Regenschwere Wolken hingen am Horizonte schon tagelang, und wie sehnsuchtsvoll nach dem Himmelsnaß ausgeschaut wurde, daß jene Wolken heraufkommen und sich öffnen möchten, kann nur der ermessen, der qualvollen Durst gelitten hat und bereits die Verzweiflung in den Augen der Gefährten blitzen sah, die lechzend nach Wasser riefen.
Doch Gottes Hilfe ist am nächsten, wenn die Noth am größten. Drei Wochen waren hingegangen, da setzte ein frischer Ostwind ein, neue Hoffnung beseelte uns, in 36 Stunden konnte ich die Mortlok-Inseln erreichen, und alle Noth hatte ein Ende. Aber noch gnädiger war der Himmel, nach dem Winde kam bald der Regen und so reichlich, daß alle Behälter gefüllt werden konnten; die furchtbare Qual des Durstes war vorüber. An der Grenze der äquatorialen Gegenströmung, mit der ich jetzt auf etwa 4 Grad nördlicher Breite schneller ostwärts zu kommen suchte, fand ich verhältnißmäßig schlechtes und kühles Wetter vor, schwere Regenböen nöthigten mich häufig nur gereffte Segel zu führen.
Ueber fünf Wochen waren hingegangen, ehe ich wieder Pleasant-Eiland sichtete und diesmal mich drei Tage dort halten konnte. Ein besserer Segler, ein amerikanischer Schooner, war bald nach mir eingetroffen, derselbe trieb auch in den ersten Nächten ab, kehrte aber in drei Wochen wieder zurück und, da dies das einzige Schiff blieb, welches in diesem Zeitraum die Insel angelaufen, hatte der Vertreter der Firma dasselbe nicht zur Rückreise nach Jaluit benutzt, sondern auf meine Rückkehr gewartet. Somit fand ich denselben wohlbehalten dort wieder vor, wiewohl sich schon bei den Weißen die Ueberzeugung Bahn gebrochen, es müsse meinem Schiffe etwas zugestoßen sein; auch nach Jaluit zurückgekehrt, fand ich dort die Nachricht verbreitet, ich sei verloren gegangen.
Weitere Reisen nach der Ratak-Kette, zunächst nach dem Milli-Atoll, machten mich auch dort mit den staatlichen Verhältnissen bekannt. Bald sah ich, daß die Bewohner weniger Nutzen von der vordringenden Civilisation gehabt hatten, als die der Ralik-Kette. Während erstere die monarchische Regierungsform zur Einigung geführt und Auflehnungen einzelner Häuptlinge verhindert hat, hat auf der Ratak-Kette die Herrschsucht der Häuptlinge viele Unzuträglichkeiten geschaffen, vor allen wenn zwei oder mehrere sich in den Landbesitz eines Atolls zu theilen hatten.
Vielfach fand ich auch um Dörfer und an den Grenzen einzelner Besitzungen, gerade oder in Kreisform aus Korallensteinen aufgeführte Mauern. Diese bilden die Grenzscheide, wo gelegentlich Belagerer, die immer die stärkeren sind, und Belagerte zusammentreffen. Es ist kein Kriegführen, nur ein Zerstören, als das Gebiet des Unterliegenden außerhalb der Mauer vernichtet wird. Selten, wiewohl die Eingebornen bereits europäische Waffen in Menge besitzen, selbst die Häuptlinge die besten Hinterlader haben, fällt aus Zufall ein Gegner von einer verirrten Kugel getroffen. Fertigkeit im Zielen haben sie noch nicht erlangt, was ein Glück ist, denn hätten sie diese, so würden sie, mit ihrem scharfen Gesicht sehr gefährliche Gegner sein.
Eigenthümlich ist, daß der Belagerer fast nie die Mauer zu nehmen wagt und ein Handgemenge möglichst vermeidet, eher versucht der Belagerte nächtliche Ausfälle, freilich ohne dabei etwas zu gewinnen. Der Streit endet gewöhnlich durch Uebergabe oder Aushungern, auch durch freiwilliges Abziehen des Stärkeren, der bei der Zerstörung der Palmen und Pandanusbäume sein Müthchen gekühlt hat; nicht selten aber auch durch so unvernünftige Handlungen eine Hungersnoth heraufbeschwört.
Helden sind die Männer alle nicht, sinn- und zweckloses Schießen ist ihnen die Hauptsache, mehr noch das gegenseitige Beschimpfen und die Aufführung kriegerischer Tänze. Nicht genug aber, daß verschiedene Häuptlinge sich auf einem Atoll bekriegen, sie rüsten sich auch mit ihren Proas Kriegszüge nach anderen Atolls zu unternehmen. Noch im Jahre 1885 zogen von Majuro 16 Kanoes mit 300 Mann unter Lailik aus um einen Häuptling auf Aurh zu bekriegen. Diese große Zahl Menschen ist aber niemals dort angekommen, obwohl der Abstand beider Atolle nicht besonders groß ist, sondern nur etwa 70 Seemeilen beträgt, es müssen Wind und Strömungen sie vertrieben haben, wenigstens wurde nie wieder etwas über das Schicksal dieser Schaar bekannt. Ich fand einmal sechs Monate nach jenem Aufbruche zwischen den nördlichen Atolls einen Theil eines großen Kriegskanoes treiben, theilte dieses den Händlern später auf Majuro mit und die Eingebornen entnahmen aus dieser Mittheilung, daß sie nun völlig ihre Angehörigen als verloren zu betrachten hätten.
Unter den Häuptlingen der Ratak-Kette war der angesehenste der verstorbene Kaibuke, dessen Neffe Leaugnat über Milli herrschte, andere, der junge Kaibuke, neben dem Häuptling Jiberik herrschte auf Majuro, auf Maloebab, Murijil; außer diesen war noch eine ganze Anzahl kleinerer Despoten vorhanden, die durch persönliche Zänkereien die Entwicklung der Inseln hinderten und auf einem Atoll oft solche Zustände schufen, daß jahrelang ein Verkehr einzelner Stämme untereinander unmöglich ward.
Zwar ist nach der Besitzergreifung der Marschall-Atolle durch Deutschland entschieden Wandel geschaffen worden, das Erscheinen der großen Kriegsschiffe, oft innerhalb der ausgedehnten mit Untiefen besäeten Lagunen, hat gewaltigen Eindruck gemacht. Jetzt, wo eine neue Obrigkeit vorhanden, haben die Privatkriege zu unterbleiben, jetzt gilt nicht mehr das Recht des Stärkeren, sondern die Streitigkeiten müssen vor das deutsche Gericht gebracht werden. Mancher Häuptling, der die Einmischung der Weißen in seine Angelegenheiten, d. h. in die eines muthwillig herbeigeführten Streites, unbequem fand und widersetzlich wurde, hat zum eigenen Nachtheil empfinden müssen, daß Verletzung der Pflichten und Gewaltthätigkeiten schwer geahndet werden.
Von Apia aus hatte ich einen langjährigen Diener des Herrn Konsuls Weber an Bord, ein Marschall-Insulaner, mit Namen Angenang, der in seine Heimat zurückbefördert werden sollte und so lange an Bord die Pflichten eines Kochs zu versehen hatte, bis sich Gelegenheit gefunden, ihn auf Milli abzusetzen. Es hatte diesem im Dienste der deutschen Gesellschaft so gut gefallen, daß er mit dem Plane umging, seine ganze Verwandtschaft zu beeinflußen, ebenfalls auf drei Jahre sich nach Samoa zu verpflichten. Als sich nun die Gelegenheit bot, den Milli-Atoll anzulaufen, erhielt ich Weisung die Anwerbung der freiwillig sich Meldenden an Bord vorzunehmen. Mehrere Tage in der Milli-Lagune hin und her segelnd, (es waren allerlei Förmlichkeiten mit einzelnen Häuptlingen zu erledigen) landete ich schließlich im Nordosten unter der Insel Ennanlik. Nicht lange währte es, bis sich einige Familien, Männer und Frauen, im ganzen 26 Personen, bereit fanden, auf einige Jahre nach einem fernen, unbekannten Lande auszuwandern, das freilich im Gegensatz zur öden, wenig fruchtbaren Korallen-Insel ein Paradies war.