Die Kulturarbeit auf diesen Inseln wird ein ander Volk, wenn das jetzt dort lebende Geschlecht in seinem Heimathlande begraben und vergessen ist, zum späteren Segen vollbringen müssen. —
Sobald beide Schiffe segelfertig waren, verließen wir die deutsche Station auf Lungur: Herrn Ruß nahm ich mit nach Jaluit, er durfte nicht zurückbleiben, über kurz oder lang wäre er doch der Rache der Eingebornen verfallen. Die „Brigitta“ steuerte westwärts nach Yab, wo sie vollständig verloren ging, mit der „Futuna“ aber ging ich nordwärts nach dem Providenz-Atoll. Obgleich das Schiff noch immer stark leckte, die Pumpen zu bestimmten Stunden bei Tag und Nacht stets in Betrieb gehalten werden mußten, so hatten doch tüchtige Taucher dem Schlimmsten durch Uebernageln eines Stückes Kupfer am Schiffsboden abgeholfen, und da ich auch u. A. für den einsam auf jenem Atoll lebenden Deutschen Proviant an Bord hatte, wo seit 8 Monaten kein Schiff erschienen war, hielt ich es für nothwendig auch dort noch einzulaufen.
Von Ujelang segelte ich zurück nach Pingelap, einer zwischen Ponapè und Kusai liegenden Insel; dort holte ich mir von dieser eine neue Besatzung, Leute die ich mir erst auszubilden hatte, welche aber wegen geringerer Heuer eine Ersparniß ermöglichten, und kehrte von hier geradenwegs nach Jaluit zurück.
Die „Futuna“ war in den Marschall-Inseln nicht auszubessern, darum beschloß der Vertreter der Gesellschaft, Herr Brandt, dieselbe nach Apia zu senden; doch mußten vorerst noch sämmtliche Stationen mit Handelsgegenständen versehen werden, und auf dieser langen Rundreise durch die Marschall-Gruppe lernte ich verschiedene mir noch nicht bekannte Atolle kennen.
Was die Kulturfrage anbelangt, die das deutsche Reich auf diesen fernen Inseln besonders berücksichtigen muß, so kann ich erwähnen, daß die Ertragfähigkeit noch einer ganz bedeutenden Steigerung fähig ist, sofern der Sinn der einheimischen Bevölkerung für den Handel immer mehr geweckt und diese angeleitet wird, mehr zu erzielen als bisher, was darauf hinausläuft, die vielen brachliegenden Inseln mit Kokosbäumen zu bepflanzen. Dadurch würde nicht bloß ein greifbarer Vortheil erzielt, sondern auch der Gefahr vorgebeugt, daß die Wogen des Ozeans zeitweilige Zerstörungen auf diesen niedrigen Koralleninseln anrichten können. Findet doch jede hier wachsende Baumart, vornehmlich die Kokospalme, selbst auf steinigen Korallengrund, einen dankbaren Boden und gutes Fortkommen.
Im Begriffe nach Samoa abzusegeln, mußte ich meinen Obersteuermann Kannegießer, der die Führung des Schooners „Ebon“ erhielt, welches Schiff dem König Kabua und Nelu gehörte, zurücklassen, und an seiner Stelle den Japanesen Kitimatu nehmen. Kannegießer, der auf den Marschall-Inseln seit jener Zeit verblieben ist, wurde 1894 auf der Insel Butaritari (Gilbert-Gruppe) von den Eingebornen dort, die im Verkehr viel unzugänglicher sind als die Marschall-Insulaner, ermordet. In den letzten Tagen des Jahres 1887 verließ ich Jaluit; gegen starken östlichen Wind aufkreuzend, hoffte ich östlich von der Gilbert- und Ellis-Gruppe nach Süden segeln zu können, fand aber noch nördlich vom Aequator wieder solchen starken Strom, daß ich gezwungen war, diesen Plan aufzugeben, und zwischen 8 bis 12 Grad nördlicher Breite fortan Ost zu gewinnen suchte.
Oft genug hatte ich die Erfahrung gemacht, daß, während im südlichen Theil der Marschall-Inseln gutes Wetter vorherrschend war, im nördlichen zur Zeit des Nordost-Passates starke Winde wehten, so daß an den Gestaden der nördlichsten Atolle sich eine schwere See brach; ob die Annahme, jene Atolle sinken noch langsam, erwiesen ist oder nicht, steht dahin, soviel aber ist sicher, daß die nördlichsten Atolle wegen der immer weiter vordringenden See von ihren Bewohnern haben verlassen werden müssen und die wenigen noch über dem Meere liegenden Inseln heute unbewohnt sind.
Auf 176 Grad westlicher Länge, nahe der Linie, die ich in wenig Stunden zu passiren erwarten konnte, sahen wir, als die Sonne in ihrer wunderbaren Schönheit über den endlosen Ozean aufgegangen war, plötzlich wenige Seemeilen voraus eine niedrige, unbewachsene und unbewohnte kleine Insel. Als wir näher gekommen waren und dieser auf der Westseite vorüberfuhren — ich hatte schon tags vorher weit nördlicher erwartet eine Insel zu sehen und war überrascht jetzt noch eine unerwartet in Sicht zu laufen — sah ich, daß nahe derselben eine große Menge Haifische umherschwamm, auf dem niedrigen Sande aber saßen abertausend Seevögel, die noch mit ihrer Morgentoilette beschäftigt sich erst in Schwärmen erhoben, als der ungewohnte Anblick des immer näher kommenden Schiffes sie aufscheuchte.
Nicht das geringste war auf diesem öden Sand weiter zu entdecken, nur hin und wieder leuchteten im Sonnenstrahl weiße Flecken auf, es waren die angehäuften Ausleerungen der Seevögel, die in Schaaren noch saßen oder mit krächzendem Geschrei in der Luft umherschwirrten. Die Gelegenheit wäre günstig gewesen, hier frische Eier in Mengen zu erhalten, doch sah ich nirgends an der Westseite flacheren Grund und erst ganz dicht heranzulaufen und danach zu suchen schien mir der Mühe nicht werth. So segelte ich weiter, zufrieden, daß die im direkten Kurs gelegene Insel erst am frühen Morgen in Sicht gekommen und nicht, als noch Dunkelheit herrschte, von uns getroffen war, denn dann hätte sie uns und dem Schiffe verhängnißvoll werden können.
Uebrigens war ich auf alle Möglichkeiten vorbereitet, wenn das schon stark leckende Schiff nicht mehr zu halten gewesen wäre — die Mannschaft konnte nichts weiter thun, als nur die Segel bedienen und unablässig jede halbe Stunde pumpen, — dann hätte ich dieses mit den bereit gehaltenen Booten, in denen für Wochen Mundvorrath und Wasser bereit lag, verlassen.