Im Innern dieser etwa 15 Seemeilen im Umfange haltenden Insel erheben sich zwei kegelförmige Krater, einige hundert Fuß hoch, die längst erloschen sind und auf deren verwitterten Lavafeldern sich eine überaus reiche Pflanzenwelt entfaltet hat. Selbst ein Kratersee ist vorhanden, in dem die Eingebornen Fische züchten; auch Höhlen sollen vorhanden sein, die wahrscheinlich durch vulkanische Erhebungen entstanden sind.
An jenem Tage, als ich die Nordspitze zum ersten Male umsegelte und dicht unter dem etwa 200 Meter breiten Riffe mich aufhielt, hörte man am Nordende der Insel fortwährendes Gewehrfeuer. Die Eingebornen waren wieder in einen Kampf verwickelt. Zum Glück wußte ich wie harmlos im Grunde genommen solche Kämpfe sind, daß es in der Hauptsache dabei nur auf zweckloses Knallen, wildes Geschrei und lautes Geschimpfe ankommt. Selten fällt ein Gegner, auch genügen einige Verwundungen, um die Kampflust zu befriedigen, und bald beenden feierliche Verträge, die nie gehalten werden, die Raufereien. Das Schlimmste dabei ist, daß die anfänglich zügellose Wuth dieser wilden Menschen den Europäer gefährdet, daher ist dessen Haus gewöhnlich eine kleine Festung, geeignet, im Nothfall sich dahinter zu vertheidigen; sie fürchten aber auch die Treffsicherheit des weißen Mannes und wagen es daher selten, Wunden oder Tod sich durch einen Angriff zu holen.
Ist ein Kampf eröffnet, so nimmt der ganze Stamm daran theil; auch wenn der Europäer selbst nicht gefährdet ist, kann er zu solcher Zeit keine Arbeiter erhalten, um Ladung in Empfang zu nehmen oder zu verschiffen.
So war es auch an diesem Tage. Der Superkargo, Herr Tuchtfeldt, ein Beamter der Gesellschaft, den ich abgesetzt hatte, theilte mir mit, daß nichts zu machen sei; ich hatte also zu warten, und unablässig mit vollen Segeln auf- und abkreuzend d. h. ich ließ das Schiff eine gewisse Strecke treiben und segelte dann wieder dem Lande zu. Als nun die dunkle Nacht hereinbrach, deren Schatten die Insel den Blicken entzog und es schwer wurde, den sichern Abstand vom Lande zu schätzen auch vor Mitternacht noch die Kraft des Windes nachließ, erkannte ich bald, daß die Fahrt des Schiffes geringer sei als der entgegenlaufende Strom.
Mehr und mehr verschwanden die dunklen Umrisse der Insel, und als der Morgen tagte, sah ich nichts mehr von dieser, nur vom hohen Maste aus entdeckte ich, weit im Osten noch einen dunklen Punkt. Fünfzehn Seemeilen hatte der Strom das Schiff schon nach Westen getrieben, und Tage, dachte ich, würden hingehen, ehe ich diese Entfernung mit frischem Winde wieder aufgekreuzt hätte. Ich konnte über Backbord Bug am meisten Ost gewinnen, deshalb segelte ich 24 Stunden in Südost-Richtung fort.
Hatte ich aber geglaubt, südlich weniger Strom zu finden, so war dies eine bittere Täuschung, denn ich ermittelte am nächsten Mittag, daß das Schiff einen Grad in Südsüdwest-Richtung versetzt worden war, mithin ein Strom von vier Seemeilen in der Stunde nach Westen lief. Eine solche Stärke des Stromes von dessen Vorhandensein ich ja Kenntniß hatte, kam mir unerwartet, doch brachte sie mich nicht in Verlegenheit, besonders da nichts zu ändern war.
Unter den Schiffsführern, die bereits abgetrieben waren, war wie ich später erfuhr die Ansicht verbreitet, daß man in solchem Falle nicht gegen den Strom kreuzen dürfte, sondern sofort über den Aequator hinauszukommen suchen müsse, weil man erst auf 4 bis 5 Grad nördlicher Breite mit dem Gegenstrome erfolgreich nach Osten aufsegeln könne. Daß ich dies nicht wußte, hat mir großen Nachtheil gebracht, denn als ich nun überzeugt, daß ich auf südlichem Kurse nichts gewinnen würde und wieder nordwärts auf Nordnordwest Kurs beim Winde lag, wurde dieser immer schwächer, so daß ich nur wenig Nord gewann. Am dritten Tage erst hatte ich wieder den Breitengrad der Insel Pleasant-Eiland erreicht, befand mich aber bereits 70 Seemeilen weit von dieser entfernt; was ich befürchtet und in dieser Gegend nicht selten ist, traf ein, der Wind wurde ganz still und auf dem spiegelglatten Meere, das kaum eine langgezogene Dünung bewegte, trieben wir unter der brennenden Sonnengluth immer weiter westwärts, mit einer Geschwindigkeit von durchschnittlich 72 Seemeilen in 24 Stunden.
Jeden Lufthauch, der hin und wieder aufsprang nutzte ich aus, um bloß aus dieser häßlichen Lage herauszukommen, denn am zehnten Tage (die Linie war wieder passirt) war das Schiff bereits 750 Seemeilen von der Insel abgetrieben worden. Am 14. Tage auf etwa ein Grad nördlicher Breite angelangt, fand ich keinen oder nur noch sehr geringen Strom, aber kein Wind wollte aufkommen; was aber das Schlimmste war, der Wasservorrath ging zu Ende; das Tagesmaß war längst schon so weit herabgesetzt worden, daß jeder Mann nur einen Tassenkopf voll per Tag empfing, und nach einigen Tagen war kein Tropfen mehr an Bord.
Der Grund, daß dieser Mangel eintreten konnte, war folgender: es hatte in Jaluit längere Zeit nicht geregnet, die Wasserbehälter, die das von den Dächern abfließende Wasser auffangen, waren fast leer, so ging ich mit wenig Wasser in See, fest darauf rechnend, in der Nähe des Aequators Regen anzutreffen. Die Wassernoth an Bord wurde schließlich sehr groß, hatte ich doch außer der Mannschaft noch 6 Eingeborne von Pleasant-Eiland mit mir, die während der Ladezeit als Arbeiter helfen sollten und vom Händler, damit er dieser Leute sicher wäre, sofort mit dem ersten Boote abgeschickt worden waren.
Um die Qual des Durstes zu stillen, durchsuchten die Leute alle Räumlichkeiten des Schiffes, wo eine Kokosnuß verborgen sein konnte, und in der höchsten Noth war ein Tropfen halb verdorbener Kokosmilch ein Labsal für uns alle. Die nächste Insel „Greenwich-Eiland“ sollte etwa 120 Seemeilen östlich von uns liegen, aber auch wenn ich Wind gehabt, hätte ich Tage gebraucht, diese niedrige Koralleninsel zu erreichen. So von Tag zu Tag hoffend, daß endlich eine Aenderung eintreten oder doch Regen kommen werde, suchte ich mit den schwachen Lüften, die das Schiff kaum eine Seemeile in der Stunde durchs Wasser trieben, nur nördlich zu kommen. War ich erst hoch genug und ständiger Wind wieder vorherrschend, konnte ich die nächste Insel in der Karolinen-Gruppe aufsuchen, fand ich voraussichtlich dort auch kein Wasser, so würden doch Kokosnüsse zu erhalten gewesen sein.