Die Insel Kusai, die östlichste der Karolinen-Gruppe, unterscheidet sich von Ponapè nach Form und Größe, sowie dadurch, daß das diese Insel umgebende Riff bei weitem nicht die lagunenartige Bildung aufweist, sondern mit dem Lande mehr verbunden bleibt, und nur größere Ausdehnung an der Nordwest, Nord und Nordostseite hat. An der ersteren, durch einen Durchbruch im Riff, wird dort der Coquille-Hafen, an der letzteren durch die Insel Lela „Nin-molchon“ von den Eingebornen genannt, der Lelahafen gebildet, während im Süden durch Inselchen auf dem Riffe selbst, durch eine Einbuchtung der Felsenmassen, die hiervon umgeben sind, der kleine aber sichere Lottin-Hafen entstanden ist.
In jeder Hinsicht stimmen sonst die beiden Inseln überein, was von der einen gesagt, gilt auch von der anderen; dieselbe Großartigkeit der wilden Natur, dieselbe Unzugänglichkeit zu dem Innern und zu den steilen Bergen, wie auch dieselbe furchtbare einstige vulkanische Thätigkeit.
Vorauszusetzen ist, daß auf dieser so fruchtbaren Insel eine ebenso zahlreiche Bevölkerung gelebt hat, wie auf Ponapè; selbst im ersten Drittel dieses Jahrhunderts war die Zahl der Bewohner noch mehr als doppelt so groß wie heute. Früher sollen sogar nach Angabe der ältesten Eingebornen viel tausende rings auf der Insel gelebt und gewohnt haben. Die einst zahlreich genug waren, stark bemannte Schiffe zu nehmen, und im heißen Kampfe die gut bewährten weißen Männer zu überwältigen, sind heute nur noch ein kleines Häuflein Menschen, 300 an Zahl.
Furchtbar hat eine schreckliche Seuche, eingeschleppt durch amerikanische Walfischfänger, unter dieser Bevölkerung besonders gehaust. In absehbarer Zeit wird auch der letzte Bewohner Kusais bei seinen Vätern versammelt sein, denn keine menschliche Hilfe kann dem Aussterben derselben mehr halt gebieten.
Schrecklich war es solche Kranke zu sehen, noch schrecklicher ihnen mit Rath und That beizustehen. Manchem verband ich die Wunden, andere lehrte ich wie solche rein zu halten und zu behandeln sind. Dafür waren sie auch sehr erkenntlich; lag ich im Hafen von Lela, wurde mir von Fischen, Schweinen und Schildkröten immer ein Antheil vom Könige Keru, der mit christlichem Namen Georg II. hieß, an Bord gesandt. Es ist nämlich Gebrauch, daß alle Speisen für den König sowohl, wie für die Angesehensten insgesammt, bereitet werden, diese werden dann vor das Haus des Königs gebracht und dieser bestimmt jedem seinen Theil.
Sehr unterwürfig sind die Unterthanen gegen ihren mit unbeschränkter Gewalt ausgerüsteten König, keiner wird unaufgefordert dessen hochgelegenes und kunstvoll aufgebautes Haus betreten, tief verneigt sich jeder Vorübergehende; hat einer aber ein persönliches Anliegen, kniet er auf der untersten Stufe der Treppe, die zum Hause hinaufführt nieder und bringt in solcher Stellung sein Anliegen vor. Des Königs Ausspruch ist Gesetz; so oft ich auch bei solcher Gelegenheit im Königshause anwesend war, fand ich dies bestätigt.
Durch beiderseitiges Entgegenkommen stand ich mit dem Könige und den Häuptlingen auf besonders gutem Fuße, was darauf zurückzuführen war, daß ich auch ihnen unentgeltlich Arznei gab, ihre Wunden verband und Schmerzen linderte. Sie lohnten mir dafür mit den Erzeugnissen des Landes, oft brachten sie mir so viel, daß meine Leute kaum alle Nahrungsmittel zu verzehren im Stande waren. Bei einer solchen Gelegenheit erhielt ich Kenntniß von einem merkwürdigen Aberglauben. Ich war im Lelahafen eingelaufen, und da ich Wassermangel an Bord hatte, fuhr ich sofort mit einem Boote durch das Mangrovengebüsch den Fluß hinauf zum festen Lande um die mitgenommenen Fässer auffüllen zu lassen. Im Flußbett bemerkte ich auf klarem sandigen Grunde viele Aale, die aber zu gewandt waren, als daß sie mit den Händen zu greifen waren, nur ein mächtiges Thier von 4 Fuß Länge, dessen Schwanz wahrscheinlich von einem Hai abgebissen war, konnte sich nur mühsam fortbewegen. Diesen Aal im flachen Wasser zu ergreifen wäre zwecklos gewesen, deshalb befestigte ich, um ihn doch zu erhalten, ein starkes Messer an einer Stange, stieß dieses dem Aale durch den Kopf und nagelte ihn am Grunde fest. Bald waren die Kräfte des Thieres erschöpft, und es gelang die Beute zu sichern.
Zurückgekehrt zum Schiffe, fand ich dort eine ganze Zahl Eingeborner, auch Häuptlinge versammelt, die wieder Geschenke gebracht hatten; kaum aber hatten die Niue-Leute den großen Aal, den sie essen wollten, an Deck gebracht und aufgehängt, als die Eingebornen zum großen Theil auffällig verschwanden, ohne ihr Anliegen vorgebracht zu haben. Ich las in aller Mienen Abscheu und Furcht, und einen Häuptling befragend, warum sie sich vor solchem todten Thiere fürchteten, sagte er mir, daß in den Aalen, die von niemand gegessen werden, der böse Geist sich aufhalte, und wer solches Thier tödtet oder gar davon ißt, wird sicher gestraft.
Dieser Ausspruch war genügend, um die gewiß von thörichtem Aberglauben erfüllten Niue-Leute stutzig zu machen; sie ließen den Aal, dem sie die Haut schon abgezogen hängen, und wiewohl ich sie thöricht und unklug schalt, wollte doch keiner mehr etwas damit zu thun haben, viel weniger davon essen; es blieb nichts anderes übrig als den „bösen Geist“ über Bord zu werfen, worauf dann erst die in ihren Kanoes wartenden Eingebornen an Bord zurückkehrten.
Bemerkenswerth ist, daß Hundefleisch als besonderer Leckerbissen auf Ponapè gilt und werden Hunde dort gerne eingetauscht und gemästet. Ich hatte gelegentlich einmal einen elenden alten Hund, der mir von Eingebornen der Marschall-Inseln angeboten wurde, angenommen, um das Thier nicht elendiglich verkommen zu lassen; da es aber gar nichts werth, dazu bissig und häßlich war, so nahm ich in Ponapè das Angebot, es für zwei große Schweine abzugeben, an, zufrieden auf solche Weise den Hund loszuwerden, dem keiner nahen durfte und der mit Vorliebe seine Zähne in die nackten Beine der Leute einzugraben liebte.