost-Passat an diese Gestade treibt, nicht ausgesetzt sind, größere Landmassen aufweisen, hingegen an der Luv, d. h. Nordostseite, nur dort sich Anhäufungen von Sand und kleine oder größere Inseln sich finden, wo die Koralle ein weites mächtiges Riff erbaut hat. Ich habe nachgewiesen, daß Korallen-Inseln allein nur durch losgelöste Rifftheile entstanden sind, naturgemäß also die Wind- oder Wetterseite zuerst solche aufweisen müßte, daß dies nun auf diesen Atolls weniger der Fall, liegt daran, daß der starke Wind den von den Wellen gebildeten Korallensand hinwegfegt, über die Lagunen treibt und eine Anhäufung an der Leeseite begünstigt. Deshalb sind auch, mit wenigen Ausnahmen alle Stationen und Ansiedelungen der Weißen dort angelegt, zumal da dort bequeme Zugänge zu den Lagunen sich befinden, theils für die Schiffahrt günstiger Ankergrund vorhanden ist.

Da die Lagunen eine ganz beträchtliche Ausdehnung haben, zwischen 5 bis 70 Seemeilen lang sind, wird es erklärlich, daß in den Einfahrten sowohl bei Fluth, als auch Ebbe, eine starke und unter Umständen sehr starke Strömung vorhanden ist. Die Einfahrten im Jaluit-Atoll und auch in anderen sind gewöhnlich, weil sie nur schmal, für ein Segelschiff nicht zu passiren, so lange der Strom mit großer Kraft ein- oder ausläuft; erst kurz vor oder nach eingetretenen Stillstand, d. h. wenn Fluth oder Ebbe wechselt, sucht man ein- oder auszulaufen; und am besten ist es, wenn Durchfahrten auch bei niedrigstem Wasserstand noch tief genug sind, mit steigendem Wasser dies zu unternehmen; man sieht dann die Riffe besser und läuft auch keine Gefahr, wenn das Schiff an oder auf einem Riffe festkommen sollte, sitzen zu bleiben.

Im Jaluit-Atoll wird meistens die zwischen den Inseln Jabor und Enübor befindliche Südost-Passage, als Einfahrt, und die von hier nach Südwesten, zwischen Ai und Medjerrurik, liegende Passage, als Ausfahrt benutzt, seltener die Nordost-Passagen. Gegen widrige Winde diese engen Fahrstraßen zu benutzen ist für ein größeres Schiff schier unmöglich, ich habe es mit einlaufendem Strome öfter versucht, nie aber gewagt ein großes Segelschiff auf diese Weise, wenn ich in Jaluit anwesend, und zeitweilig als Lootse thätig war, ein- oder auszubringen.

Sehr häßlich ist es, wenn zwischen zwei Inselspitzen der vorher starke Wind plötzlich abflaut, oder sogar für den Augenblick entgegengesetzt weht; hat dann das Schiff keine genügende Fahrt oder ist sogar Gegenstrom vorhanden, ist die Lage für einen Führer oder Lootsen geradezu peinlich. Für den Schiffsführer der aus der Südwest-Ausfahrt von Jaluit segeln will, bedarf es einer genauen Kenntniß der Oertlichkeit, vor allem namentlich am Nachmittage, wo er die Sonne recht voraus hat, die das Wasser wie eine Silberfluth erscheinen läßt.

Als ich einst beordert war eine Bark hier hinaus zu lootsen, wurde der Wind zwischen den Inseln Ai und Medjerrurik still, die Untersegel schlugen back, während die Oberbramsegel noch den vollen Wind hatten und das Schiff trieb dem nahen Riffe zu. Nichts war dagegen zu machen, da aber jede Zögerung die Gefahr vergrößerte, so gab ich kurz entschlossen die nöthigen Befehle. Die Raaen flogen an den Wind, die klar gehaltenen Boote rauschten ins Wasser und wurden schnell voraus gebracht, nachdem das Schiff mit Tauen an ihnen befestigt war, ruderten kräftige Seemannsfäuste aus Leibeskräften, um das steuerlose Schiff wieder in Fahrt zu bringen. Bald half der stoßweise umspringende Wind, bald hemmte er, doch ging es langsam vorwärts, bis die Brise wieder mit voller Kraft einfiel und es ermöglichte, das Schiff zu regieren.