Ueberrascht, am Strande vor der Station das Boot des Herrn Schmidt zu finden, erfuhren sie bald, daß die auf Ponapè zurückgebliebenen Arbeiter noch in derselben Nacht, als sie selbst geflohen waren, dem Beispiel ihres Herrn gefolgt und das zweite Boot mit steigender Fluth vom Riffe frei gemacht hatten, um ihr Heil auf dem Meere zu suchen; ein ungewisses Schicksal zogen die Leute dem gewissen Tode von der Hand der erbitterten Feinde vor.

Die Deutschen fanden die Hauptinsel gänzlich verlassen, die Eingebornen waren mit ihren Kanoes abgesegelt, nachdem sie die Station gänzlich ausgeraubt hatten, um sich am Aufstand auf Ponapè zu betheiligen. So konnten sie denn in Ruhe sich nach Lebensmitteln umsehen, sie fanden fast nur Kokosnüsse und Brotfrucht, doch gelang es ihnen auch noch einige Schweine zu schießen und Hühner einzufangen, die sie zubereitet mit sich nahmen.

So ausgerüstet, wollte Herr Ruß zum zweiten Male versuchen Ngatik aufzufinden. Auf Parkim durften sie nicht bleiben; die siegestrunkenen Eingebornen hätten sie nach ihrer Rückkehr sicher nicht geschont. Sie segelten also mit beiden Booten wieder ab und vertrauten sich abermals dem Ozean an. Aber als der zweite Tag anbrach, fanden sie wieder kein Land — schon muthlos, zum Theil verzweifelt, wollten sie jetzt das Boot westwärts laufen lassen, auf gut Glück einem unbestimmten Schicksal entgegen gehen.

Doch nur kurze Zeit hielten sie diesen Kurs, da entdeckte einer ihrer Leute, der auf den schwankenden Mast geklettert war, mit seinen scharfen Augen in weiter Ferne südwärts die Kronen hoher Palmenbäume über den im Sonnenlicht glitzernden Wogen, sein Ruf „Land, Land“ riß alle aus ihrer Versunkenheit empor — nach Stunden schon lag vor ihnen das ersehnte und so vergeblich gesuchte Ziel — hier wenigstens waren sie sicher vor ihren einst so guten Freunden, nun aber um so mehr erbitterten Feinden. —


VII. Das Auffinden der Entflohenen.
Rückreise nach Samoa. Ende.

Die geschilderten Vorgänge sind die wortgetreue Wiedergabe dessen, was mir die später Aufgefundenen erzählt haben und ich überzeugte mich selber davon, daß alle Angaben der Wahrheit entsprachen, ja selbst, daß die Irrenden auf weitem Meer viel Härteres erduldet hatten, als sie zu berichten imstande waren.

Von jenen Ereignissen auf Ponapè, insonderheit davon, daß ein Aufstand dort befürchtet wurde, ahnte auf den Marschall-Inseln Niemand etwas. Ich lag mit meinem Schiffe „Futuna“ bereit, in wenig Tagen über Pleasant-Eiland nach Ponapè abzusegeln, ebenso der deutsche Dreimast-Schooner „Brigitta“, der, wie bestimmt, mit mir zusammen dort eintreffen sollte. Es war am 6. Juli um die Mittagsstunde, als, wie gewöhnlich, wenn ein Schiff in Sicht gekommen, das laute „Sail ho“ von den Eingebornen auf Jaluit gerufen wurde und von den hohen Schiffsmasten über die niedrige Insel hinweg auf den Ozean schauend, erkannte man bald, daß das Missionsschiff, der Dampfer „Morningstar“ auf die Südostdurchfahrt von Jaluit abhielt. Doch wie sonst lief das Schiff nicht in den Hafen ein, sondern drehte bei und sandte nur ein Boot hinein, das geradewegs zum deutschen Reichskommissar fuhr und diesem wichtige Nachrichten überbrachte.

Ohne Verweilen fuhr das Boot wieder ab; bald hatte sich die Kunde wie ein Lauffeuer verbreitet, auf Ponapè hätten die Eingebornen unter den Spaniern ein furchtbares Blutbad angerichtet, die deutschen und anderen Händler seien diesem zwar glücklich entronnen, irrten aber auf dem weiten Meere umher, dem sie sich in leichten Booten anvertraut hätten. Alle Schiffe, die in Ponapè einliefen, ließen die Bewohner nicht wieder fort, um zu verhindern, daß nach Westen den Spaniern Nachricht über den Aufstand gebracht würde.

Welche Gefahr für die deutschen Stationen auf Ponapè entstanden war, ließ sich gar nicht beurtheilen, vielleicht war der ganze Handel auf dieser reichen Insel zerstört, vielleicht durch Vernichtung der Bauten und Güter, der Gesellschaft ein ungeheurer Schaden zugefügt worden.