Der Fang solcher Riesenschildkröten, der in mondhellen Nächten ausgeführt wird, ist nicht so ganz ungefährlich, gewandt und schnell muß man dabei verfahren, das Thier von der Seite am Panzer zu fassen suchen und es auf den Rücken werfen. Um nicht durch Bisse oder die scharfen Krallen verwundet zu werden, bedienen sich die Eingebornen gewöhnlich bei großen Thieren starker Stöcke, die sie unter den Brustpanzer schieben und so das Thier umzuwerfen versuchen, das auf ebenen Boden dann unfähig ist, sich wieder umzuwälzen und zu entkommen.

Bei Gelegenheit meiner zweiten Anwesenheit auf Ujelang wurde einer großen Schildkröte nächtlicherweile aufgelauert, deren Brutstätte bekannt geworden war, es gelang uns wirklich, das mächtige Thier abzufangen. Nachdem das Thier mit schweren Knütteln getödtet war, wurde ihm der Brustpanzer mit scharfen Messern abgelöst; neben dem fetten wohlschmeckenden Fleische fanden wir 140 reife Eier vor, die kugelrund und mit einer weichen, lederartigen Schale umgeben sind. Letztere werden als besondere Leckerbissen angesehen, doch fand ich, daß sie, gekocht oder gebraten, einen etwas strengen Geschmack haben; wenn auch sehr nahrhaft, so sind sie doch nicht frischen Hühner- oder Enteneiern gleichzustellen. Diese Schildkröte wog etwas über 500 Pfund, doch waren auf Ujelang schon größere und schwerere gefangen worden. Zieht man bei solchen Thieren ihr langsames Wachsthum in Betracht, so müssen solche Meerbewohner ein hohes Alter erreichen.

In keinem Atoll habe ich so viele ausgedehnte Riffpatschen gefunden wie gerade hier, deshalb hat das Hindurchwinden mit einem Schiffe seine Schwierigkeit, ehe man von der Hauptdurchfahrt aus die Insel Ujelang erreicht. Mir fehlte es stets an Zeit und Gelegenheit nachzuforschen, ob die Angaben der Bewohner, im Westen der 12 Seemeilen langen Lagune steigen zeitweilig heiße Dämpfe auf, wahr seien, was auf vulkanische Thätigkeit schließen lassen würde. Daß solchen Angaben etwas Richtiges zu Grunde liegen müsse, daran zweifelte auch der deutsche Händler nicht, besonders deshalb, weil die Bewohner nur ungern den westlichen Theil der Lagune aufsuchten; hat dort jedoch wirklich eine unterseeische Kraft sich geäußert, so liegt ein stattgehabter Ausbruch doch jedenfalls eine Reihe von Jahren zurück.

Von Ujelang segelte ich geradewegs nach Kusai zurück, holte dort die 16 vertriebenen Gilbert-Insulaner ab und brachte sie mit ihrem Boote nach Jaluit, von wo sie später mit einem anderen Schiffe in ihre Heimath zurückbefördert wurden.

Es war gegen Ende des Jahres 1886, als ich von der Karolinengruppe zurückkommend Kusai auf dem Rückwege anzulaufen hatte, um dort vom Könige Georg eine alte Schuld einzufordern, die aus einem Quantum von 20000 Pfund Kopra bestand. Ich lag allein im Lela-Hafen und weilte gerade auf dem höchsten Punkte der Insel, Nin-moschon, als von Eingebornen der Ruf erscholl ein „Schiff in Sicht“. Wirklich kam von Norden mit schneller Fahrt ein in diesen Gewässern nicht oft gesehenes Fahrzeug, ein Dampfer, heran. Als dieser näher gekommen war, erkannte ich ein deutsches Kriegsschiff, das dem Anscheine nach im Lela-Hafen einlaufen wollte. Ehe ich aber vom Berge herab an Bord meines Schiffes gelangen konnte, hatte es vor der Einfahrt beigedreht und nur ein niedergeführter Kutter nahte sich mit raschen Ruderschlägen. Das Boot fuhr geradezu zum Hause des Königs, es landete ein Offizier mit mehreren der Bootsbesatzung und, noch erstaunt, was der plötzliche Besuch zu bedeuten habe, sah ich bald nach kurzer Verhandlung mit dem Könige und den Häuptlingen, wie mit kräftigen Axtschlägen das deutsche Protektoratsschild niedergeschlagen wurde.

Für uns Deutsche in dieser weltentlegenen Inselwelt, die stets der Ansicht waren, daß die einmal gehißte stolze deutsche Flagge nimmermehr würde niedergeholt, die reichen Karolinen-Inseln für alle Zukunft ein Theil des deutschen Reiches bleiben würden, war die unerwartete Rückgabe derselben an ein Volk, das sich nie um den beanspruchten Besitz und um sein zweifelhaftes Recht gekümmert hatte, ein harter Schlag. Wie auf Samoa, so mußten auch hier die Deutschen ihr kühnes Hoffen, auf deutschem Grund und Boden zu streben und zu ringen, so bald zu Grabe tragen. Ja, was ich später erfuhr, auf Ponapè haben die weißen Händler, als das Niederholen der Flagge angekündigt war, trauernd am Fuße des Flaggenmastes auf Lungur-Eiland gestanden und über sich die Flagge halbstocks wehen lassen, aus Leid darüber, daß die lange, friedevolle Zeit vorüber, daß ein Volk, dessen Ansprüche keiner begreifen konnte, fortan hier herrschen sollte.

Und es kam der gefürchtete Kampf, furchtbar und ernst, verhängnißvoll für die, welche ein freies unabhängiges Volk geknechtet, das noch nie den Weißen hatte gehorchen gelernt, unheilvoll auch für die, die Jahrzehnte schon in Frieden hier gelebt hatten.

Der kommandirende Offizier kam später zu mir an Bord und ich vernahm die traurige Nachricht, daß von nun an die Karolinen-Inseln unter spanischer Oberhoheit gestellt seien. Nach kaum zwei Stunden zog der „Albatros“, der auf allen Inseln die deutsche Flagge niedergeholt hatte, seines Weges weiter, und das, was wir Deutsche mit Stolz unser genannt, es war dahin! —

Noch am selben Abend besuchte ich den König, um das Nähere wegen der Einschiffung der Ladung mit ihm zu verabreden, doch kam ich jetzt bei diesem schön an, er weigerte sich entschieden, die Schuld zu bezahlen, unter dem Vorwand, er stünde nicht mehr unter deutscher, sondern spanischer Protektion. Eine Verständigung über den streitigen Punkt war nicht möglich, der sonst immer freundlich und entgegenkommende König kehrte plötzlich ganz andere Seiten heraus, mir blieb nichts übrig, als die Forderung fallen zu lassen und unverrichteter Dinge abzusegeln. Aber daß der König und seine Häuptlinge ein volles Verständniß von dem Protektoratswechsel gehabt haben, bezweifele ich — doch wie so bald sollten sie den Unterschied kennen lernen.

Dahin war die Zeit friedevoller Ruhe, dahin die Zeit, wo wir Weiße sicher in den Hütten der Eingebornen aus- und eingehen konnten, der besten Gastfreundschaft, des Schutzes und der Führung gewiß. Was die neuen Herren ihnen angethan, das reizte sie zur hellen Empörung, weckte die schlummernde Rache, und nicht diese allein sollten dem Verderben geweiht werden, sondern auch alle Fremden, weiße oder braune.