Wie groß die Gefahr, sah Herr Ruß schnell ein, er setzte also die Behälter schnell nieder, und zwang mit gezogenem Revolver den Verräther, der unbewaffnet war, dies Wasser selber in schnellster Gangart zum Boote zu tragen. In größter Eile wurde darauf ins Boot geworfen, was zur Hand war, vor allem Korallensteine aus der Werft gerissen, um das Boot zu beschweren, dann sprangen die Nahestehenden hinein und losgeschnitten trieb das Boot in die Nacht hinaus. Die meisten der Arbeiter, die zurückbleiben mußten, sprangen seitwärts auf das Riff und flohen strandaufwärts.
Keine Minute zu früh waren die Flüchtlinge entkommen, denn von allen Seiten stürmten die Feinde heran; schnell folgten flinke Kanoes den Fliehenden, die aber den Vorsprung ausnutzend und mit rasch entfaltetem Segel vor dem Winde laufend, durch die Riffenge die offene See gewannen, wo im bewegtem Wasser kein Kanoe ihnen mehr zu folgen vermochte.
Man könnte fragen, warum die Deutschen sich nicht auf die „Maria de Melina“ geflüchtet haben. Solcher Versuch aber wäre wohl fehlgeschlagen, denn die Spanier hätten höchst wahrscheinlich auf das in der Dunkelheit sich nähernde Boot Feuer gegeben. So würden sie den Feinden entronnen, von Freunden niedergeschossen worden sein. Auch war ihnen bekannt, daß in dieser Nacht der Versuch gemacht werden sollte, die so schwach vertheidigte Korvette zu nehmen. Daß dieses unterblieb, das hatte die schwache Besatzung der geglückten Flucht der Deutschen zu danken, denn da diese nun den Händen der Aufständigen entgangen waren, so wurde die Unschlüssigkeit unter den Häuptlingen wieder groß, die vermeiden wollten, daß über die Vorgänge auf Ponapè irgend welche Nachricht verbreitet würde. Sobald die Deutschen die freie See gewonnen und keine Verfolgung mehr zu befürchten war, wurde beschlossen nach der 75 Seemeilen von Ponapè in Südwest-Richtung liegenden Inselgruppe Ngatik zu segeln, dem nächsten Land außer Parkim. Sie wurden aber durch die Verhältnisse gezwungen diesen Plan aufzugeben, denn wie gut nämlich auch alles vorher bedacht und überlegt worden war, in der Hast war im letzten Augenblicke nicht darauf geachtet worden, was in das Boot hineingeworfen wurde und nun stellte sich, als auf bewegtem Meere eine Untersuchung vorgenommen wurde, zum allgemeinen Schrecken heraus, daß nur sehr wenig Mundvorrath im Boote war.
Es blieb also nichts übrig, als den Kurs nach Parkim zu nehmen, wo es vielleicht noch möglich war, aus dem Hause des Händlers Lebensmittel zu holen, sofern die Eingeborenen es noch nicht erbrochen und ausgeraubt hatten. Der frische Wind trieb das schnelle Boot durch die Wogen und schon nach Mitternacht fanden die Flüchtlinge sich in der Nähe der Station. Hier ließen Ruß und Schmidt ihr Boot mit seinen Insassen zurück und gingen mit einigen Leuten auf Kundschaft aus; der dritte Deutsche und ein Eingeborener von Guam (Marianen-Archipel) San Jago, der mit den Deutschen alle Gefahren redlich theilte, blieben im Boote zurück und bewachten einen der Parkim-Leute, der zur Bootsbesatzung des Herrn Schmidt gehörte, und da ihm nicht zu trauen war, nicht freigelassen werden durfte.
Was Eßbares noch im unversehrten Hause vorgefunden wurde (wenig genug war es), wurde so schnell und geräuschlos als möglich fortgeschafft, ebenfalls noch frische Kopra und zahlreiche Kokosnüsse. Alles ging gut, in früher Morgenstunde konnte wieder abgesegelt werden, um jetzt den Kurs südwärts nach Ngatik zu richten. Der gefangen gehaltene Mann wurde vorher frei gelassen, schon um einen Esser weniger zu haben, es waren ihrer im Boote doch genug.
Es war ein gefährliches Unternehmen. Die in dieser Jahreszeit eintretenden Windstillen, die unbekannten Meeresströmungen, sowie öfters sturmartige Böen von langer Dauer machten es mehr als zweifelhaft, ob es den Seefahrern überhaupt gelingen würde, so niedriges Land, wie die kleinen Koralleninseln es sind, aufzufinden; doch im schlimmsten Falle konnte man das hohe Land von Ponapè immer wieder aufsuchen, das bei klarem Wetter doch beinahe 60 Seemeilen weit sichtbar blieb.
Mit dem seetüchtigen Boote war es auch nicht so sehr gefährlich große Strecken zu machen, dennoch mag ihnen allen nicht sonderlich zu Muthe gewesen sein, da keiner auf dem Ozean die Wege, die zu Land und friedlichen Menschen führten, kannte.
So kam der Tag mit seiner Gluth, einsam zogen sie auf weitem Meere dahin — es kam die Nacht und brachte einen Gewittersturm, der sie weit aus ihrem Kurs verschlug — und wieder kam trostlos ein Tag für sie; nun wußte keiner mehr wohin, auf bewegtem Ozean irrten sie umher, kein Land in weiter Runde — die Inselgruppe Ngatik fanden sie nicht und mußten nun, um bloß zu wissen, wo sie sich befanden, nach Osten gegen den Wind aufkreuzen. Tage sahen sie kommen und gehen, bis endlich Ponapè wieder in Sicht kam.
Der Insel nahe, erkannte Herr Ruß, daß sie sich an der Südseite von Ponapè befanden und wollte nun versuchen, in Kiti-Hafen einzulaufen, wo, wie er wußte, im Hause des dort ansässig gewesenen amerikanischen Händlers sich eine Seekarte befand, die, wenn noch vorhanden, ihnen wenigstens einen Anhalt bot, wo sie weiter Land finden könnten. Wohl erinnerte sich Herr Ruß, daß ich ihm den genauen Kurs nach Mokil, der nächsten östlich von Ponapè liegenden Insel, einst angegeben hatte, aber muthlos geworden, mit wenig Mundvorrath im Boote — Wasser hatten sie sich bei verschiedenen Regengüssen mit ihrem Segel aufgefangen — mochte keiner mehr zu einer neuen Irrfahrt rathen.
Im Kiti-Hafen eingelaufen, bemerkten sie, daß die dortigen Bewohner, die längst das sich nahende Boot erkannt, die Absicht hatten, mit Kanoes ihnen den Weg zu verlegen, und nur mit genauer Noth entgingen sie zum zweiten Male ihren Verfolgern. Auf Ponapè durften sie also nirgends landen, sie segelten deshalb wieder nordwärts unter dem Außenriffe hin und suchten die Parkim-Inseln abermals auf.