Der freie Mann duldet kein Unrecht, Blut allein ist die Sühne dafür; bin ich recht unterrichtet, so ist unter diesen Eingeborenen die Blutrache weit verbreitet, auch heute noch ersteht in manchen Familien immer wieder ein Rächer für die beleidigte Ehre oder für das einst vergossene Blut.
Unter sich, im Verkehr mit einander und im Familienleben sind die Eingeborenen gütig und liebevoll, ganz anders als im Verkehr mit dem Fremden, dem gegenüber sie nicht selten sich unfreundlich und abstoßend zeigen; sie haben nur zu wohl dessen Selbstsucht begriffen, daher treten sie auch kalt und zurückhaltend ihm entgegen. Wohl findet der Europäer überall in den Hütten Schutz und Obdach, Speise und Trank und konnte zu jener Zeit unbelästigt wandern, wohin er wollte, aber solche geübte Gastfreundschaft ist nicht selbstlos, der Gastgeber erwartet stets eine Entschädigung, die seiner Mühe entsprechend ausfallen muß, und zwar ein Gegengeschenk, das in seinen Augen werthvoll genug ist.
Von kräftigem Körperbau, stehen die Männer nach Gestalt dem Weißen nicht nach, ebenso ist Klugheit ihnen nicht abzusprechen; auch gewisser Wissensdurst macht sich bei ihnen bemerkbar, und solche, die Gelegenheit gefunden, andere Länder und Völker zu sehen, stehen bei ihnen in hoher Achtung. Dennoch scheint die eingedrungene Gesittung niederdrückend auf das jetzige Geschlecht eingewirkt zu haben, sei es auch nur, daß sie mehr und mehr grollend, sich in sich selbst zurückziehen. Die große Fruchtbarkeit, welche diese hohen vulkanischen Inseln aufweisen, ist durch reichlichen Regenfall bedingt. Ueber der Gebirgsmasse lagert sehr oft ein dichter Wolkenschleier, der vorübergehend heftige Regenschauer herabsendet. Im Jahresdurchschnitt sollen nur 97 schöne, klare Tage vorkommen, 155 bedeckt mit Regenschauer und 72 Tage ständiger Regen.
Selten sind elektrische Ansammlungen, Blitz und Donner, und nach dem Glauben der Eingeborenen besucht dann ihr Gott „Ani“ die Insel und kündet seine Nähe durch zuckende Blitze und rollenden Donner an.
Ganz auffallend ist, wie wenig Ueberlieferung bei diesen Volksstämmen vorgefunden wird, nichts vernimmt man von großen Thaten, nichts von hervorragenden Häuptlingen; das Leben und Wirken früherer Geschlechter ist einfach ausgewischt, selbst im Gedächtnisse der Alten. Ob so geringe Theilnahme vorhanden, ob wirklich nichts Wichtiges in Sagen und Gesängen zu überliefern war, steht dahin, jedenfalls ist das, was an Ueberlieferungen vorhanden ist, so gering und unbestimmt, daß kein Schluß daraus auf das Vorleben dieser Stämme zu machen ist. Nur die Steine reden, wo der Menschen Mund schweigt — gewaltige Bauten, heute noch ausgedehnte Ruinen, stehen als Wahrzeichen einer längst entschwundenen Zeit und bezeugen die Thatkraft und Klugheit, welche den vergangenen Geschlechter innegewohnt hat. Woher sie stammen, darüber fehlt jede Spur; so staunend der Europäer die gewaltigen von Menschenhand errichteten Werke betrachtet, ebenso kopfschüttelnd und zweifelnd steht der heutige Eingeborene vor den Werken seiner Vorfahren. Die Antwort, die ich auf meine Frage erhielt, wer diese gewaltigen Mauern und Bauten aufgeführt habe, wie es möglich gewesen sei, Felsblöcke so übereinander zu thürmen und genau in passende Lage zu bringen, war; daß habe Niemand gethan; vor langer, langer Zeit habe ein schöner junger Mensch, ein Gott, in den Bergen gewohnt, der habe zu den Steinen gesagt, sie sollten sich aufeinander legen und so wären diese Mauern und Bauten entstanden.
Ich ging durch die Ruinen von Kusai, als ich diese Antwort erhielt; der Eingeborne, der sie mir gab, schien mir einer der aufgeweckteren zu sein, überzeugen aber ließ er sich von der Nichtigkeit seiner Angaben nicht und ich erhielt damit den Beweis, daß diese von den Vorfahren aufgeführten Werke heute von den Nachkommen als etwas Unnatürliches angesehen werden.
Aus gleicher Veranlassung müssen sowohl auf Ponapè wie auf Kusai vor Jahrhunderten diese Bauten errichtet worden sein und demselben Zweck gedient haben, da die Lage und Wahl des Ortes auf beiden Insel die gleiche ist. Diese am Metalanim-Hafen auf Ponapè und im Lela-Hafen auf Kusai liegenden Ruinen erzählen eine Geschichte, mit Felsentrümmern aufgeführt, mit Steinen geschrieben und sind eine Ueberlieferung aus der großen längst entschwundenen Zeit eines einsichtigen Volkes. Die Eingebornen, von einem einheitlichen Willen einst beherrscht und geleitet, haben wahrscheinlich diese sowohl zur Vertheidigung wie zum Wohnsitz geeigneten Bauten aufgeführt. Weniger auffällig wäre es, wenn aus kleinerem Gestein solche mächtigen Mauern, die große Quadrate umschließen, aufgeführt worden wären. Das ist aber nicht der Fall, Felsstücke von ungeheurem Gewichte sind aufeinander gethürmt; Zwischenräume mit kleineren ausgefüllt; 20 Fuß hoch und 12 Fuß breit liegen Gesteinmassen in dieser Höhe, die mit ungewöhnlichem Aufwand von Kraft und Geschick hinaufgeschafft sein müssen.
Selbst wenn man annimmt, die mächtigen Blöcke seien auf schrägliegender Unterlage aufgerollt worden, so fehlt doch die Erklärung dafür, auf welche Art diese an Stelle geschafft wurden, zumal da auf der Insel Lela die Steine erst über eine weite Wasserfläche haben geschafft werden müssen. Möglich ist auch, daß die Eingeborenen die so großen und schweren Felsstücke auf Flöße gerollt und weiter geschafft haben, aber dann müssen solche auch eine ganz bedeutende Tragfähigkeit besessen haben. Jedenfalls muß der Gedanke, daß dies alles ohne unsere heutigen Hülfsmittel ausgeführt ist, jeden, der diese Bauten gesehen, in höchstes Erstaunen versetzen. Jedes Quadrat in den Ruinen ist durch Gänge mit einander verbunden, es führen lange Kanäle zum Wasser, und an der Südseite von Lela münden diese in eine Art von künstlichen Hafen, dessen Umrisse zwar noch erkennbar, doch zum größten Theil durch Anschwemmungen verwischt und mit Mangrovengebüsch bedeckt sind. Uebrigens, als der Aufbau dieser Steinmassen vor nicht festzustellenden Jahrhunderten begonnen, ist die heute verschwemmte weite Bucht des Lelahafens bis zum Fuße der Bergmassen auf der Insel Kusai frei gewesen, heute erstrecken sich dagegen in der Runde große ausgedehnte Mangrovensümpfe, durch die nur einige wenige Wasserstraßen führen, und sind höchstens mit einem Kanoe bis zum festen Lande befahrbar.
Ein Beweis dafür, welch ein gewaltiger Zeitraum hingegangen ist, seit diese Werke ausgeführt wurden, ist, daß das Innere der Ruinen sowohl, wie selbst die Steinwälle vollständig überwuchert sind. Hohe Bäume stehen auf den Mauern, tief sind deren Wurzel ins Gestein eingedrungen und haben selbst die mächtigen Blöcke durch ihr Wachsthum auseinander gesprengt. Wie lange diese Ruinen als einstige Residenz der Könige gedient haben, sei dahingestellt, sie wurden schließlich ein Mausoleum der großen Todten und sind heute noch die Grabstätte der „Tokesau“ (Häuptlinge).