Schon darum war ich soweit nach Osten aufgesegelt und suchte, als der Aequatorialstrom schwächer geworden, noch immer etwas Ost zu gewinnen, damit ich die Phönix-Gruppe durchschneiden oder in Lee von mir zu liegen hatte. Wäre auch keine große Gefahr damit verbunden gewesen, mit den guten Booten auf freiem Meer vor dem Winde zu segeln und Land zu suchen, so wäre solche Fahrt für zwei Frauen, Samoanerinnen, die ich als Fahrgäste an Bord hatte, doch recht unangenehm geworden.
Die Walfischfänger, die in früheren Jahrzehnten so zahlreich diesen Theil des Ozeans durchkreuzt und reiche Beute fanden, haben wenige der gewaltigen Meerbewohner verschont, und doch sah ich hin und wieder noch einige riesige Walfische in der dunkelblauen Fluth sich tummeln.
Mit langsamer Fahrt nach Süden segelnd, (die Phönix-Gruppe lag hinter uns) wurden wir eines Tages von einem, jungen Walfisch begleitet, dem es Vergnügen zu bereiten schien bald vor, bald mit dem Schiffe zu laufen, und gar leicht wäre es gewesen, dem Thiere in den dicken, plumpen Körper eine Harpune hineinzuwerfen, doch sah ich ein, daß, wenn wir auch wirklich mit sicherem Wurfe das Thier hätten tödten können, wir schwerlich einen Nutzen davon gehabt hätten, und Harpune und Leine wollte ich nicht darum opfern. Doch versessen darauf, den Walfisch zu erlangen, oder wenigstens den Versuch zu machen, bot der Steuermann Kitimatu mir immer wieder, wenn der Fisch dem Schiffe recht nahe gekommen, seine werthvolle Harpune an. Er wollte diese verlieren, sollte der Fisch entkommen, nur möchte ich ihm gestatten, eine der besten langen Leinen zu nehmen. Schließlich selbst neugierig gemacht, wie wohl der Fang verlaufen würde, ließ ich alle Vorbereitungen dazu treffen und um sicher zu gehen, damit der harpunirte Fisch die gute Leine nicht zerreißen könnte, beauftragte ich Kitimatu, diese, solange der Wal in die Tiefe schießen sollte, immer weiter auslaufen zu lassen. Ich selbst ging auf den Klüverbaum hinaus und unter diesem am Stammstocke Fuß fassend, durch eine Brustleine gut gehalten, daß beide Arme frei blieben, wartete ich auf den Augenblick, wann der Wal wurfgerecht wieder vor dem Schiffe laufen würde, um dann die bleibeschwerte Harpune dem Thiere in oder neben das Spritzloch mit voller Wucht zuzuwerfen.
Nicht lange brauchte ich zu warten, der Wal kam heran und mit sicherem Wurfe geschleudert, fuhr ihm die tödtliche Harpune seitwärts unter dem Spritzloch tief in den Leib. Zu Tode getroffen, den Schwanz hoch über Wasser schnellend, schoß das Thier mit gewaltiger Kraft in die Tiefe. Die starke Leine fuhr rauchend hinterher; um den Spillkopf zum Wegführen belegt, war sie, da Kitimatu sie nicht fahren lassen wollte, mit furchtbarer Geschwindigkeit um dieses Holzstück herumgerissen worden, sodaß Rauch und Feuer heraussprangen und die Leine zum Theil verbrannt war. Kitimatu, dessen Hände ebenfalls verbrannt wurden in Folge der Reibung, konnte nicht mehr festhalten. Schon war ich selbst inzwischen an Deck gekommen und hatte das Messer gezogen, um diese zu kappen, als plötzlich die Leine aufhörte, weiter auszulaufen. Die Kraft des Thieres war gebrochen oder es kam herauf, um Luft zu schöpfen, die ihm aus der tödtlichen Wunde schnell entflohen sein mochte, — doch diese schnelle Fahrt in die Tiefe war sein Todeslauf gewesen. Weit entfernt an der Steuerbordseite — die ganze 450 Fuß lange Leine war fast ausgelaufen — kam der Wal hoch, Blut und Wasser spritzte er in die Luft, in Strömen floß sein Blut aus der klaffenden Wunde und färbte rings um ihn das Meerwasser roth.
Sich hin und her wälzend, peitschte er noch mit letzter Kraft einige Male das Wasser mit dem Schwanze, dann lag er still. Das Schiff, an den Wind gebracht, trieb mit backgebrassten Raaen; darauf ward der Wal herangeholt, und lag bald in Schlingen aufgefangen sicher längsseit. Nun war die Frage, wie wohl das schwere Thier an Deck gehißt werden könnte, nicht, weil wir nicht gewußt hätten, wie das anzufangen wäre, sondern es fragte sich, ob die stärksten Takel (Flaschenzüge) an Bord ausreichend sein würden.
Im Großtop wurde das stärkste Takel aufgebracht, dann wurde der todte Wal am Schwanze, mit Hilfe unserer Winde hochgeholt, doch der Körper erwies sich, als die Tragfähigkeit des Wassers aufgehoben, zu schwer. Ihn fahren lassen wollten wir nicht, deshalb wurde, um das Gewicht des Körpers zu erleichtern, der ganze Leib, soweit anzukommen war, aufgeschnitten, der Inhalt entfernt, und der Wal schließlich so hoch gewunden, daß sein Uebergewicht über Deck zu liegen kam. Jetzt wurde ein anderes Takel vom Vortop an der Harpune befestigt — am Kopfe war durchaus keine festsitzende Schlinge anzubringen, zumal da dieser nicht frei vom Wasser zu bringen war — an Bord sicher festgelegt, dann stürzte, indem wir plötzlich das Hintertakel fahren ließen, mit gewaltigem Krach der schwere Körper, 22 Fuß lang, über die Regeling (Bordwand) weggleitend, an Deck. Obgleich wir unvollkommene Mittel an Bord hatten, um den nicht besonders dicken Speck des Wals auszulassen, wurden dennoch gegen hundert Liter Thran gewonnen, vom Fleische jedoch wurde soviel als die Leute irgend unterbringen konnten, in Salzlacke gelegt, dann in Streifen geschnitten und an der heißen Sonne getrocknet. Der Vorrath war so groß, daß die Mannschaft noch in Apia damit Tauschhandel trieb.
Da beim schönsten Wetter mit leichtem Ostwind die östlichste Insel der Unionsgruppe in Sicht gekommen war, konnte ich darauf rechnen, in einigen Tagen die hohen Berge von Upolu nach zwei Jahren wiederzusehen. Wir erübrigten uns trotz des häufigen Pumpens die Zeit, dem Schiffe ein schmuckes Aussehen zu geben und arbeiteten fleißig um die Takelage sauber in Stand zu setzen.
Schon war die Arbeit beendet, und ich freute mich darüber ohne zu ahnen, daß alles vergeblich gewesen, und obwohl ich wußte, wie leicht in dieser schlechten Jahreszeit südlich vom Aequator stürmische Westwinde plötzlich auftreten, dachte ich doch nicht daran, nur noch 200 Seemeilen von Samoa entfernt, von einem Sturm überrascht zu werden.
Am Morgen des 25. Januars 1888, der ebenso golden und friedlich angebrochen, wie seit Wochen schon ein jeder Tag, fand ich eine Aenderung am Aneroid-Barometer, der langsam fallend auf ungewöhnliche Vorgänge in der Atmosphäre hinzuweisen schien, obgleich kein Wölkchen am azurblauen Himmelsgewölbe sich zeigte. Zog weit vom Standorte des Schiffes ein Sturm oder gar ein Orkan vorüber? Das konnte ich noch nicht wissen, ist doch der Umkreis des letzteren oft gewaltig groß. Doch das Barometer sank mehr und mehr, der leichte Ostwind ward ganz still, und auf der spiegelglatten Fluth wiegte sich das Schiff. Der Mittag kam und noch dieselbe Ungewißheit blieb, nur im Nordwest und Norden kamen am Horizonte weiße Wölkchen auf, näherten sich mit großer Geschwindigkeit, als fegten sie, leichten Federn gleich, vor einem entfesselten Sturm dahin!
Die Gewißheit jedoch erhielt ich bald, mehr und immer drohender kam schweres Gewölk herauf, die Luft, bisher klar und rein, ging in ein fahles Graugelb über, kein Zweifel war mehr, daß ein Orkan heranziehe, der, wenn wir ihm nicht entfliehen konnten, seine Mitte sich nach Osten fortschiebe, uns mit seinen wirbelnden Armen erfassen und in die schweigende Tiefe des Ozeans unfehlbar ziehen würde.