Leider war die mir gegebene Weisung, daß ich zuerst nach Pleasant-Eiland laufen sollte, nicht mehr zu ändern, so wurden denn schleunigst Waffen und Schießbedarf an Bord geschafft, damit wir, wenn nöthig, uns vertheidigen könnten. In aller Frühe des 7. Juli verließ ich den Hafen von Jaluit mit der Weisung, die Reise nach Möglichkeit zu beschleunigen und, wenn ich Ponapè erreicht hätte, vorerst nach den Entflohenen zu suchen; in dem Hafen dort aber nicht eher einzulaufen, als bis ich mich vergewissert, ob solches ohne große Gefährdung für Schiff und Mannschaft geschehen könne.
Nach Pleasant-Eiland, von welcher Insel ich eine beträchtliche Menge Kopra für die „Brigitta“ abzuholen und auf welcher ich auch viel Ladung, Güter und Holz, zu landen hatte, gelangte ich schon nach wenigen Tagen und kreuzte hier unablässig drei Tage und Nächte. Schon war am vierten Tage die Ladung zum größten Theil an Bord gebracht, als der Wind plötzlich schwächer wurde, der Abstand von der Insel vergrößerte sich immer mehr und sah ich ein, daß ich gegen den Strom mich nicht mehr halten würde, deshalb Signale für den an Land befindlichen Geschäftsführer aufhißend, kam dieser schließlich ab; brachte jedoch den deutschen Händler ebenfalls mit, weil er mit diesem noch nicht alles Geschäftliche erledigt hatte.
In der Voraussetzung, der Wind würde wieder stärker werden, blieb der Händler auf Anrathen des Geschäftsleiters an Bord und ließ sein Boot zur Insel zurückfahren; aber die Hoffnung erwies sich als trügerisch, der Wind wurde ganz still und am nächsten Morgen war kein Land mehr in Sicht. Ob das Boot, da der Abstand zwischen Land und Schiff schon ganz beträchtlich gewesen war, die Insel wieder erreicht hat, darüber habe ich Gewisses nie erfahren können.
Wie verhängnißvoll der Strom für die Insassen eines Bootes werden kann, zeigt folgender Vorfall, der sich im Jahre 1889 zutrug und den auf Pleasant-Eiland ansässigen Europäern, die mir persönlich wohl bekannt waren, nebst ihren Leuten das Leben kostete.
Im Juli 1889 wurde im Bismarck-Archipel die Nachricht verbreitet, es seien auf der Insel Tatan drei Weiße und eine Anzahl Kanaken von den dortigen Eingebornen ermordet worden. Da S. M. Schiffe „Alexandrine“ und „Sophie“, im Bismarck-Archipel anwesend waren, unternahm die „Sophie“ es, nähere Erkundigungen einzuziehen und es bestätigte sich, daß zwar keine Europäer, aber sieben Eingeborne von Pleasant-Eiland, sowie zwei Frauen erschlagen waren, zwei Frauen aber noch lebten, von denen eine, ein junges Mädchen, Irivon mit Namen, ermittelt werden konnte und auf ihren Wunsch an Bord des Kriegsschiffes nach Matupi gebracht wurde.
Der dort ansässige Vertreter der Firma Hernsheim & Co., Herr Thiel, der mehrere Jahre auf den Marschall-Inseln (Jaluit) gelebt hatte und die Sprache dieser Insulaner verstand, erfuhr aus dem Munde des Mädchens Folgendes:
Sie selbst sei einst mit dem Schooner „Mangaribien“ (Kapt. Reiher) von Pleasant-Eiland nach Likieb gekommen und habe dort gearbeitet, später sei sie längere Zeit auf Jaluit thätig gewesen, dann aber, als sich Gelegenheit geboten, in ihre Heimath zurückkehren, habe sie sich mit noch drei anderen Weibern auf einem nach Pleasant-Eiland bestimmten Fahrzeuge eingeschifft. Als die Insel schon in Sicht war, sei dieses wahrscheinlich vom harten Strom gefaßt, und abgetrieben worden. Vorher aber sei noch ein Boot mit den Europäern von der Insel gekommen, die Waaren aufgekauft hätten; es waren dies die Händler Harris, van Been (ein Holländer) und Bair, begleitet von dem Häuptlinge Banegain und 6 Kanaken.
Diese nun hätten sie und die anderen Weiber zu ihrer Freude mit in das Boot genommen, doch wegen des zu starken Stromes, den zu überwinden die Mannschaft zu schwach gewesen, hätten sie die Insel nicht erreicht sondern wären drei Monate auf dem Ozean umher getrieben; das Leben hätten sie von den aufgekauften Lebensmitteln, Hartbrod und Reis gefristet. Nach entsetzlichen Leiden wären dann zuerst Bair, dann van Been, zuletzt Harris gestorben, wohl aus Mangel an Wasser. Längere Zeit nach dem Tode der Weißen wären sie an eine Insel angetrieben, auf der sie sich für den im Boote befindlichen Taback Kokosnüsse hätten kaufen wollen.
Sie hätten auch Nüsse erhalten, darauf aber wären die Eingeborenen in das Boot gekommen und hätten mit Tomahawks die sieben männlichen Kanaken und zwei Weiber erschlagen. Sie selbst und ein Weib, Namens Bananie, waren ins Wasser gesprungen und weggeschwommen. Aus dem Wasser hätten die Eingeborenen Papilin und Mamalu sie gezogen und vor der Wuth der anderen dadurch gerettet, daß sie sie in ihre Hütten aufnahmen und zu ihren Frauen machten.
In ähnlicher Weise wie das erwähnte Schiff war auch ich wieder von dieser Insel abgetrieben und hatte keine Aussicht schnell dorthin zurückzukehren, um wenigstens den Händler wieder abzusetzen; versuchte ich es, konnten Wochen hingehen, ehe es mir gelang, die Insel zu erreichen, was mit meiner Weisung, schnell nach Ponapè zu segeln, nicht zu vereinbaren war. Deshalb besann ich mich nicht lange, als jede Aussicht auf frischen Wind geschwunden war, sondern ließ das Schiff nordwärts vom schwachen Windhauch langsam durch die spiegelglatte See treiben, um aus dem widrigen Strom herauszukommen; viel nöthiger schien es mir, den von Ponapè Entflohenen Hilfe zu bringen, als unersetzliche Zeit zu opfern, um Pleasant-Eiland wieder aufzusuchen.