Den Abschied zu verkürzen, der endlos zwischen den Scheidenden und den Zurückbleibenden zu werden drohte — viel Herzlichkeit, wie ich solche den Eingebornen kaum zugetraut, zeigten sie gegen Verwandte und Eltern — beschleunigte ich die Abreise und befand mich am ersten Abend bereits weit von Milli entfernt, als sich ein Vorfall ereignete, der Schiff und Mannschaft, sowie Fahrgästen einen schrecklichen Tod hätte bereiten können.
Da wenig Ladung Kopra im Raum war, hatte ich, um die kaum bekleideten Menschen Nachts nicht unnütz an Deck frieren zu lassen, auf alten Segeln eine Lagerstatt bereiten lassen. Aber anstatt die Ruhe zu suchen, unterhielten sie sich nach alter Gewohnheit, dabei war ihnen die Dunkelheit im Schiffsraume wohl nicht genehm, sie suchten also aus ihrem wenigen Gepäck eine einfache Petroleumlampe, von deren Vorhandensein ich nichts wußte, hervor und zündeten sie an. Lampe und Brennmaterial war recht schlechte Waare, von Händlern auf Milli eingetauscht, von deren Gefährlichkeit diese Naturkinder natürlich keine Ahnung hatten, und so kam es, daß die auf den Kopra gesetzte Lampe umfiel und explodirte.
Schon waren nach 8 Uhr Abends längst die Wachen abgelöst. Die Wache an Deck hatte ihre Posten, Ausguck und Ruder bezogen, und unter dem sternenklaren Himmel einer friedevollen Nacht herrschte völlige Ruhe auf dem einsam durch den Ozean ziehenden Schiffe. Da plötzlich ein gellender Aufschrei, ein helles Aufblitzen einer Feuerwelle — wie ich vom Hinterdeck aufgesprungen bin und im Augenblick die Größe der Gefahr erkannt habe, wußte ich nachher selber nicht. Die Männer, welche vor den Frauen die befestigte Leiter emporkletterten, stieß ich mit Gewalt zurück und sprang, der von allen Seiten herbeistürzenden Mannschaft befehlend, mir zu folgen, mitten unter die vor Schrecken gelähmten Menschen.
Zum Glück war nur die Hauptluke geöffnet geblieben, kein Luftzug regte die Flammen an, der von hinten wehende Wind trieb den schnell entwickelten beißenden Qualm zum leeren Vorraum; da glücklicher Weise die Lampe auf unbedeckten Kopra, von den Sachen und der Schlafstätte der Leute, weit entfernt aufgestellt gewesen war, so brannte auch erst das umhergespritzte Petroleum allein und von diesem mit entzündet der oelhaltige Kopra. Als einziger Europäer an Bord, (ich hatte nur einen Insulaner als Bootsmann, Lajibid, da es eigentliche Steuerleute nicht gab, vielmehr oft genug solchen Posten irgendwo entlaufene Matrosen, die das Schicksal bis hierher verschlagen, ausfüllen mußten) galt es zuerst die im Hinterraum zusammengedrängten Frauen herauszubringen, was ich schnell dem Lajibid übertrug, während ich mit den inzwischen ebenfalls herabgesprungenen Leuten die Schlafmatten ergriff, und solche ausgebreitet in das Feuer schleuderte, um es etwas zu dämpfen. So erreichte ich es, daß die nackten Leute, welche sich sonst der entwickelten Gluth nicht nähern konnten, muthig vordrangen und so schnell Matte auf Matte deckten, daß diese selbst nicht anbrennen konnten, auf die Weise wurde das Feuer erstickt.
Ueber dem Feuerheerde wurden dann alte Segel ganz ausgebreitet und nun, da hilfreiche Hände genug vorhanden waren, (den Milli-Leuten ließ ich nicht lange Zeit sich zu besinnen) wurden Ströme Wasser mit Eimern oder mit dem was gerade zur Hand war ausgegossen. Nachdem dann dem furchtbaren Rauche durch Oeffnen aller Luken Abzug geschafft war, wurde schnell mit Schaufeln, freiliegende Kopra haufenweise über Segel und Matten aufgeschüttet; als auch diese wieder durchnäßt war, war nach mehrstündiger Arbeit jede Gefahr beseitigt.
Welch ein Schicksal aber wäre uns beschieden gewesen, wenn wir des furchtbaren Elementes nicht Herr geworden wären! Nicht die Hälfte der Leute hätte ich retten können, das einzige Boot würde mit 20 Menschen schon bei bewegtem Seegange überladen gewesen sein und ehe es möglich geworden wäre Land zu erreichen, — Jaluit lag noch annähernd 120 Meilen vor uns, zurück gegen Wind und See zu rudern war ausgeschlossen — wären wir sicher eine Beute der Haie geworden wie alle anderen.
Selbst für den mit allen Gefahren der See vertrauten Seemann — Gefahren von denen der Landbewohner sich nichts träumen läßt — sind solche Augenblicke schrecklich, vor allem für einen Führer, der weiß, daß Menschenkraft im Kampfe gegen drei Elemente erliegen muß. Er selber harrt auf seinem Posten aus und stirbt, wenn er das Schicksal der ihm anvertrauten Wesen nicht mehr wenden kann, aber er weiß auch, daß die, die sich vielleicht auf Trümmern gerettet, einem grausamen Geschick verfallen sind.
Solche Gedanken geben einem Menschen übernatürliche Kräfte und Fähigkeiten — die Gefahr liegt vor ihm, Tod oder Leben hängt von seiner Entschlossenheit und seinem Können ab — und mit dem Muthe der Verzweiflung stürzt er sich ihr entgegen, um die Planke zu schützen, auf der er steht, die ihn und die Gefährten über die blau schimmernde Tiefe, über den Ozean trägt.
Nach Jaluit zurückgekehrt, fand ich dort mein früher geführtes Schiff, das von Apia hierher beordert worden war, als Ablösung vor und hoffte schon die Milli-Leute nach Samoa bringen zu können; indeß ich hatte nur die Schiffe zu wechseln und befand mich bald wieder auf einer Monate langen Reise durch die Karolinen-Gruppe. Da die Mannschaft, Niue-Leute, für längere Zeit an Bord zu verbleiben verpflichtet war, so hatte ich nun wieder eine geübte Besatzung.
Ich muß mich darauf beschränken von dieser ausgedehnten Gruppe hoher Vulkan-Inseln und zahlreicher Korallen-Atolle ein begrenztes Bild zu entwerfen und kann nur aufrichtig bedauern, daß den zur Kolonialarbeit wenig tauglichen Spaniern diese reiche Inselwelt zurückgegeben war und über ein zukunftreiches Gebiet die entfaltete deutsche Flagge wieder eingezogen wurde. Die Atolle der Karolinen, zwar nicht an Umfang denen der Marschall-Inseln gleich, sind aber doch ebenso reich an Erzeugnissen wie diese, auch meist in größerer Ausdehnung bebaut, da die Bevölkerung zahlreicher ist.