Dieses Verständniß der Navigirung nur war einst ein streng gehütetes Geheimniß erfahrener Häuptlinge. Der es den Weißen verrieth, büßte es mit dem Tode. Obgleich die Inselbewohner sich auf ihren Fahrten nach dem Stand der Sonne und des Nachts nach den Sternen richten, worüber sie zu ihrem Zwecke genügend Bescheid wissen, haben sie sich doch eine Seekarte angefertigt, die unzweifelhaft beweißt, daß sie über die Lage der einzelnen Gruppen sowohl, wie über Wind und Strömungen gut unterrichtet waren.
Diese Karte besteht nur aus geraden oder gebogenen dünnen untereinander verbundenen Stäben, auf denen an bestimmten Stellen die einzelnen Inseln durch kleine Muscheln oder Steine angezeigt werden, die gebogenen Stäbe geben den Strom oder auch den Seegang an, was gleichbedeutend mit der Windrichtung sein würde. Alle Atolle sind auf diese Weise bezeichnet, und die Abstände derselben von einander verhältnißmäßig ziemlich genau angegeben. Hieraus ersieht man, daß in früheren Zeiten ein reger Verkehr im Bereiche dieses Archipels stattgefunden hat, die Eingebornen von Insel zu Insel segelten und so ihre Kenntnisse erweiterten; die vor sehr langer Zeit einfach genug gewesen sind, z. Z. als die heutigen Atolle noch nicht vorhanden waren, oder doch deren Ränder noch hohe zusammenhängende Landmassen bildeten, die im Laufe der Zeiten erst gesunken. Keine oder nur sagenhafte Ueberlieferungen haben diese Eingebornen, von denen die eine Beachtung verdient, daß nach der vor langer, langer Zeit an Stelle der jetzigen Atolle hohe Inseln gestanden haben, aber welche Veränderungen hier stattgefunden, was ihre Vorfahren geschaut, darüber schweigt ihr Mund!
Der Namorik-Atoll, in Nordwest-Richtung etwa 70 Seemeilen von Ebon entfernt, ist einer der wenigen, die durch die Korallen schon geschlossen sind. Nur zwei langgestreckte Inseln, von einander durch Riffe getrennt, die früher den Zugang zur Lagune gestatteten, bilden die ganze Landmasse, sind aber ebenso fruchtbar und ertragreich, wie die Inseln des Ebon-Atolls.
Steile Korallenwände, an denen kein Ankergrund gefunden werden kann, heben sich aus großer Tiefe empor. Und wenig angenehm ist es für einen Schiffsführer, sich stets unter Segel hier halten zu müssen; oft habe ich daselbst tagelang an der Westseite unter Land kreuzen müssen, ehe mit Booten, die häufig am steilen Strande gefährdet sind, die Ladung abgenommen war. Wohl ist heute noch das Wasser in der Lagune klar und rein, da von außen über die Riffe hinweg der Ozean seine Wogen hineinspült und damit der noch langsam bauenden Koralle frische Nahrung zuführt; wird dies aber einst durch Anhäufungen von Gestein und Sand unmöglich, so muß durch die heiße Sonne eine Verdunstung und damit eine Versumpfung eintreten.
Diesen Prozeß hat bereits die von Namorik in Ost-Richtung etwa 65 Seemeilen entfernt liegende Insel „Kili“ durchgemacht. Eine Seemeile lang, ist die kleine Lagune schon vollständig umschlossen und ein großer Sumpf, in welchem die Pflanzenwelt Fuß gefaßt hat und überreich wuchert. Anfänglich war das Eiland unbewohnt, weil Kokospalmen und Pandanus nur spärlich vorhanden waren und einzig wilde Hühner und Schweine dort ungestört hausten; jetzt hat man mit der Lichtung des wilden Busches begonnen, und die Anpflanzung einer ausgedehnten Kokosplantage verspricht einen lohnenden Ertrag.
Die Insel ist ebenso steil und unzugänglich wie Namorik, nur am Südende erstreckt sich ein langes Riff in die See hinein, auf welchem stets schwere Brandung steht und beim Kreuzen unter Land einem Schiffe gefährlich werden kann. Auf diesem ging auch der, einst von mir geführte Schooner „Futuna“ gänzlich in einer dunklen Nacht verloren.
Solche Schiffsverluste sind gewöhnlich auf unbekannte Strömungen zurückzuführen, die vorherrschend sind oder zeitweise auch von den Winden hervorgerufen werden. Muß man sich des Nachts unter Land halten, um nicht zu weit abzutreiben und dadurch Zeit zu verlieren, so ist es immer nöthig, sich über die Stromverhältnisse erst Gewißheit zu verschaffen.
In dieser Hinsicht ist die auf 0° 25' Süd-Breite und 167° 10' Ost-Länge liegende Insel „Pleasant-Eiland“ besonders bemerkenswerth, da dort der starke Aequatorialstrom, sobald der Wind nachläßt, jedes Schiff hinwegführt und Tage auch Wochen hingehen, ehe die Insel wieder erreicht werden kann. Fast jedem Schiffe, das dorthin Reisen unternommen hat, ist diese Strömung verhängnißvoll geworden, auch mir, unter den sechs Malen, daß ich dort habe anlaufen müssen, in zwei Fällen.
Anfang April 1886 nach Pleasant-Eiland beordert, erreichte ich die Insel mit günstigem Winde schnell. Da auch hier nirgends Ankergrund gefunden wird, ist es Gebrauch, sich Tag und Nacht ganz dicht unter Land zu halten, vor allem nicht nord- oder südwärts über die Insel hinauszusegeln, sonst führt der starke Strom das Schiff mit sich fort und kann nur bei frischem Winde und ein guter Segler den verlorenen Abstand wieder gewinnen.
Die Insel ist sehr fruchtbar, daher auch die Kopraausfuhr recht bedeutend; aber eigenthümliche Verhältnisse unter der Bevölkerung schädigen den Handel sehr, da zwischen den Bewohnern der elf Bezirke fast fortwährend gekämpft wird, und das Niederschlagen der Palmen durch den Sieger, das Aufblühen dieses gesegneten Ländchens verhindert. Die Eingebornen waren anfänglich den Fremden feindlich gesinnt und haben lange der Niederlassung europäischer Händler widerstanden; erst als ihnen die Wirkung der Feuerwaffen, die namentlich von Amerikanern eingeführt wurden, bekannt war, gelang es einzelnen Fremden, dort Fuß zu fassen.