48 Stunden waren hingegangen, als gegen Abend wie gewöhnlich die Pumpen untersucht wurden, weil das im Schiffe angesammelte Wasser ausgepumpt werden sollte. Da fand sich, daß über 3 Fuß Wasser im Schiffsraum war. Bald wurde es zur Gewißheit, daß wir uns auf einem leckenden Schiffe befanden, denn obgleich unablässig die Nacht hindurch gepumpt wurde, war erst gegen Morgen das Wasser bewältigt.
Unter anderen Verhältnissen wäre es, wenn nicht die dringende Sorge um die von Ponapè geflüchteten Deutschen mich gezwungen hätte, die Reise fortzusetzen, meine Pflicht gewesen, wieder nach Jaluit zu segeln, da ich nicht wissen konnte, ob ich in der Folge mit der Mannschaft würde das Schiff halten können. So wurde der Kurs nicht geändert — aber es war, als sollten wir nicht vorwärts kommen, denn selbst in den äquatorialen Gegenstrom gelangt, fanden wir wenig Wind und trieben eigentlich mehr nach Westen, als daß wir segelten.
Die Ursache, daß das Schiff leck geworden, war der Seewurm gewesen, der an einer vom Kupfer entblößten Stelle nahe am Kiel zwei Planken durchfressen hatte. Dieser Wurm bohrt sich als unscheinbares Thierchen in das Holz hinein, wächst darin bis zur Fingerstärke, und wenn eine Planke ganz durchbohrt ist, genügt ein größeres Loch, das Schiff in ernstliche Gefahr zu bringen.
Als ich im Januar 1887 das von Apia gekommene Schiff übernahm, wurde mir nicht bekannt gegeben, daß dieses vorher auf einer Reise nach der Gilbert-Gruppe in der Lagune von Tapetuea auf ein Riff gerathen war und dort wahrscheinlich am Kupfer Beschädigungen erlitten hatte; wären diese gleich in Apia in Stand gesetzt, d. h. das beschädigte Kupfer ausgebessert worden, so hätte das sonst so gute Schiff der Seewurm nicht durchfressen können. Doch es war geschehen und vorläufig nichts weiter zu machen, als durch ständiges Pumpen das Schiff über Wasser zu halten.
Es ist übrigens eine besondere Vorsicht nöthig, wenn man die nicht mit Kupfer oder Zink beschlagenen Fahrzeuge, wie Boote, aussetzen will, denn sehr zahlreich bohren sich diese kleinen Würmer ein und sind im Stande, Bootsplanken von ½ bis 1 Zoll Stärke schon nach mehreren Wochen völlig zu zerstören. Darum dürfen selbst mit Kohlentheer bestrichene Boote nie lange im Wasser liegen bleiben, sondern müssen stets aufs Land geholt werden, sobald sie außer Gebrauch gesetzt sind.
Auch die Eingebornen im weiten Ozean auf jeder Insel befolgen diese Regel, ob ihre Kanoes klein oder groß sind, stets holen sie diese nach dem Gebrauche aufs trockene Land.
Meine Absicht war, zuerst die Insel Mokil anzulaufen, da ich vermuthen konnte, daß dorthin die von Ponapè entkommenen Händler geflohen wären, oder wenigstens von mehreren der Versuch gemacht sein würde diese Insel zu erreichen, da es für sie dort eher möglich war, ein vorübersegelndes oder dort anlaufendes Schiff anzutreffen. Aber trotzdem, daß tagelang die Insel in Sicht war, konnte ich wegen Windstille doch nicht herankommen, und als endlich wieder leichter Wind aufsprang, war ich zu weit entfernt, so daß es besser war, geradewegs nach Ponapè zu laufen.
Vor der Nordeinfahrt angekommen sah ich die „Brigitta“ im Hafen liegen, nicht weit entfernt vom spanischen Kriegsschiff, und als ich auch Boote zwischen beiden Schiffen verkehren sah, hielt ich jede Gefahr für ausgeschlossen und lief hinein.
Die „Brigitta“, später von Jaluit abgegangen, hatte zwar leichten aber ständig guten Wind auf ihrem viel nördlicheren Kurse gefunden, hatte auch Mokil angelaufen und einige dorthin geflüchtete amerikanische Händler gesprochen, dieselben waren aber vollständig unwissend über das Schicksal der Deutschen. Das Schiff umsegelte darauf Ponapè, lief nach Parkim und Ngatik, fand aber auf letzterer Gruppe die Geflüchteten nicht mehr vor. Diese hatten dort, entblößt von allen Mitteln, kaum ihr Leben fristen können und, als der Zeitpunkt gekommen, wo Herr Ruß ein Schiff erwarten konnte, daß von Jaluit nach Ponapè unterwegs wäre, hatte er es mit den Gefährten gewagt, ihm nach Mokil entgegen zu segeln.
Dort angelangt hörte er, daß die „Brigitta“ vor kurzem ihn dort gesucht hätte und nochmals dieserhalb nach Ngatik gesegelt wäre. Da sich gerade günstige Gelegenheit bot schleunigst dem Schiffe zu folgen, nahm er einen Platz auf einem amerikanischen Schooner und ließ sich auf Ngatik, wo er sein zweites Boot zurückgelassen hatte, wieder absetzen. Aber auch hier kam er wieder zu spät an und mußte sich nun zum zweiten Male mit seinem Boote der trügerischen See anvertrauen. Doch als er abermals Mokil erreicht hatte, war die Brigitta, die ihn vergeblich gesucht, vor ihm zu dieser Insel zurückgekehrt, hatte sein großes Boot mitgenommen und war nach Ponapè weiter gegangen.